Gleisumbau bis zum Herbst Wie die Bahn NRW zur Großbaustelle macht

Von Arnd Zickgraf

Schranken sind den ganzen Tag geschlossen, Züge fallen reihenweise aus und die Passagiere quetschen sich in verspätete Regionalzüge. Zwölf Kilometer Gleis werden derzeit bei Bonn erneuert - es herrscht der Ausnahmezustand. Ein Besuch bei Projektleiter Christian Haamann.


Im Büro von Christian Haamann herrscht Hochbetrieb. Für jeden ist der Projektleiter der Gleisbaustelle am Bahnhof Bonn-Mehlem der erste Ansprechpartner. Plötzlich geht die Tür zu seinem Büro auf und ein Polizist tritt ein. Der Beamte wendet sich an den 47-Jährigen. An der Zugstrecke sollen Diebe Kupferdrähte gestohlen haben. "Haben Sie etwas gehört?", fragt er. Haamann verneint. Der Polizist lässt sich den Personalausweis des Projektleiters geben, überträgt die Daten in seinen Notizblock und verlässt wieder den Raum.


Projektleiter Haamann hat kaum Zeit zum Durchatmen, da geht schon wieder die Tür auf. Ein Bahnarbeiter führt zwei Männer mittleren Alters in die Leitstelle. Es sind Mitarbeiter der Telekom. Sie sollen Kabel reparieren, die bei den Bauarbeiten beschädigt wurden. Die Telekom-Mitarbeiter bekommen Westen in Orange, streifen sie über und werden auf die Gefahren vorbeifahrender Züge hingewiesen. Haamann ist froh, dass die Telekom-Techniker sich über den Schaden nicht weiter aufregen. Schließlich machen sich die zwei Techniker auf den Weg zu den Kabeln. "Gestern gab es noch einen Suizidfall", so Haamann. Das geschah aber außerhalb der Baustelle. "Aber im Großen und Ganzen passt es."

Bahn verwandelt NRW in Baustelle


Passen muss es auch. Denn die Bahn verwandelt NRW von Frühling bis Herbst 2013 in eine Großbaustelle: 600 große Baustellen, 7.000 kleine. Die Kosten dafür liegen bei rund 600 Millionen Euro. Rund 1,2 Millionen Fahrgäste im Land sind betroffen. Pendler in Bonn, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Oberhausen müssen mit Behinderungen und Verspätungen rechnen. "Wir sind in der Klemme, weil wir in unsere Infrastruktur investieren müssen", erklärt Andrea Brandt von der Pressestelle der Bahn NRW. Desweiteren müsse alter Schotter gereinigt werden, weil sonst die Gefahr bestünde, dass Schmutz ins Grundwasser trete. Das sei eine Frage des Umweltschutzes. Außerdem verstärke die Bahn Stützmauern am Streckennetz, so Brandt, damit die Gleise vor Hochwasser geschützt seien.

Stillgelegte Bahnübergänge und ICEs auf Umwegen

Zwischen Bonn-Mehlem und Bonn Hauptbahnhof erneuert die Deutsche Bahn derzeit rund zwölf Kilometer Gleis. Etwa 200 bis 300 Züge passieren täglich die Strecke. In sechs Bauphasen wechseln die Gleisarbeiter das verschlissene Material aus. Von Februar bis Mai 2013 herrscht an dieser Strecke der Ausnahmezustand. Denn jeweils ein Gleis wird wegen der Gleisarbeiten ganz gesperrt. Die Bahnübergänge in der Drachenburgstraße, Kapellenweg und Plittersdorfer Straße werden zwischenzeitlich ganz geschlossen. Außerdem fallen Zugverbindungen aus, Güterzüge und Intercitys werden über die rechte Rheinseite bei Bonn-Beuel geleitet.

Basisarbeit im Gleis


Der erste von sechs Bauabschnitten in Bonn ist nun fertig und Gleis 33 auf einer Länge von rund 2.000 Metern wieder sauber und griffig. Schotter und Schienen müssen etwa alle 20 Jahre erneuert werden, weil ansonsten "Bodenstabilität und Querverschiebewiderstand" nicht mehr gegeben sind, erklärt der Projektleiter. Das heißt, die Gleise bewegen sich bei sehr kaltem oder heißem Wetter in ihrem Bett und sind auf Dauer nicht mehr befahrbar.


Christian Haamann hat eine Stopfmaschine, eine lang gezogene, gelbe Lokomotive mit Anhängern, auf das alte Gleisbett losgelassen. Die Maschine pflügt den Schotter mit den Stopfpickeln unter die Schwellen. Sie kann auch Schienen anheben und in die richtige Position bringen. In einer Stunde schafft das lärmende Ungetüm 1.200 Meter, erläutert Christian Haamann. "Das Witzige an der Maschine ist, dass sie die ganze Zeit fährt, während der Stopfsatellit, der unter der Karosserie an Schienen aufgehängt ist, stehen bleibt, den Schotter unter die Schwellen pflügt und an der Maschine dann schnell wieder vorprescht", erläutert der Projektleiter. Der Vorteil: Die 150 Tonnen schwere Maschine muss nicht ständig angehalten und wieder beschleunigt werden.

Der Lärm von Tröten


Während Haamann über die Bahnschwellen stapft, um zu sehen, wie weit seine Leute mit der Montage der Gleisstücke für die nächste Bauphase sind, ziehen rote Regionalzüge und weiße Intercitys vorüber. Die Männer könnten schneller montieren, bemängelt der Chef. Bei der Baustelle in Bonn-Mehlem verlangsamen die Züge ihre Geschwindigkeit auf 70 km/h. Nähert sich ein Zug dem Bauabschnitt, schaltet sich 400 Meter vor der Baustelle automatisch eine Warnanlage mit Tröten und Blinklichtern an. Dann verlassen die Bauarbeiter die Gefahrenzone und bringen sich hinter einem Geländer am Baugleis in Sicherheit.


Für den Bautrupp von Haamann wäre es ungefährlicher, wenn alle Gleise während der Sanierung des Streckennetzes gesperrt würden. Ohne Weiteres könnten Gleisarbeiter und die Bagger über die Gleise kommen. Doch beim Bonner Hauptbahnhof liegen zehn Gleise nebeneinander. "Wir müssen Arbeitsvorschriften und Technik so aufeinander abstimmen, dass es immer passt", erläutert Haamann das Problem.

Dreimal verspätet - Job verloren


Ob die Bauarbeiten kompliziert sind oder Züge umgeleitet werden müssen, dürfte Mesut A., einen Koch, wenig kümmern. Er wartet in Bonn-Mehlem auf den Ahrexpress nach Bonn Hbf. "Ich habe meine Arbeit verloren, weil ich mich dreimal in der Woche verspätet habe", sagt Mesut. Er wirkt niedergeschlagen. "Die Stadt hat das Geld und springt mit den Leuten um, wie sie will", sagt er. Den Versuch der Stadt Bonn, Ersatzverkehr zu organisieren, findet auch Helmut Redeker, Ratsmitglied der Stadt Bonn (SPD), nicht gelungen. "Die Beeinträchtigungen sind massiv", sagt der Rechtsanwalt. Viele Wochen lang werde Bonn-Mehlem nur noch einmal die Stunde von Zügen angefahren werden. Viele Pendler stünden deswegen zeitiger auf und nähmen einen früheren Zug. Der Regionalexpress von Koblenz nach Emmerich müsse auch in Bonn-Mehlem halten. Das liege im Interesse der Bürger, aber auch der Arbeitnehmer von vielen Unternehmen im Gewerbegebiet bei der Drachenburgstraße. "Mehlem darf nicht abgehängt werden", fordert Redeker.


Stand: 08.03.2013, 14.51 Uhr


Kommentare zum Thema (7)

letzter Kommentar: 09.03.2013, 17.24 Uhr

cgn-4u schrieb am 09.03.2013, 17.24 Uhr:
Jede Art von Bauarbeiten ist mit irgendwelchen Einschränkungen verbunden. Glauben die betroffenen Bahnkunden wirklich allen Ernstes, Schienenbauarbeiten im laufenden Verkehr könnten ohne Langsamfahrstellen durchgeführt werden und Langsamfahrbereiche haben nun mal einen Zeitverlust zur Folge. Oder sollen die Schienenbauarbeiter bei Durchfahrt des Zuges mit nicht reduzierter Geschwindigkeit mal eben in letzter Sekunde ruckzuck von den Gleisen springen. Und wie soll bei zweigleisigen Strecken der ungehinderte Verkehr auf nur noch einem nutzbaren Gleis von statten gehen? Egal welche Arbeiten an und auf den Gleisen erfolgt, es gibt für die Beschäftigten der Gleisbaufirmen Unfallverhütungsvorschriften, die sie nun mal im eigenen Interesse tunlichst beachten sollten. Oder soll, damit es ja zu keinen Fahrplaneinschränkungen kommt, der Tod der Arbeiter billigend in Kauf genommen werden!? Ein Zug verursacht bei voller Fahrt eine gewaltige Druckwelle, da sollte man sich nicht aufhalten.
Anonym schrieb am 09.03.2013, 09.28 Uhr:
@Walter: Verspätungen sind ja eine Sache, aber auf der Strecke Mönchengladbach-Koblenz wird im Herbst für fast zwei Monate der Abschnitt zwischen Grevenbroich und Köln-Ehrenfeld komplett gesperrt. Da hilft auch ein frühes Losfahren nichts. Die Bahn ist so gnädig und setzt Ersatzbusse ein. Aber ich frage mich, 1. wie soll ein Bus es schaffen einen meist überfüllten Zug zu ersetzen und 2. wie soll jener Bus pünktlich sein? Ab Köln Bocklemünd steht man meist im Stau, weil dort eine 2 Spurige Umgehungsstraße, eine Zubringerstraße von Pulheim und eine Autobahnabfahrt zusammentreffen. Als Autofahrer hat man ja meist eine Alternative und kann eine Umgehung fahren. Als Bahnfahrer geht das nicht, da es auf dieser Strecke keine Alternativen gibt.
walter schrieb am 08.03.2013, 16.30 Uhr:
@ecki63: ja wie soll man den sonst die Strecken sanieren, wenn nicht durch Bauarbeiten? @ursula: klar kann es bei Bauarbeiten nicht immer glatt laufen, da wird es zwangsläufig zu Verspätungen kommen, weil z.B. langsam gefahren werden muss.
Volkmann schrieb am 08.03.2013, 15.09 Uhr:
mich interessiert nur ob (nach Fertigstellung) die Arbeiten unter/wegen Zeitdruck und eventuell reduziertem "manpower" auch die nötigen Sicherheits-Standards gewährleisten.
ecki63 schrieb am 08.03.2013, 15.07 Uhr:
Hätte man nicht jahrzehnte lang nur den Autoverkehr gesponsert hätten wir diese Probleme nicht. Autobahnen wurden gebaut, weil ach die lieben Autofahrer ja nicht im Stau stehen sollten, aber Strecken wie zwischen dem Ruhrgebiet und Münster sind immer noch zweigleisig obwohl sich das Schienenaufkommen verfünfacht hat in den letzten 30 Jahren. Investitionen bei der Bahn waren nicht gefragt, galt diese insbesondere in den 70er Jahren fasst schon als Auslaufmodell. Nun muss was getan werden, zulasten der jenigen die mit dem Zug zu arbeit fahren und die Umweltschonen. Müssen wir als Pendler mit leben, auch wenn es verdammt weh tut.

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