Prozess um Mord an Arzu Özmen Sechseinhalb Jahre Haft für den Vater

Er hat seine Tochter geschlagen, bedroht und seine erwachsenen Kinder nicht davon abgehalten, sie umzubringen: Das Landgericht Detmold hat den Vater der ermordeten Arzu Özmen am Montag (04.02.2013) deswegen zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.


Das Landgericht verurteilte den 53-jährigen Fendi Özmen in einem Indizienprozess zu sechseinhalb Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord, Freiheitsberaubung und Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Gefängnisstrafe von acht Jahren und neun Monaten gefordert. Der Vater hatte jede Beteiligung an der Tat abgestritten. Der Staatsanwalt zeigte sich zufrieden, die Verteidigung kündigte Revision an. Der Vater war bis zur Urteilsverkündung auf freiem Fuß. Er wurde noch im Gerichtssaal verhaftet.

Anstiftung zum Mord nicht beweisbar


Richter Michael Reineke sagte, die ursprünglich vorgeworfene Anstiftung zum Mord sei nicht bewiesen. "Der Rest ist aber schlimm genug." Der Vater habe seine eigene Tochter verprügelt, ihr unter Drohungen Hausarrest verordnet und nichts getan, um seine fünf erwachsenen Kinder vom Mord abzuhalten. Reineke kündigte an, dass sich demnächst auch die Mutter Arzus vor Gericht verantworten muss. Ihr wird Körperverletzung zur Last gelegt.

Tötung gegen den Willen des Vaters unvorstellbar

Die Anklage hatte dem 53-Jährigen vorgeworfen, den Mord an der Tochter zumindest nicht verhindert zu haben. Es sei unvorstellbar, dass Arzu gegen den Willen des Vaters getötet worden sei, sagte Staatsanwalt Christopher Imig. Der sei in bester kurdisch-jesidischer Tradition der Patriarch der Familie. Die Anklagebehörde war davon ausgegangen, dass die jesidische Familie nicht akzeptieren konnte, dass Arzu eine Beziehung zu einem Deutschen hatte.

Die Verteidigung hatte dagegen betont, für eine Tatbeteiligung des Vaters gebe es keinen stichhaltigen Beweis. Es stehe weder fest, ob er von dem Plan seiner erwachsenen Kinder wusste noch wann der Entschluss zur Tötung überhaupt gefasst worden sei, sagte Anwalt Torsten Giesecke. Ob und was in der Tatnacht telefonisch besprochen worden sei, sei völlig unklar. Allerdings habe er sie geprügelt, auch mit einem Knüppel.

Verräterische Rosen


Die Ermordete hatte sich in der Bäckerei, in der sie jobbte, in einen 23 Jahre alten Gesellen verliebt. Die heimliche Liebe flog aber auf, als der Freund ihr rote Rosen schickte. Der Vater und ein Sohn verprügelten Arzu daraufhin vor der versammelten Familie. Sie floh am 1. September 2010 und zeigte ihre Verwandten an. Dann ging sie ins Frauenhaus und betonte mehrmals, dass sie sterben müsse, wenn sie zur Familie zurückkehren würde.

Mit zwei Kopfschüssen getötet

Als sie in der Nacht zum 1. November 2011 ihren Freund besuchte, wurde sie von den Geschwistern entdeckt. Diese entführten die 18-Jährige und wurden bald danach festgenommen. Die Leiche ihrer Schwester wurde Mitte Januar 2012 an einem Golfplatz in Schleswig-Holstein gefunden. Die junge Frau war mit zwei Kopfschüssen getötet worden. In ihrem Prozess räumten die Geschwister die Tat weitgehend ein. Die Tötung sei aber nicht geplant gewesen. Vom Vater sprachen sie in der Verhandlung nie.

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Jesiden

Die Jesiden stellen eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich islamischen Kurden dar. Sie sind vorwiegend im Irak, in der Türkei und in Syrien ansässig. Es handelt sich um eine monotheistische Religion, die sich aber nicht auf eine zentrale heilige Schrift wie den Koran oder die Bibel beruft. Nach ihrem eigenen Verständnis stammt ihr Glaube aus vorislamischer und vorchristlicher Zeit. In ihren Herkunftsländern gab es in der Vergangenheit immer wieder Repressionen gegen die Glaubensgemeinschaft. In Deutschland leben Schätzungen zufolge etwa 60.000 bis 70.000 Jesiden.


Stand: 04.02.2013, 14.30 Uhr