Stadtbibliotheken kooperieren mit Amazon Vereint mit dem Versandgiganten

Von Andreas Sträter

Erst Bücher suchen, dann Bücher kaufen - so hätte Amazon das gerne. Zwei Drittel der städtischen Bibliotheken haben eine Kooperation mit dem Online-Riesen. Klickt der Suchende im Katalog auf ein Buchcover, öffnet sich ein Link zum Interhändler.


Eine Frau sortiert Bücher in einer Bibliothek ein.
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75 Prozent der öffentlichen Bibliotheken kooperieren mit Amazon

Öffentliche Bibliotheken kooperieren mit dem Internethändler Amazon. 75 Prozent der Stadtbibliotheken und jede vierte Unibücherei haben in ihren Onlinekatalogen Links, die auf direktem Wege zu dem Versandgiganten führen. Diese Zahlen liegen dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main vor. Auch in Nordrhein-Westfalen gehen größere und kleinere Stadtbibliotheken die umstrittene Kooperation mit Amazon ein.


Symbolbild Studium: Ein Bücherstapel in der Bibliothek einer Universität (in Berlin)
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In vielen Bibliotheksdatenbanken wird das Buchcover nicht angezeigt

Wer zum Beispiel ein Buch im Katalog der Stadtbibliothek Bielefeld sucht, der findet ein Bild vom Einband direkt neben den allgemeinen Informationen. Ein Klick auf das Cover und schon öffnet sich ein Amazon-Fenster. "Immer dann, wenn die öffentliche Hand tätig ist, dann ist das Schleichwerbung, die ihnen nicht zusteht. Sie dürfen eben nicht für einzelne Teilnehmer am Markt Werbung machen. Das gehört sich nicht", sagt Christian Sprang, Justitiar beim Börsenverband des Deutschen Buchhandels.

"Wir haben gedacht, der Nutzen ist höher"

Die Bibliothek in Bielefeld nutzt die Amazon-Verlinkung, "weil wir gedacht haben, der Nutzen für unsere Kunden ist höher, als wenn wir das nicht machen", rechtfertigt Stadtbibliotheksleiter Harald Pilzer die Links. Erst so sei die Bücherei technisch dazu in der Lage, die Coverbilder der Bücher in den Katalog zu laden. Dafür gibt es allerdings auch andere Lösungen: Die Bibliothek der Universität Paderborn verlinkt nur zu Bilder, hinter denen sich kein kommerzieller Anbieter verbirgt. Auch andere Bibliotheken im Land wollen nicht, dass die Suchenden zum Kauf aufgefordert werden.

"Bei uns gibt es das nicht", sagt Christoph Muth aus der EDV-Abteilung der städtischen Bücherei in Duisburg. "So ein Angebot von Amazon ist uns noch nicht untergekommen", erklärt Muth. In den Stadtbüchereien in Düsseldorf ist eine solche Verlinkung technisch nicht möglich: "Bei uns ist das Cover gar nicht sichtbar. Wir planen das auch in Zukunft nicht", sagt Heike Regier, stellvertretende Bibliotheksleiterin.


Viele Nutzer bemerken diese unauffälligen Links kaum. Aber wenn, dann mögen sie den unterschwelligen Kaufreiz nicht: "Eigentlich werde ich verführt, bei Amazon rumzusurfen und zu gucken, wofür ich mich sonst noch interessiere", findet eine Frau in der Bielefelder Bibliothek.

Nachschub für die Bibliothek vom örtlichen Händler


Woher beziehen die Bibliotheken ihre Bücher? Die Düsseldorfer Stadtbüchereien kaufen nicht im Internet ein, sondern bestellen über örtliche Fachgeschäfte. "Wir wollen den Düsseldorfer Buchhandel unterstützen. Das ist eine ganz lange Tradition, zumal die Kooperation gut und die Lieferung unkompliziert ist", sagt Regier von den Düsseldorfer Büchereien. Auch die Stadtbibliothek Bielefeld kauft bei den lokalen Buchhändlern in der Stadt.

Der Gegenentwurf zu Amazon existiert bereits: Auf der Internetseite buchhandel.de können örtliche Händler Bücher verkaufen. Alle teilnehmenden Buchhändler sollen dabei in eine Umkreissuche einbezogen werden, sobald ein Katalognutzer den Kauf-Link anklickt und seine Postleitzahl eintippt. Das Programm soll ab Sommer über eine geringe Verkaufsprovision finanziert werden.


Stand: 07.03.2013, 16.44 Uhr


Kommentare zum Thema (8)

letzter Kommentar: 08.03.2013, 22.15 Uhr

Michael Krämer schrieb am 08.03.2013, 22.15 Uhr:
Der Gegenentwurf heißt eurobuch.com . Hier führt der Link nicht nur zu Amazon, sondern wahlweise zu sehr vielen verschiedenen Anbietern. Insgesamt sind rund 60.000 Händler über eurobuch.com vernetzt.
Gast schrieb am 08.03.2013, 18.31 Uhr:
@Ralf, ist mir schon klar, dass ich mich vorab bei Amazon über bestimmte Bücher informieren kann, ist aber zeitraubender als das bisherige Verfahren, wo man übrigens nicht "aufgefordert" wird.
Leselöwe schrieb am 08.03.2013, 14.07 Uhr:
Mein Büchereiverbund im Kreis Recklinghausen ist zum Glück nicht über Buch Cover mit Amazon verlinkt. Ich bestelle nichts mehr bei Amazon aus bekannten Gründen. Und Bücher kaufe ich nur beim örtlichen Buchhändler, der bestellt mir jedes Buch. Mir geht dies im Internet kaufen eh aufs Gemüt. Irgendwann gibt es keine örtlichen Händler mehr und was ist dann?
Hapeer schrieb am 08.03.2013, 13.48 Uhr:
#Hörer und andere: Ist die Büchersendung als "kleines Dankeschön für Ihren Kommentar" von Amazon bereits bei Ihnen eingetroffen ...?
Hörer schrieb am 08.03.2013, 11.20 Uhr:
Lieber WDR, da habt Ihr Euch ja prima von Lobbyisten instrumentalisieren lassen. Da bleibt nur Volker Pispers zu zitieren: "Das einzige, was an diesem Journalismus noch kritisch ist, ist sein Geisteszustand".

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