Neue Geschichts-Show im Ersten "Brutal, aber wenigstens bekleidet"

Als am Samstagabend (07.07.2012) die neue WDR-Spielshow "Brot und Spiele" im Ersten Premiere hatte, war auch der Historiker Karl-Wilhelm Weeber im Archäologischen Park in Xanten mit dabei. Er hatte sich vorgenommen, mit Vorurteilen gegen die alten Römer aufzuräumen.


Matthias Opdenhövel "Brot und Spiele" Das große Geschichts-Spektakel
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Matthias Opdenhövel moderiert das Geschichts-Spektakel "Brot und Spiele" im Ersten.

Henry Maske, Christine Neubauer, Ralf Moeller, Franziska van Almsick, Maite Kelly, Jens Riewa und andere schlüpfen am Samstagabend (07.07.2012) in die Gewänder der alten Römer. Sie testen römische Spiele und Köstlichkeiten und helfen den Archäologen bei Ausgrabungen. Moderiert wird "Brot und Spiele" im Archäologischen Park in Xanten von Matthias Opdenhövel.

Ihm zur Seite steht Karl-Wilhelm Weeber. Der Historiker und Römer-Experte gibt Einblicke in Alltag, Lebenskultur und typische Hobbys von vor über 2000 Jahren.

WDR.de: Fußball gab es in der zu Zeiten der alten Römer noch nicht, was trieb die Menschen damals in die Arenen?


Karl-Wilhelm Weeber
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Karl-Wilhelm Weeber

Karl-Wilhelm Weeber: Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen, genauso wie Theateraufführungen. Außerdem gab es noch die Schau-Athletik von professionellen Kämpfern wie Ringern und Boxern. In Griechenland war dieser Sport bereits seit dem 6. Jahrhundert vor Christus sehr beliebt, in Rom wurden die "griechischen Wettkämpfe" dann etwas später zu einem Publikumsmagneten. Allerdings taten sich die Römer schwer damit, dass die Athleten nackt auftraten - in Griechenland war das selbstverständlich. Anders in Rom: Die Gladiatorenkämpfe gab es erst seit dem 3. Jahrhundert vor Christus in Rom, sie waren viel brutaler als die griechischen Kämpfe, aber die Akteure waren dabei - aus Sicht der Römer - wenigstens bekleidet.

WDR.de: Ging es in römischen Arenen immer um Leben und Tod?

Weeber: Natürlich, da gibt es nichts zu verharmlosen. Bei den Gladiatorebkämpfen nahm man die tödliche Verwundung billigend in Kauf, das gehörte zu den Spielregeln und aus Römersicht zu einem guten Kampf dazu. Dennoch waren die Zuschauer keine blutrünstige Meute. Sie wollten Action und vor allem einen technisch anspruchsvollen Kampf sehen. Das lässt sich belegen.

WDR.de: Wie?

Weeber: Es gibt diverse Quellen, die zeigen, dass der Verlierer eines Kampfes häufig vom Publikum begnadigt wurde, wenn er eine gute Show abgeliefert hatte. Das zeigen etwa Gladiatoren-Graffiti in Pompeji. Dort haben Menschen die Erfolge ihrer Lieblinge mitverfolgt und in figürlichen Abbildungen dokumentiert. Man sieht dort auch Unterlegene niederknien, der Buchstabe "M" für Lateinisch "missus" - "entlassen" - taucht dabei häufig auf.

WDR.de: Wurde jemand aufgrund seiner schweren Verletzungen als unterlegen erklärt?

Weeber: Nicht unbedingt, er war kampfuntüchtig. Das wurde ein Kämpfer auch, wenn er sein Schwert oder seinen Helm verloren hatte. Dann konnte ein Schiedsrichter - auch die Unparteiischen gab es - den Kampf beenden. Es ging nicht darum, dass jemand als Leiche den Platz verlässt. Allein schon aus finanziellen Gründen.

WDR.de: Wessen finanzielle Interessen spielten eine Rolle?

Weeber: Der Spielgeber, der den Kampf ausrichtete und finanzierte, ein Beamter oder in Rom auch der Kaiser, war gegenüber der Betreiber der Gladiatorenschule schadensersatzpflichtig. Wenn Gladiatoren umkamen, bemaß sich der Schaden zum Beispiel an der Erfahrung und den Ausbildungsjahren des Kämpfers. Der Betreiber der Gladiatorenschule wollte seine Stars natürlich auch nicht verlieren.

WDR.de: Waren diese Stars denn überhaupt freiwillig Gladiatoren?

Weeber: Die Mehrheit der Kämpfer, Kriegsgefangene, Verbrecher und Sklaven, wurden dazu gezwungen, als Gladiatoren aufzutreten. Es gab aber auch einen schwer zu beziffernden Anteil von freien Gladiatoren. Sie verpflichteten sich freiwillig für drei oder fünf Jahre. Wer das überlebte, war dank der Preisgelder ein gemachter Mann.

WDR.de: Gladiatorenkämpfe wird es auch bei "Brot und Spiele" zu sehen geben - hoffentlich ohne Verletzte. Was ist Ihre Rolle in der Show?


Matthias Opdenhövel "Brot und Spiele" Das große Geschichts-Spektakel
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In der neuen ARD-Show schlüpfen Prominente in Römersandalen

Weeber: Ich bin der Experte für den römischen Alltag, ein Vermittler, der für Fragen zur Verfügung steht. Von Hause aus bin ich Gymnasial- und Lateinlehrer. Latein ist auch ein Sachfach, bei dem die römische Kultur behandelt wird. Mir ist es wichtig, mehr darüber bekannt zu machen und Vorurteile zu bekämpfen. An einem Samstagabend in der ARD kann man einem Millionenpublikum die Römer näher bringen. Das kann ein Appetizer für viele sein, mehr über die eigene Vergangenheit zu erfahren - die Römer waren im Rheinland und in Teilen Süddeutschlands.

WDR.de: Wie hat uns die römische Kultur geprägt?

Weeber: Ich glaube, dass wir viel von unserer westlichen Mentalität von den Römern haben. Und das ist beleibe nicht nur positiv. Zum Beispiel ein auf Effizienz, Schnelligkeit und Ergebnisproduktion ausgerichtetes Denken. Schon die Römer hatten auch ein imperiales Verhältnis zur Natur: Immer wenn Ökonomie und Ökologie im Wettstreit miteinander waren, haben sich die Römer - wie wir heute - für die Ökonomie entschieden. Und natürlich ist die deutsche Sprache sehr stark vom Lateinischen geprägt.

Das Interview führte Insa Moog.


Stand: 07.07.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (6)

letzter Kommentar: 09.07.2012, 23.27 Uhr

Herbert Kaiser schrieb am 09.07.2012, 23.27 Uhr:
Werter Hans-Peter, wenn Sie die Sendung genauso oberflächlich sehen wie Sie Kommentare lesen, sind Sie wohl tatsächlich bei seichter Unterhaltung bei den Privaten besser aufgehoben. Nur so als Tip: ich habe so ziemlich genau das Gegenteil von dem gemeint, was Sie glauben gelesen zu haben. Sowas nennt sich "Ironie" bzw. "Sarkasmus".
Hans-Peter schrieb am 09.07.2012, 15.48 Uhr:
Die Premiere war für mich eine Doppelverstaltung: a) zum ersten mal, b) zum letzten mal. Es zwingt mich ja niemand, solche "Unterhaltung" anzuschauen, deshalb, "Unfassbar" und "Herbert Kaiser": Hat euer Gerät keinen Umschalt- bzw. Ausknopf?
Herbert Kaiser schrieb am 07.07.2012, 18.17 Uhr:
@Unfassbar: Volle Zustimmung! Das ist Bildung, also völlig unnötig! Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (die werden über die Rundfunkgebüren - die übrigens so heissen, die GEZ treibt diese nur ein - finanziert) habe ja auch keinerlei Bildungsauftrag, sondern dienen der Unterhaltung der bier-und-chips-verzehrenden ungebildeten Massen. Also bitte mehr Unterhaltung und Verblödung mit noch mehr voyeuristischen Talkshows und Zurschaustellung von unfähigen Taugenichtsen als "Talenten"! Passt doch, werter "Unfassbar": Bildung nur für die Geld-Elite, Brot und Spiele für die Massen! DAS ist doch der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen, oder?
Nero schrieb am 07.07.2012, 14.26 Uhr:
Es geht um spätrömische Dekadenz. Es gibt durchaus Ähnlichkeiten zwischen der spätrömischen Dekadenz und der heutigen Dekadenz von Dschungelcamp, Deutschland sucht den Superstar, Berlusconi und manchen Auswüchsen im Internet. Aus der Römischen Republik wurde das Römische Kaiserreich. Aus dem demokratischen Europa wird die Diktatur der Märkte und Banken.
Volkmann schrieb am 07.07.2012, 12.06 Uhr:
interessant und lehrreich. Vielleicht werden in nicht allzu ferner Zukunft Action und Kämpfe (dieser Art) wieder eingeführt bzw. neu aufgelegt (siehe Rollerball (1975). Es soll ja auch (in Filmen) schon geheime Zusammenkünfte geben wo um hohe Wetten auf Leben und Tod z.B. gefochten und gerungen wird etc. Ein gewissen Aggressions-Potenzial ist wohl latent vorhanden und wird sich steigern wenn ich mir mal die Entwicklungs-Kurve dieses Verhaltens vorstelle.

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