Reportage aus dem Hambacher Forst Aktivist aus unterirdischem Höhlenversteck geholt

Von Nina Magoley

Mitten im Hambacher Forst gruben Männer der Grubenwehr Tag und Nacht nach einem Umweltaktivisten, der sich auch noch am Freitag (16.11.2012) in einer Erdhöhle verschanzt hatte, aber inzwischen gesund gerettet werden konnte. WDR.de war vor Ort.


Bagger im Wald
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Hambacher Forst: Bagger mitten im Wald

Eigentlich könnte es friedlicher nicht sein in diesem Wald bei Kerpen-Buir: Das letzte Laub an den Bäumen leuchtet rot und orange in der fahlen Herbstsonne, Pilze verströmen ihren Duft, Vögel zwitschern in den Baumkronen. Wären da nicht die etwa 15 Polizeibusse schon am Rand des Hambacher Forsts, die großen Bagger zwischen den Bäumen, der Autokran, der Einsatzwagen der Grubenwehr, die Krankenwagen - und die Hunderschaften der Polizei, die in grünen Anzügen und schweren Stiefeln ein Loch im Boden sichern. Seit April hatten Aktivisten dieses Stückchen Wald besetzt, um gegen seine Abholzung durch den Energiekonzern RWE zu protestieren. RWE plant, den nahen Braunkohletagebau bis hierher zu erweitern.

Das Loch ist der Eingang zu einem Tunnelsystem, das die Waldbesetzer gegraben haben. Spezialisten der Grubenwehr haben es inzwischen zu einer Art Krater erweitert, ein Absaugbagger holt immer mehr Erde hervor.

"Hallooo" tönte es aus der Erde

In einer Überraschungsaktion hatte die Polizei 24 Bewohner des Protestcamps am Dienstag (13.11.2012) aus ihren Baumhäusern geholt und verhaftet. Nur einer fehlte. Dass er in einem Raum sechs Meter tief unter der Erde sitzen würde, hätten die Polizisten erst nicht geglaubt, erzählt Besetzer Jan R.. Als dann durch das selbstgebastelte Kommunikationsrohr ein "Halloooo" zu hören war, seien die Beamten entsetzt zurückgewichen.


Aktivisten wärmen sich die Hände am Feuer
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Wärmendes Feuer für mahnende Aktivisten

Jan steht jetzt vor einer qualmenden Blechtonne und wärmt sich die Hände am Feuer. Er und einige der anderen Baumbesetzer halten an der Zufahrtstraße zum "ihrem" Wald, der nun bald den Braunkohlebaggern zum Opfer fallen soll, eine Mahnwache. Gerade fährt wieder ein LKW mit schwerem Gerät Richtung Wald. Die jungen Leute schauen besorgt hinterher. Seit mehr als drei Tagen harrt ihr Mitstreiter nun schon in seinem Erdversteck aus. "Wir sind sehr stolz darauf, das er das macht", sagt Wilm Görlich, "ich selber würde mir das nicht zutrauen".

Klimawandel viel teurer als Rettung des Aktivisten

Und sie sind auch empört: Darüber, dass die Polizei trotz ihrer Warnungen mit schweren Fahrzeugen über das Tunnelsystem fahren. "Beim Bau der Tunnel hatten wir den Rat von erfahrenen Leuten", sagt Wilm. Die Aufregung der Polizei halte man für übertrieben, denn die Tunnel seien sicher. "Die wollen das als große Rettungsaktion verkaufen", meint Jan R., "aber baggern einfach wild drauf los". Erst dadurch gerate der Aktivist in Lebensgefahr. Auch, dass das viele Geld, das dieser Einsatz koste, jetzt zum großen Thema werde, erscheint den Baumbesetzern absurd. "Die Folgekosten des Klimawandels, an dem die Braunkohle ihren Anteil hat, sind unübersehbar", sagt Wilm, "aber daran denkt hier kein Mensch".


Besprühter Baum mit Schleife
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Zuhause im Wald

Für ihn seien die Monate im Waldcamp, in selbstgebauten Baumhäusern hoch in den Wipfeln, eine wichtige Erfahrung gewesen, resümiert Jan wehmütig: "Hier waren Leute zusammen, die auf der Suche nach neuen Lebensformen sind, die nicht zuschauen wollen, wie große Konzerne mit ihrer Profitgier das Leben der Menschen zerstören." Alkohol und andere Drogen seien im Camp von Anfang an tabu gewesen, zu Konzerten und Lesungen seien Besucher aus ganz Deutschland gekommen. "Wir haben den Wald als unser Zuhause wahrgenommen."

Hundertschaften rund um die Uhr im Einsatz


Polizei-Pressesprecher Anton Hamacher
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Im Einsatz: Pressesprecher Anton Hamacher

Für Anton Hamacher reduziert sich die Welt seit Dienstag nur auf ein einziges Ziel: "Wir wollen den Aktivisten lebend da raus holen", sagt der Sprecher der Polizei Rhein-Erft-Kreis. Fast rund um die Uhr hat Hamacher die letzten Tage im Wald verbracht. Mit ihm hunderte Polizisten, Feuerwehrleute und technische Experten, die in Schichtdiensten mit Baggern und Spezialgerät versuchen, zum letzten Aktivisten vorzudringen. Viel weiß die Polizei nicht über ihn - weder seine Identität noch sein genaues Alter. Klar ist nur, dass er seit Dienstag in einem Schlafsack in seiner Erdhöhle liegt, über das Sprechrohr mit der Polizei kommuniziert und dass es ihm soweit gut gehe. Zwar sickert am Freitagabend durch, dass es sich angeblich um einen polizeibekannten Anhänger der linken Szene handeln soll, bestätigen will das der Polizeisprecher allerdings nicht.


Bagger, Rettungstrupps und Polizei
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"Kosten erstmal unwichtig"

Nein, genervt sei niemand, sagt Hamacher den Journalisten wieder und wieder. "Wir sind alle froh, wenn wir ihn lebend da raus haben, darum geht es jetzt." Was das Ganze kosten wird und wer dafür bezahlen muss, das sei bis dahin unwichtig. Für die Hundertschaften gebe es immer wieder Fälle, in denen jemand gegen seinen Willen gerettet werden müsse. Allerdings, das räumt der 57-Jährige schließlich ein, gehöre dieser Einsatz zu den bisher spektakulärsten in seinen 40 Dienstjahren.

"Er will nicht gerettet werden"

Am Freitagnachmittag (16.11.2012) kommt die erste Erfolgsmeldung: Nach einem kleinen Erdrutsch sei die Grubenwehr früher als erwartet in die Kammer des Aktivisten vorgedrungen, verkündet Sprecher Hamacher, und seinem Gesicht ist Erleichterung anzusehen. Wenig später dann der Dämpfer: Der Aktivist habe sich in einen weiteren Gang zurückgezogen und zuvor die Stützen, die die Höhlendecke sichern sollen, umgetreten. "Er will nicht von uns gerettet werden", ruft Hamacher ratlos.

Ganze Dörfer weichen dem Tagebau

Die Aktivisten draußen an der Mahnwache haben inzwischen Besuch bekommen. Vier ältere Männer sind auf Fahrrädern aus den umliegenden Dörfern hergekommen. "Bezahlen müssen wir diese Aktion!", schimpft einer von ihnen. "Aufhalten kann man den Bergbau doch sowieso nicht", pflichtet ihm sein Kumpel Paul Koep bei. Dabei erweist sich Koep im nächsten Augenblick als echtes Opfer des Braunkohletagebaus: Er kommt aus dem nahegelegenen Dörfchen Manheim, das wahrscheinlich im kommenden Jahr dem Tagebau ebenso weichen muss wie jetzt schon der Hambacher Forst. "Ich muss mein Haus verkaufen, für das ich mein Leben lang geschuftet habe", ruft er mit rotem Kopf.


Anwohner Paul Koep
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Anwohner Paul Koep verliert sein Haus

Eine ältere Frau mit Strickmütze steht dicht bei den Aktivisten. Jeden Tag komme sie aus Buir her, um zu erfahren, wie es dem jungen Mann unter der Erde geht. Sie trauere jetzt schon um den Wald, und so zähle jeder Tag, den die Abholzung hinausgezögert werde. Neben ihr steht Marika Jungblut vom Aachener Baumschutzbündnis. Auch sie und ihre Bündniskollegen unterstützen die Waldbesetzer seit Monaten. An die Autobahnbrücke über die A40 hatten sie Transparente gehängt, die auf das Verschwinden des Walds hinwiesen. "Autofahrer haben uns zugehupt und gewunken" sagt sie. Dass der Aktivist unter der Erde auch für den Wald kämpft, bewege sie sehr: "Was er macht, ist supermutig."


Stand: 16.11.2012, 21.22 Uhr


Kommentare zum Thema (36)

letzter Kommentar: 19.11.2012, 13.30 Uhr

Braunbär schrieb am 19.11.2012, 13.30 Uhr:
@ John D: Fast bedauerlich das dieser ":?:?:?:?" nicht geborgen sondern nur gerettet wurde!
WDR.de schrieb am 19.11.2012, 12.40 Uhr:
Beitrag gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.
John D schrieb am 18.11.2012, 13.27 Uhr:
1. @Andreas: "Geborgern" werden nur Tote, Lebende werden nun mal gerettet... 2. @Roter Traktor: Wenn Ihnen die Stromkonzerne und unser westliches Wirtschaftssystem so zu wider sind, empfehle ich den Umzug in eine der verbleibenden kommunistischen Bastionen wie Kuba, China oder Nordkorea, wo Sie dann mit Sicherheit den selben Komfort und die selben Menschenrechte geniessen wie in den so verhassten kapitalistischen Systemen der westlichen Welt. (Ach btw: Womit erzeugt China noch gleich seinen Strom? Natürlich nur aus regenrativen Energiequellen ...) Wioe bereits geschrieben wurde, wurde ja zum einen der Atomausstieg vollkommen überhastet und unüberlegt in die Wege geleitet, zum anderen verdanken wir es auch eben jenen Grünen, die sich seit Anfang der 80er Jahre damit brüsten, die Natur erhalten zu wollen, dass eine zielgerichtete Forschung in der Kerntechnologie (Beispiele Wiederaufbereitung und/oder Fusionsreaktoren) effektiv unterbunden wurde.
Dietmar H. schrieb am 18.11.2012, 13.03 Uhr:
Es wird immer nur um die Rodung vom Hambacher Forst gesprochen, das RWE aber auch Aufforstungsmassnahmen und Rekutivierung betreibt das wird nirgendwo erwähnt. Schaut euch doch mal die Rekultivierten Landschaften an. Dann werdet ihr feststellen, das RWE zwar auf der einen Seite etwas zerstört aber gleichzeitig auf der anderen Seite neuen Wald entstehen lässt. Wenn also solche Spinner den Wald besetzen sollten Sie vorallemdingen bei der Wahrheit bleiben, hier wurden von den Aktivisten Straftaten begangen und die sollten strikt nach Recht und Gesetz geahndet werden. Wenn ein bereits Straffälliger sich und die Rettungskräfte dann noch in Gefahr bringt, sollte dieser auch entsprechend Bestraft werden.
ein Bürger aus NRW schrieb am 18.11.2012, 12.30 Uhr:
@Anonym: Zu Ihrer Frage, die ich ganz eindeutig beantworten kann, diese selbsternannten Umweltschützer und dieser Spinner unter der Erde im ganz besonderen, sind psychisch gestörte Kriminelle vor der die Gesellschaft geschütz werden muß!

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