Interview - Homosexualität im Fußball Vor dem Ball sind noch nicht alle gleich

In der Männerdomäne Profifußball gilt Schwulsein immer noch als Makel. Nun will der DFB stärker gegen Diskriminierung vorgehen. Wie man den Männlichkeits-Wahn in den Griff kriegen könnte, erklärt Soziologe Gunter Pilz.


"Vor dem Ball sind alle gleich" ist der Titel der zweitägigen Tagung, auf der der DFB in der Sportschule Hennef über sexuelle Identität im Fußball diskutieren will. Gunter Pilz ist einer der Experten und in der DFB-Kommission für Nachhaltigkeit zuständig für das Thema Anti-Diskriminierung. Der Soziologe ist außerdem Professor am Institut für Sportwissenschaft an der Universität in Hannover. Zu Beginn der Tagung spricht er im Interview mit WDR.de darüber, warum Homosexualität in der Männderdomäne Fußball immer noch ein Tabu ist.

WDR.de: Wie kommt es, dass wir im Jahr 2012 noch darüber sprechen müssen, wie schlimm es ist, als Leistungssportler homosexuell zu sein? Warum tut sich gerade der Männerfußball so schwer damit?


Prof. Gunter Pilz: Das hat sicherlich etwas damit zu tun, dass in den meisten Fällen Leistungssport sehr stark mit Männlichkeit und Härte verbunden ist. Da hat Homosexualität offensichtlich wenig Platz. Für Fußball gilt das ganz besonders, weil Fußball eben sehr stark als Männersport wahrgenommen und dargestellt wird. Auch wenn es mal ein bisschen zu hart wird auf dem Platz, kommen gleich die Stereotypen: Fußball sei eben kein Spiel für ein Mädchenpensionat.

WDR.de: Wer homosexuell ist, kann also unmöglich männlich und hart sein?

Pilz: Das ist in der Tat die Einstellung. Und es kratzt offensichtlich an der Identität der Sportler, wenn sich jemand outet.

WDR.de: Beim Frauenfußball scheint das nicht so zu sein, da outen sich einige Spielerinnen als lesbisch.

Pilz: Bei Frauen funktioniert das ein bisschen anders. Wenn die sich als lesbisch outen, bestätigen sich auch wieder Vorurteile: Fußball ist ein Männersport, und wenn Frauen Fußball spielen, können sie keine Frauen sein. Unproblematisch ist Homosexualität auch bei Frauen nicht. So ist beispielsweise die Sponsorensuche schwierig, auch, weil es lesbische Spielerinnen gibt. In beiden Bereichen tut man sich schwer mit der Erkenntnis, dass die sexuelle Orientierung eines Spielers oder einer Spielerin völlig belanglos ist.

WDR.de: Welche Folgen haben diese Mechanismen?

Pilz: Für den Fußball hat das fatale Folgen. Weil man weiß, dass viele Spieler mit diesem Problem psychisch belastet spielen und daher nicht ihre optimale Leistung bringen können. Einige schlagen wegen dieses Drucks vielleicht gar keine Spieler-Karriere ein oder wechseln zu einer anderen Sportart. Andere verheiraten sich, um den Schein zu wahren. Und das hat natürlich hochgradige psychische Belastungen zur Folge. Das hat beispielsweise der Fußballer Marcus Urban in seinem Buch "Der Versteckspieler" sehr deutlich beschrieben. Urban hat sich letztendlich von dem Sport verabschiedet.

WDR.de: Bei den Fans sind Ausdrücke wie "Schwule Sau" ein gern bemühtes Feindbild. Wie kann man gegen so etwas angehen?


Pilz: Das ist ein sehr ärgerliches Thema, weil es die Diskriminierung im Alltag verdeutlicht. Im Stadion gibt es eine Beschimpfungs- und Pöbelkultur. Als der Torwart Roman Weidenfeller den Feldspieler Gerald Asamoah als "schwarze Sau" beschimpft hat, wurde er für sechs Wochen gesperrt. Daraufhin sagte Weidenfeller, Asamoah habe ihn falsch verstanden, er habe "schwule Sau" gesagt. Was dazu führte, dass das Sportgericht die Sperre auf drei Wochen verkürzt hat. Man muss deutlich machen, dass beide Diskriminierungen gleich schlimm sind. Und Diskriminierung ist im Stadion nicht akzeptabel.

Und noch etwas ist wichtig: Wir wissen aus wissenschaftlichen Untersuchungen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Rassismus/Rechtsextremismus auf der einen Seite und Sexismus/Homophobie auf der anderen Seite gibt. Und wir beobachten, dass, weil rassistische Sprüche hochgradig tabuisiert sind, Fans über den Sexismus und die Homophobie ihre rechte Gesinnung äußern. Da müssen wir noch stärker sensibilisieren.

WDR.de: Was muss denn der DFB tun, um dagegen anzugehen?

Pilz: Wir wollen, auch mit dieser Tagung, auf das Thema aufmerksam machen. Wichtig ist auch, dass nicht nur die Homosexuellen Ängste haben, sondern auch die Personen, denen gegenüber sie sich outen wollen. Wie geht man mit einem solchen Outing um? Es geht also darum, sich füreinander öffnen und zu akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche sexuelle Orientierungen haben. Wir hoffen, dass wir in einer offenen Atmosphäre diese Ängste abbauen können.

WDR.de: Wie könnte das beispielsweise aussehen?

Pilz: Erstmal muss man in der Lage sein, zu akzeptieren, dass jemand gut Fußball spielen kann, auch wenn er schwul ist. Und man muss mit Hilfe der Schwulen überlegen, wie man Unsicherheiten im Umgang mit der Situation verringern kann. Wir müssen Informationen darüber austauschen, wie viel Alltagsdiskriminierung stattfindet, wo sich keiner drüber Gedanken macht. Der wichtigste Schritt wird sein, Homosexuelle als ganz normale Menschen anzusehen, und nicht irgendwelche Gefährdungen dahinter zu vermuten. Man muss aber auch sagen, dass es schon jetzt viele Positiv-Beispiele gibt, gerade in Amateurvereinen, die oft positiv mit Homosexualität umgehen. Solche Best-Practice-Beispiele sollte man auch stärker in den Vordergrund stellen. Perspektivisch wäre es sicherlich sehr hilfreich, wenn sich ein prominenter schwuler Spieler outet, um mit all den Mythen aufzuräumen.

Die Fragen stellte Annika Franck.


Stand: 17.01.2012, 14.00 Uhr


Kommentare zum Thema (21)

letzter Kommentar: 20.01.2012, 22:49 Uhr

Stuermer schrieb am 20.01.2012, 22:49 Uhr:
@Fußballfan: Dann wird er sich, wie fast alle Menschen, wohl mit der bestehenden Gesellschaft abfinden müssen. Es gibt keinen Grund eine komplette Gesellschaft zwanghaft umzukrempeln, um es ein paar wenigen für ihre persönlichen Vorlieben Recht zu machen. Wie war das noch mit der Demokratie? Der Wille der Mehrheit zählt und nicht die Wünsche oder Vorstellungen des Einzelnen? Wenn der Homosexuelle Probleme auf Weihnachtsfeiern hat kann das nicht gleichzeitig das Problem aller Anderen auf der Weihnachtsfeier sein. Die wollen nur Feiern. Es ist nur eine Weihnachtsfeier und kein Forum für Homosexuelle. Wenn da Leute blöde gucken, muss er sich mit denen unterhalten. Unterstützung wird er aus allen Ecken erhalten.
Fußballfan schrieb am 19.01.2012, 13:16 Uhr:
@Stuermer: Das Problem ist, dass ein homosexueller Spieler sein Privatleben eben nicht einfach so leben könnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Denn zu einem normalen Privatleben gehören eben auch gewisse Kontaktpunkte mit der Öffentlichkeit. Nimm eine Vereinsfeier zum Beispiel. Wenn von 20 Fußballprofis 19 mit einer Partnerin an ihrer Seite kämen, einer aber mit einem Partner, wäre doch wohl klar, was am nächsten Tag die Schlagzeilen bestimmt, oder? Und das, obwohl der eine homosexuelle Spieler sich um keinen Deut anders verhalten hätte als seine Kollegen.
Stuermer schrieb am 18.01.2012, 22:29 Uhr:
@AnneLehne: Erschreckend ist nur deine Forderung das die Leute "medienwirksam" ihre Sexualität offenbaren müssen. Das ist nämlich deren Sachen und nicht Deine. Das geht weder Dich noch mich was an. Es gibt auch ein Privatleben.
Volkmann schrieb am 18.01.2012, 20:51 Uhr:
In den siebziger Jahren war das "Fußball-Ballett" ein absoluter Publikumsrenner und so ich mich daran erinnere waren auch (immer) einige "merkwürdige" Szenen dabei - zur Freude des Fernseh-Zuschauers. Mokiert darüber hat sich wohl niemand.
AnneLehne schrieb am 18.01.2012, 20:27 Uhr:
Erschreckend diese Kommentare hier... "Warum soll ein schwuler Spieler mit seiner Art der Sexualität denn unbedingt hausieren gehen?" Naja, in erster Linie soll er nicht damit hausieren gehen, sondern seinen Partner zeigen können/dürfen. Sei es auf der Weihnachtsfeier, zwischen den Spielerfrauen im Stadion oder eben auch im TV. So wie seine Kollegen ihre Partnerinnen zeigen können und diese nicht verschweigen müssen. Außerdem wird es seinem eigenen Wohlbefinden wahrscheinlich sehr gut tun sich nicht mehr verstecken zu müssen. Es geht nicht ums präsentieren der sexuellen Orientierung, sondern darum, sich nicht verstecken zu müssen. Und dafür ist es (leider) mal nötig, dass sich jemand (medienwirksam) outet. Damit dieses Tabu endlich ein Ende hat. Diese Situation lässt sich leider auch noch auf viele andere Gesellschaftsbereiche und Berufsfelder übertragen.

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