Demo gegen Dichtheitsprüfung "Sinnloses Beschäftigungspaket"

Von David Ohrndorf

Bis 2015 müssen Hausbesitzer in NRW ihre Abwasserrohre auf Dichtheit überprüfen lassen, so sieht es ein Gesetz vor. Die Regelung ist jedoch umstritten und kann für die Besitzer teuer werden. In Münster wurde am Samstag (29.10.2011) dagegen demonstriert.


Kanalarbeiter an Kanal
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In NRW sollen bis Ende 2015 alle Abwasserrohre auf Dichtheit überprüft werden.

Wilfried Blumberg aus Lindlar ist sauer. "Diese Dichtheitsprüfung ist ein sinnloses Beschäftigungspaket für die Firmen, die Geld mit der Überprüfung von Rohren verdienen", sagt er WDR.de. Blumberg ist Initiator von "Alles dicht in Lindlar", einer von rund 60 Bürgerinitiativen in Nordrhein-Westfalen, die gegen die Dichtheitsprüfung protestieren. Am Samstag (29.10.2011) hatte er einen Bus organisiert, um mit 50 Leuten zur Demonstration nach Münster zu fahren. Rund 350 Demonstranten machten laut Polizeiangaben auf dem dortigen Domplatz ihrem Unmut Luft. "Wir wollen zeigen, dass wir sowas nicht mit uns machen lassen", so Wilfried Blumberg.

Prüfung seit 1995 vorgeschrieben

Die Grundlage für die heute vorgeschriebene Dichtheitsprüfung wurde bereits 1995 gelegt. Die unter der rot-grünen Regierung beschlossene neue Landesbauordnung sah vor, dass spätestens 20 Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes alle Abwasserleitungen auf Dichtheit überprüft sein müssen. Das Grundwasser soll so vor "austretenden Fäkalkeimen und Haushaltschemikalien" geschützt werden, wie es in einer Broschüre des NRW-Umweltministeriums heißt. Zwischenzeitlich wurde die Regelung von der Bauordnung in das Landeswassergesetz (§61 a) überführt. Das war im Jahr 2007, als CDU und FDP die Regierung stellten. Es hat also lange Zeit über Parteigrenzen hinweg keine Einwände gegen die Dichtheitsprüfung gegeben.


Anfang Oktober 2011, nachdem die Regelung mehr als 15 Jahre besteht, forderte der Wirtschaftsausschuss des Düsseldorfer Landtages mit den Stimmen von CDU, FDP und der Linken nun eine Aussetzung der Dichtheitsprüfung. Die bestehende Regelung "wird von der Bevölkerung nicht akzeptiert und ist für die Kommunen nur sehr schwer umsetzbar", heißt es in dem gemeinsamen Antrag. Der Umweltausschuss, der über die Aussetzung letztlich entscheiden muss, tagt am 9. November 2011. Noch steht aber nicht fest, ob das Thema dann auf die Tagesordnung kommen wird. "Eine Aussetzung wäre ein erster Schritt", findet Wilfried Blumberg, "aber die Frage ist, wie es dann weitergeht."

Sanierung kann teuer werden


Abwasserrohr
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Muss ein Abwasserrohr saniert werden, kann es teuer werden

"Wir sind nicht grundsätzlich gegen Dichtheitsprüfungen", erklärt Blumberg. Aber der Zwang zur flächendeckenden Kontrolle, ohne dass vorher ein Verdacht auf ein Leck vorgelegen habe, sei nicht zumutbar. Die Gegner fürchten Kosten und Folgen der Prüfung. Es seien Fälle bekannt, bei denen erst durch die Prüfung mit Hochdrucktechnik die Abwasserrohre beschädigt worden seien. Zwar koste die Überprüfung in der Regel nur einige hundert Euro, die Sanierung jedoch schnell vierstellige Beträge. Die Vorteile für die Umwelt stellt die Initiative in Frage. Wenn durch einen kleinen Riss "tröpfchenweise" etwas im Boden versickere, stelle das sicher keine größere Belastung dar, als die Gülle mit der die Landwirte ihre Felder düngten.

Gesamtmenge im Grundwasser relevant

Für Stephan Malessa, Referent des NRW-Umweltministeriums, ist das kein Argument. Zwar werde das Grundwasser teilweise, insbesondere im Grenzgebiet zu den Niederlanden, durch zuviel aufgebrachte Gülle belastet. Aber auch hier arbeite das Ministerium an einer Lösung. "Und das es die eine Belastung gibt, ist ja kein Grund dafür, die andere Belastung auch zuzulassen." Zudem gehe es neben den Fäkalien ja auch um Haushaltschemikalien, wie Reinigungsmittel, die im Boden versickern könnten. In NRW gibt es nach Angaben des Umweltministeriums rund 70.000 Kilometer öffentliche Abwasserkanäle und 200.000 Kilometer in privater Verantwortung. Es sei davon auszugehen, dass "sehr viele" davon Risse hätten, so Stephan Malessa. Auch wenn aus einzelnen Rohren nur geringe Mengen Abwasser versickerten, so sei die Gesamtmenge für das Grundwasser schon relevant.

Keine bundesweite Regelung

Zurzeit ist die Dichtheitsprüfung aller Abwasserrohre bis Ende 2015 nur in NRW und Hamburg vorgeschrieben. Das Land Schleswig-Holstein hat die Frist nach Bürgerprotesten um zehn Jahre verlängert, dort müssen Abwasserrohre nun bis Ende 2025 auf Dichtheit überprüft werden. Eine bundesweit einheitliche Regelung gibt es nicht. Gemäß dem Wasserhaushaltsgesetz des Bundes (WHG) sind Hausbesitzer zwar verpflichtet, ihre Rohre dicht zu halten. Eine Pflicht oder Frist zur Überprüfung ist im bundesweit geltenden Gesetz jedoch nicht vorgesehen. Für die Bürgerinitiativen erscheint eine auf Bundesländer begrenzte Regelung wenig plausibel. "Warum sollen hier in Nordrhein-Westfalen alle Rohre überprüft werden und in Niedersachsen ist das nicht nötig?", fragt Wilfried Blumberg. Er kündigt an auch gerichtlich gegen die Dichtheitsprüfungen vorgehen zu wollen, wenn die Politik keine "ausgewogeneren Regelungen" vorlege.

Stichworte

Dichtheitsprüfung

Die Dichtheitsprüfung besteht in der Regel aus zwei Arbeitsschritten. Zunächst muss der Abwasserkanal gereinigt werden. Das geschieht meistens mit einer Spüldüse, die an einem langen flexiblen Schlauch vom Haus aus durch den Kanal geschoben wird. Festsitzende Ablagerungen und Wurzeln müssen mit einer Fräse entfernt werden.

Für die eigentliche Dichtheitsprüfung gibt es verschiedene Methoden. Welche angewendet wird, muss der sachkundige Dichtheitsprüfer entscheiden.

  • Bei der optischen Inspektion wird eine Kamera in den Kanal geführt. Anhand der Videobilder kann der Prüfer Risse und Beschädigungen erkennen.
  • Zur Prüfung mit Wasser unter Betriebsdruck wird der Kanal am Ende verschlossen und anschließend mit Wasser gefüllt. Bleibt der Wasserpegel für 15 Minuten konstant liegt kein Leck vor, andernfalls wird Wasser nachgefüllt. Anhand der nachgefüllten Menge kann die Größe des Lecks berechnet werden.
  • Bei der Prüfung mit erhöhtem Druck wird der Kanal ebenfalls verschlossen. Anschließend wird Wasser oder Luft in den Kanal gepumpt. Gibt es einen Druckverlust, liegt ein Leck vor.

Stand: 29.10.2011, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (34)

letzter Kommentar: 01.11.2011, 16:51 Uhr

Günter Fliege schrieb am 01.11.2011, 16:51 Uhr:
In der Kommune 32312 Lübbecke liegen noch keine Nachrichten der Dichtheitsprüfung vor. Mit freundlichen Grüßen Günter Fliege
Kalle schrieb am 31.10.2011, 10:50 Uhr:
Diese Art der Wirtschaftsförderung braucht kein Mensch. Was wir in Deutschland brauchen ist eine Art REVOLUTION, Wiederstand der Bevölkerung gegen diese Bürgerabzocke zum Wohl der Kanalsanierer und alle änlichen Versuche den Bürger zu melken!
Aktion schrieb am 31.10.2011, 08:09 Uhr:
Lasst Wähler die Parlamente auf Dichtigkeit prüfen. Nächster Berlin-Termin 2013 und NRW 2015. Aufträge werden nicht nur von Piraten entgegengenommen!
Tobi schrieb am 31.10.2011, 06:58 Uhr:
Bei "uns" musste eine vorgezogenen Dichtigkeitsprüfung bis Ende letzte Jahres durchgeführt werden.Das Ende vom Lied, nach 2 Tassen Kaffee,ein bissl small-talk und 20 ? für MC Donalds hatte ich das Zertifikat und die Jungs eher Feierabend. Iteressanter weise erzählten sie vom Zustand des städtischen Kanalnetzes,welche wohl so marode sein soll,dass u.a. bis 25 % des Frischwassers auf dem Weg zum Kunden versickern....da möchte ich nicht wissen,wie das mit dem Schmutzwasser aussieht...
Klaus Lohmann schrieb am 30.10.2011, 21:26 Uhr:
@Kanalgenie: Damit Sie bei *mir* dann jeden Tag wegen Lärm und Dreck auf der Matte stehen, wenn *ich* sanieren muss, weil ich evt. auch an die Erben denke?? Ich bitte Sie... Wenn Ihnen die "Ruhe" 1900 Euro wert ist, biddeschön. Aber dann meckern Sie auch nicht, weil es so teuer ist. Gefälschte Zertifikate gibt's halt noch nicht bei Aldi.

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