Nach Ausschreitungen vor Ford-Werk Belgische Arbeiter wieder freigelassen

Bei der Demonstration von etwa 200 belgischen Ford-Arbeitern am Werk in Köln hatte es am Mittwoch (07.11.2012) Ausschreitungen gegeben. Zehn Personen waren festgenommen worden. Alle sind inzwischen wieder frei. Laut Polizei müssen sie sich wegen Landfriedensbruch verantworten.


"Neun der Festgenommenen wurden bereits am Mittwochabend wieder freigelassen, der zehnte heute", sagte ein Polizeisprecher WDR.de am Donnerstag (08.11.2012). Ihnen werde Landfriedensbruch vorgeworfen. "Dem mutmaßlichen Rädelsführer, einem 39-jährigen Belgier, wird darüber hinaus gefährliche Körperverletzung, Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz und Sachbeschädigung vorgeworfen", sagte der Sprecher weiter.

Feuerwerkskörper auf Polizisten geworfen


Laut Polizei war die Situation bei der Demo am Kölner Ford-Werk im Stadtteil Niehl schnell eskaliert: Reifenstapel brannten, Glasscheiben gingen zu Bruch, schließlich wurde das Gelände des Autobauers von etwa 20 bis 40 Protestierenden sogar gestürmt. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an, um die Lage zu entschärfen. Bei den Auseinandersetzungen wurden drei Beamte verletzt, nachdem Demonstranten, so die Polizei, "selbstgebastelte Sprengkörper auf sie geworfen" hatten. Außerdem wurde ein Polizeiauto beschädigt. Die belgischen Arbeiter waren mit Bussen nach Köln gekommen, weil dort am Mittwochnachmittag eine Sitzung der europäischen Geschäftsleitung mit den Ford-Betriebsräten stattfand.

Kölner Kollegen solidarisieren sich

Mehrere Beschäftigte des Kölner Werks solidarisierten sich mit ihren belgischen Kollegen. Ob Ford einen Strafantrag stellen wird, wollte ein Sprecher des Unternehmens nicht sagen. Ford Deutschland teilte mit, "selbstverständlich" respektiere das Unternehmen das Recht auf friedliche Demonstrationen: "Auf der anderen Seite sind wir enttäuscht darüber, dass einige der Protestierenden sich gewaltsam Zugang zum Werksgelände verschafft haben."

Polizeigewerkschaft befremdet

Verständnis und Enttäuschung zugleich signalisierte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut. Als Gewerkschafter könne er nur zu gut verstehen, dass die Arbeiter ihren Zorn und ihre Sorge auf die Straße trügen: "Dieser Zorn darf sich aber nicht in blinde Wut gegenüber Unbeteiligten Bahn brechen." Die Brachialität, mit der die Demonstranten gegen die Polizisten vorgegangen seien, befremde ihn sehr.

Gewerkschaft: "Zukunft tausender Familien ist weg"

Bereits Ende Oktober hatten die belgischen Arbeiter in Genk ihrer Wut über die Schließung ihres Werkes, die bis 2014 vollzogen sein soll, freien Lauf gelassen. Sogar Autos wurden dabei angezündet. Ronny Champagne von der sozialistischen Gewerkschaft ABVV sagte damals: "Für Genk ist das ein Drama. Die Zukunft von tausenden Familien ist weg." In dem belgischen Ford-Werk arbeiten rund 4.300 Menschen. Außerdem sind über 5.000 Arbeitsplätze bei Zulieferern in der Region von Ford abhängig.

Ford-Chef: "Schließung ohne Alternative"


Ford-Vorstandschef Alan Mulally verteidigte am Mittwoch in Berlin die angekündigte Schließung dreier Werke in Belgien und Großbritannien bis Ende 2014. "Das wird viele Menschen betreffen, und wir sind uns dessen bewusst", sagte der Manager bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Europa seit Bekanntgabe der Entscheidung. Sie bedeutet den Abbau von insgesamt 6.200 der europaweit 47.000 Jobs bei Ford. Trotz der problematischen Situation der betroffenen Mitarbeiter und ihrer Familien sei eine Schließung des Werks Genk ohne Alternative, betonte Mulally. "Wenn wir das nicht tun würden, wären wir irgendwann weg, und keiner hätte etwas davon", sagte der Ford-Chef weiter. In Europa sei die Wirtschaftsleistung massiv zurückgegangen, viele Länder seien nicht mehr wettbewerbsfähig, einigen drohe Rezession."

Kölner Werk bis 2017 sicher

In den beiden deutschen Ford-Werken in Köln und Saarlouis sind betriebsbedingte Kündigungen bis 2017 ausgeschlossen. Dort beschäftigt der Konzern insgesamt rund 24.500 Menschen.


Stand: 08.11.2012, 13.46 Uhr


Kommentare zum Thema (116)

letzter Kommentar: 09.11.2012, 16.28 Uhr

Kölner schrieb am 09.11.2012, 16.28 Uhr:
Ich hätte diese belgischen Arbeiter-Hooligans nicht so schnell wieder frei gelassen! Schade das unsere Justiz in diesem Fall nicht genug Selbstbewußtsein hatte. Angriffe auf Polizisten von kriminellen Ausländern werden sonst weniger tolleriert.
jokzok schrieb am 09.11.2012, 09.25 Uhr:
Vielen Dank Kleiner Mann, das Sie mich auf diesen Fehler hingewiesen haben. Dieses letzte Wort gehört nicht zu diesem Text. Leider hatte ich es übersehen. Trotzdem vielen Dank das Sie sich die Mühe gemacht haben ihn zu lesen. So macher Fehler kehrt bei anderleuts Reaktion ihr politische Ausrichtung aus. Danke auch dafür.
Eifelwanderer schrieb am 09.11.2012, 08.53 Uhr:
Ich bin dankbar für jedes Auto, das weniger produziert wird! Leider wird das in einer Gesellschaft nicht so wahrgenommen, in der so viele sowohl automobil- als auch wachstumssuchtkrank ist, dass das nicht als schwere, gemeinschädliche Krankheit, sondern, weil so viele krank sind, die Vergottung und Anbetung von Automobilen und Wachstum als die Norm und somit "normal" empfunden werden. Wie alle Suchtkranken nehmen auch die 'Autosuchtkranken den wahren Charakter des Suchtmittels nicht mehr wahr: Nämlich als jährlich allein in der BRD Tausende Menschen hinmordende, verstümmelnde, alle Lebensgrundlagen vergiftende, Städte und Landschaft unbewohnbar machende MORDWAFFEN. Und Wachstum, das unaufhörlich ist, wird nicht als das wahrgenommen, was nicht endendes Wachstum ist: KREBS. Jede Autofabrikschließung ist darm eine gute Tat! Nur leider weigern sich die sog. Verantwortlichen, selbst autosuchtkrank, Technik, Arbeit und Ausbildung auf dem Weg weg vom Auto zu bringen...
Alles was Recht ist schrieb am 09.11.2012, 00.09 Uhr:
Ich habe volles Verständnis für die Situation der belgischen Ford-Mitarbeiter und das sie ihrem Ärger Luft machen wollen. Demonstration vor dem Ford-Tor, Alles verständlich. Mein Verständnis hört aber da auf, wo Straftaten begangen werden, Polizisten mit Gegenständen beworfen werden und Streifenwagen beschädigt werden. Hier muss gegen die Verantwortlichen hart durchgegriffen werden, so ein Verhalten ist nicht zu dulden. Zu dem ein Schlag ins Gesicht aller Demonstranten, die friedlich auf ihre Situation aufmerksam machen wollen.
Werner Offermann schrieb am 08.11.2012, 19.27 Uhr:
Mahlzeit, Ich bin Mitarbeiter der Kölner Ford-Werke und spreche im eigenen Namen. Bedingt durch meine Tätigkeit war ich vorne dabei und muss an dieser Stelle eine Lanze für meine belgischen Kollegen brechen: bei den "Störern" handelte es sich um eine Gruppe von zunächst 9 Personen, welche wirklich heftige Knallkörper abbrannten. Danach drangen diese unterstützt von etwa weiteren 15 Personen ins Werk ein, wobei ein Kölner Kollege "verletzt" wurde. Der Rest der Demonstranten folgte aufs Werkgelände. Abgesehen vom oben beschriebenen Personenkreis waren die übrigen friedlich und höflich. Zu sehen auf deredactie . be Ich denke nicht, dass es sich bei den Störern um Kollegen handelte. Meine politische Meinung dazu ist, dass zumindest in Deutschland alle Autoproduzenten 9 Mio. Kunden mehr haben könnte. Aber nicht mit Hartz IV, Aufstocker, Minijobber und andere prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Die kaufen sich nicht mal einen Gebrauchten. Oder Brot bei Merzenich für 2 Euro.

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