Abstimmen über Umsiedlungs-Standort Den Bagger im Nacken

Von Conny Crumbach

Dass ihr Dorf den Braunkohlebaggern weichen muss, wissen die Bewohner von Keyenberg seit vielen Jahren. Doch am Sonntag (25.11.2012) ist der Tagebau Garzweiler II wieder ein Stück näher gerückt. An diesem Tag sollten sie über den zukünftigen Wohnort abstimmen.


Die Hauptstraße von Keyenberg
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Die Hauptstraße von Keyenberg

Nur selten fährt hier in der Mittagszeit ein Auto entlang. Der Ort wirkt ruhig und friedlich, vielleicht sogar ein bisschen verschlafen. Auf der Hauptstraße fährt man vorbei an einer Kneipe, einer Metzgerei und kleinen Fachwerk- und Ziegelhäusern, direkt auf eine große, altehrwürdige Kirche zu. Rund 900 Menschen leben in der Ortschaft Keyenberg bei Erkelenz. Noch muss man allerdings sagen.


Schaufelradbagger
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Die Schaufelradbagger treiben den Ort vor sich her.

Denn das Dorf wird in absehbarer Zeit im riesigen Loch des Braunkohletagebaus Garzweiler II verschwinden. Die Einwohner werden umgesiedelt. "Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht an die Umsiedlung denken", sagt Hans-Willi Peters (61). Er lebt seit 30 Jahren in Keyenberg und ist Mitglied des Bürgerbeirats, der die Interessen der betroffenen Bewohner während der Umsiedlung vertritt. Keyenberg und die umliegenden Ortschaften Kuckum, Unter-/Oberwestrich und Berverath liegen im Gebiet des Braunkohletagebaus. Spätestens 2023 soll hier kein Stein mehr auf dem anderen stehen. Stattdessen wird dann nach Kohle gebaggert – so steht es im Braunkohlenplan.

"Wir hängen alle in der Warteschleife"


Hans Willi und Anne Peters
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Hans-Willi und Anne Peters sind bei der Umsiedlung nicht immer einer Meinung.

Hans-Willi Peters Frau Anne leitet als Erzieherin die Nachmittagsbetreuung in der Gemeinschaftsgrundschule Keyenberg. In der Schule werden die rund 1.600 Einwohner der fünf betroffenen Ortschaften am Sonntag darüber abstimmen, wo sie in Zukunft leben wollen. Zur Wahl stehen zwei Standorte: "Schwanenberg" und "Erkelenz-Nord." Schwanenberg gilt als etwas ländlicher, Erkelenz-Nord soll besser an die Stadt Erkelenz angegliedert sein, was eine bessere Infrastruktur verspricht. Bert Hansen, der die einzige Gaststätte in Keyenberg betreibt, glaubt, dass die Entscheidung sehr knapp ausfallen wird. "Die Leute hängen total in der Luft, und welcher Standort letztlich der bessere ist, können wir im Moment gar nicht so wirklich entscheiden." Denn niemand kann zur Zeit sagen, wann genau umgesiedelt wird oder wie hoch die Entschädigungen sein werden. Einigermaßen klar ist nur: Wer mit umsiedelt, erhält eine Parzelle und ein neues Haus am neuen Standort. Wer an einen anderen Ort ziehen will, erhält eine finanzielle Entschädigung.


Bert Hansen
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Bert Hansen: "Die Leute hängen total in der Luft."

Diese Unsicherheit über ihre Zukunft belastet alle Menschen in der Region und prägt das tägliche Leben. Ganz alltägliche Entscheidungen fallen schwer – zumindest dann, wenn sie die Zukunft betreffen. Bert Hansen etwa weiß nicht, ob es sich noch lohnt, eine neue Kühltheke für seine Wirtschaft anzuschaffen. Der Monteur habe ihn gefragt: Wie lange seid ihr denn überhaupt noch hier? Hansen hatte darauf keine Antwort. Von solchen Situationen erzählt auch Anne Peters: "Wir hängen alle in der Warteschleife. Ich diskutiere zum Beispiel regelmäßig mit meinem Mann darüber, ob wir uns eine neue Heizung anschaffen sollen. Er meint, das lohnt sich vor der Umsiedlung nicht mehr. Aber wann es wirklich so weit ist, wissen wir gar nicht."

Geisterorte in der Nachbarschaft

Läuft alles nach Braunkohlenplan erhalten die Menschen in Keyenberg, Kuckum, Unter-/Oberwestrich und Berverath in vier Jahren den Umsiedlungsstatus. Dann werden ihre alten Grundstücke und Häuser bewertet, die Parzellen am neuen Standort aufgeteilt, Entschädigungen gezahlt und neue Häuser gebaut. All diese Maßnahmen werden mehrere Jahre dauern. Und nicht alle Einwohner können gleichzeitig umsiedeln.


Fenster in Borschemisch

Auch das macht vielen Angst. Denn die Keyenberger sehen seit Jahren, wie die Dörfer in ihrer direkten Umgebung sterben. In den meisten Fällen ist das ein sehr schmerzhafter und langsamer Prozess. So auch im ein Kilometer entfernten Nachbarort Borschemisch. Dort wird den Keyenbergern bereits vor Augen geführt, wie es auch in ihrem Ort einmal aussehen wird. Borschemisch ist ein Geisterort. Die meisten Häuser sind verlassen, die Rollläden sind heruntergelassen, Hauseingänge zugewachsen. Vor einer Tür stapelt sich die Post, vor einer anderen steht Sperrmüll, der wahrscheinlich nie mehr abgeholt wird. Nur wenige Einwohner sind noch da und die haben zum Teil Schilder an ihre Häuser geklebt, auf denen steht "Dieses Haus ist noch bewohnt", erzählen die Keyenberger. Denn Vandalismus und Einbrüche häufen sich in den verlassenen Dörfern. Keine schönen Aussichten für die, die bis zum Schluss bleiben.

Die Zeiten des Protests sind vorbei


Hans-Josef Pisters
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Hans-Josef Pisters: "Wir haben keine Wahl."

Massive Proteste gegen die Umsiedlungen wie in den 1980er und -90er-Jahren gibt es hier in Keyenberg nicht. Man hat den Eindruck, dass die Menschen mürbe geworden sind, durch das, was um sie herum passiert. "Wir wollen alle nicht weg. Aber wir haben keine Wahl", sagt der 71-jährige Hans-Josef Pisters, der in Keyenberg geboren ist. Für seine Frau ist es bereits die dritte Umsiedlung. Ihr Heimatort Harff musste den Baggern 1966 weichen. Die Familie zog nach Königsdorf, der Braunkohlenplan wurde geändert, sodass der nächste Umzug ein Jahr später schon bevorstand. Auch Anne Peters würde alles darum geben, in Keyenberg bleiben zu können. "Ich würde auch jeden Tag protestieren, wenn ich nur die kleinste Hoffnung hätte, dass die Umsiedlung noch aufzuhalten ist."

Solidarität leidet unter der Unsicherheit

Die Umsiedlungspolitik von Bezirksregierung und RWE baggert auch die Moral der Menschen an und schürt teilweise Neid und Misstrauen. So wurde zum Beispiel bei der Umsiedlung des Nachbarorts Otzenrath vor etwa zehn Jahren ein Umsiedlungsbüro im Ort eröffnet und Bürger einzeln zu Beratungsgesprächen geladen. So entstand der Eindruck, dass diejenigen mit dem besten Verhandlungsgeschick auch finanziell das beste aus der Umsiedlung herausholen konnten. Ob das Methode hatte, bleibt Spekulation. Doch auch in Keyenberg kursieren Gerüchte über einzelne Bewohner, die bereits über ihre Grundstücke verhandeln. Die Atmosphäre ist angespannt und der Gemeinschaftssinn leidet.


Schild mit der Aufschrift: Stop Rheinbraun
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Am Rande von Borschemisch findet man noch Erinnerungen an Zeiten des Bürger-Protests gegen den Tagebau.

So haben viele Keyenberger auch kein Interesse daran, sich mit dem Nachbarort Wanlo solidarisch zu erklären, dessen Bewohner gegen die Feinstaub-Belastung durch den Tagebau protestieren. Denn Wanlo und vier weitere Orte werden nicht abgebaggert. Sie leben weiter. Ihr Protest war erfolgreich, der Tagebau wurde zu ihren Gunsten verkleinert. In Keyenberg können sich nicht alle über diesen Erfolg freuen. "Damals haben die alle laut 'Hurra' geschrien, und wir müssen trotzdem dran glauben", sagt einer. Darunter leidet die Solidarität für eine eigentlich gemeinsame Sache. Denn auch in Keyenberg – nur knapp drei Kilometer vom Rand des Tagebaus entfernt – spürt man Feinstaub und Lärmbelästigung sehr deutlich. Aber mit Blick auf die Umsiedlung fehlt den meisten die Energie, sich darüber noch zu beschweren. Lohnt sich eben nicht mehr. So wie die neue Heizung oder die neue Kühltheke.

Das Beste daraus machen

Trotz der Unsicherheit versuchen die Keyenberger das Beste aus der Situation zu machen und viele möchten gerne, dass die Dorfgemeinschaft am neuen Standort erhalten bleibt. Hans Willi Peters versucht die Emotionen bei seiner Arbeit im Bürgerbeirat Beiseite zu lassen und die besten Lösungen für die Bewohner zu erarbeiten. Ihm wäre es am liebsten, wenn das Umsiedlungsverfahren schneller gehen würde. "Einen unangenehmen Arztbesuch, will man ja auch schnell hinter sich bringen", sagt er. Der Beirat hält den Kontakt zur Stadt Erkelenz und zur RWE. Man versucht im Gespräch zu bleiben und alle Bürger so gut wie möglich zu informieren. So standen zunächst sieben mögliche Umsiedlungsstandorte zur Wahl. Das zuständige Planungsbüro veranstaltete ausführliche Ortsbegehungen für alle Betroffenen und schließlich kamen Schwanenberg und Neu-Erkelenz in die engere Wahl.

Die Abstimmung am Sonntag wird den Bewohnern ein Stück ihrer Unsicherheit nehmen, aber über den Verlust der Heimat werden auch finanzielle Entschädigungen und Planungssicherheit nicht hinwegtrösten. "Die Vorstellung, dass unsere Kinder dann kein Elternhaus mehr haben werden und niemandem mehr zeigen können, wo sie aufgewachsen sind, ist für uns sehr schlimm", sagt Anne Peters, und ihr Mann kann ihr da nur zustimmen.

Nachtrag: Der neue Umsiedlungsstandort heißt Erkelenz-Nord. Rund 62 Prozent der knapp 1.400 Wahlberechtigten haben ihre Stimme abgegeben.

Bleibender Eindruck
Conny Crumbach

Über die Umsiedlungen rund um den Tagebau Garzweiler II habe ich zum ersten Mal vor über zehn Jahren berichtet, doch der Anblick der "Geisterdörfer" hat seinen Schrecken seitdem nicht verloren.


Stand: 25.11.2012, 10.18 Uhr


Kommentare zum Thema (38)

letzter Kommentar: 27.11.2012, 19:19 Uhr

der Eulenspiegel schrieb am 27.11.2012, 19:19 Uhr:
So genannte Pumpspeicher-Kraftwerke wie es Beispielsweise eins schon 70 Jahre an der Ruhr gibt sind sicherlich geeignet die Spitzen abzufangen. So könnte man damit die Spitzen des Solarstroms auf die Nachtstunden verschieben. Die Versorgungssicherheit wird garantiert in dem man überschüssigen Strom in Gas wandelt, dieses Gas dann speichert und bei Bedarf wieder in Strom umwandelt. Der Gas-Puffer bringt dann die Versorgungssicherheit.
der Eulenspiegel schrieb am 27.11.2012, 18:54 Uhr:
Ich zitiere „Hybridkraftwerk in Prenzlau Aus Wind wird Wasserstoff wird Strom“ Es spielt auch keine Rolle welchen Blödsinn der „RWE Techniker „ schreibt es ist heute technisch kein Problem Strom in Gas umzuwandeln, zu speichern und bei Bedarf wieder in Strom umzuwandeln. Aber die ewig Gestrigen können oder wollen das nicht verstehen.
Die Idee der eigenen dezentralen Stromversorgung der Zukun e schrieb am 26.11.2012, 21:05 Uhr:
"EE verlangen jedoch allein aus ihrer technologischen Systematik heraus dezentrale Strukturen. Und die hören für mich erst beim einzelnen Gerät oder der einzelnen Anwendung auf. EE sind geradezu dafür prädisdiniert, Eigenverantwortung jedes einzelnen zu befördern. Sehr viele können sich heute schon eine Energieversorgung nach Maß zusammenstellen, weil die technologische Umsetzung relativ einfach vollzogen und vor allem die Energieerzeugung ohne Luftverschmutzung und andere Emissionen erbracht werden kann. Je kleinteiliger ich das Problem der Energieversorgung eines Objekts (also Gerät-> Haus-> Fabrik etc.) angehe, um so einfacher die Lösungen für die bestehenden Probleme und um so größer die Versorgungssicherheit." Auch die Mächtige Atomkraft bestimmte damals neue Siedlungen ohne Schornstein, dafür Nachtspeicherheizungen Das ging gesetzlich flugs damals. genauso müßte heute dahingehend bei jedem Neubau Wohnungen, Häuser, Fabriken mit eigener dezentraler Stromversorgung.
RWE Techniker schrieb am 26.11.2012, 19:45 Uhr:
Es spielt auch keine Rolle, wie viel Atomstrom rechnerisch !! an der Versorgung teil nimmt. Nachts, im Winter bei Schnee, und bei Windflaute, in diesen Zeiten müssen sie mal den Anteil der konventionellen Energie beleuchten, da werden sie feststellen, das in diesen Zeiten die Kraftwerke fast 100 % des Bedarfs ALLEINE schaffen MÜSSEN, weil alle anderen Quellen auf 0 stehen.
RWE Techniker schrieb am 26.11.2012, 19:40 Uhr:
Der Eulenspiegel Genau da ist ihr Problem. Weil sie und viele andere bis heute den Strommarkt, Versorgung und das Netz nicht verstanden haben. Ihre Prozent zahlen sagen gar nichts aus. Strom kann man nicht wie Gurken einlagern und bei Bedarf aus dem Glas wieder raus holen. Ich kann auch 1000 % Strom aus PV herstellen, trotzdem gehen im Dunkeln dann die Lichter aus. Grundlast und Spitzenlast sind die Schlüsselwörter für die Versorgung !!!!!. Beides kann ich mit erneuerbare Energien ( Ausnahme Wasserkraft, und noch bedingt Biomasse ) nicht gewährleisten. Ohne Wind und Sonne ist sonst dark zero. Bei Wind übrigens bei VIEL Wind auch noch. NUR Kraftwerke ( Atom, Kohle, Gas ) garantieren die Versorgung zu jeder Zeit in jeder Menge.

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