Interview: Armut im Ruhrgebiet: "Verlierer des Strukturwandels"
Viele Menschen im Ruhrgebiet sind von Armut bedroht, deren Zahl nimmt zu. Der Bochumer Sozialforscher Klaus Peter Strohmeier spricht von verdrängten Folgen des Industriesterbens und setzt auf die Kinder des Reviers.

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Sichtbare Armut in der Innenstadt.
Der aktuelle Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands weist das Ruhrgebiet als Armutsregion aus. In den vergangenen Jahren hat sich die Lage erkennbar verschlechtert. In Dortmund etwa gilt inzwischen jeder Fünfte als "armutsgefährdet". Der Soziologe Prof. Dr. Klaus Peter Strohmeier forscht seit Jahrzehnten zum Thema. Er ist als Sohn eines Bergmanns in Herne aufgewachsen und leitet an der Ruhr-Universität Bochum das Zentrum für interdiziplinäre Regionalforschung, das Ruhrgebiets-Institut der Hochschule.
WDR.de: Herr Prof. Dr. Strohmeier, die aktuellen Zahlen des Paritätischen Gesamtverbands wirken dramatisch. Warum trifft die Ausbreitung der Armut in der Gesellschaft ausgerechnet das Ruhrgebiet so stark?
Klaus Peter Strohmeier: Im Ruhrgebiet erleben wir eine Spätfolge des Strukturwandels. In den nördlichen Teilen des Ruhrgebiets, die stark von Industriearbeit geprägt waren, gab es immer schon eine deutlich größere Bildungsarmut als im Umland und damit zusammenhängend eine große Einkommensarmut. Ursache für Letztere ist meist fehlende Bildung, mangelhafte Qualifikation. Ich habe vor Jahren eine kleine Analyse der Bildungsabschlüsse und der Sozialstruktur mit Zahlen von 1970 gemacht. Da sieht man, dass in Städten wie Duisburg, Dortmund, Gelsenkirchen und Herne etwa 80 Prozent der Erwachsenen einen Volksschulabschluss hatten, dazu extrem geringe Abiturienten-Quoten. Und wenn man heute schaut, dann sind das immer noch die Städte, wo man besonders viele Hauptschul-Abgänger ohne Abschluss und die wenigsten Abiturienten findet. Wenn wir etwas aus der soziologischen Bildungsforschung wissen, dann ist es, dass Bildungsabschlüsse vererbt werden.
WDR.de: Hat die Politik das Armutspotenzial im Ruhrgebiet unterschätzt?
Strohmeier: Die Politik hat das Armutspotenzial im Ruhrgebiet lange verdrängt. Wir haben uns – überspitzt formuliert – besoffen geredet, mit einer positiven Strukturwandels-Rhetorik: "Wir sind die Wissensregion in Europa, Kulturmetropole, Dienstleistungsmetropole…" Und dabei haben wir einfach vergessen, dass es Leute gibt, die diesen Wandel nicht mitbekommen haben: die sogenannten Verlierer des Strukturwandels. In einer Stadt wie Herten haben vor 40 Jahren fast 80 Prozent der Bevölkerung in Arbeiterhaushalten gelebt, die meisten waren im Bergbau. Dafür brauchte man keine mittlere Reife.

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Die Werte für den Anteil armutsgefährdeter Menschen beziehen sich auf die gesamte Bevölkerung des angegebenen Ortes, die Angaben zu den Hartz IV-Empfängern auf die jeweilige Gesamtbevölkerung bis zum Alter von 65 Jahren. Die Zahlen zum Anteil von Hartz-IV-Empfängern wurden bis auf Kreisebene heruntergebrochen, die zu armutsgefährdeten Menschen beziehen sich auf größere regionale Einheiten und können weniger exakt erfasst werden. Dies führt dazu, dass die Tabelle für Duisburg und Essen mehr Hartz-IV-Empfänger als armutsgefährdete Menschen ausweist.
In der Politik versuchte man lange, die Dinge schön zu reden. Wirkungsvoll etwas zu tun, das hat sich niemand getraut. Ich bin froh, dass Frau Kraft als Ministerpräsidentin jetzt etwas tun will. Sie hat sich ja auf die Fahnen geschrieben, verstärkt Prävention und frühe Förderung von Kindern zu unterstützen.
WDR.de: In Interviews mit armen Menschen zeigt sich oft Hoffnungslosigkeit. Glauben Sie, dass es für die Erwachsenen tatsächlich zu spät ist, und alle Energie auf die Qualifikation der Kinder gerichtet sein muss?
Strohmeier: Wenn ich strategisch denke, muss ich früh in Bildung investieren, später lässt sich oft nur reparieren. Die Stadt Gelsenkirchen bietet zum Beispiel Elternschulen, die greifen, bevor die Kinder geboren werden. Bei den Älteren, die keine Perspektive mehr für sich sehen, ist es schwieriger, sie noch zu motivieren. Menschen ziehen ihr Selbstwertgefühl aus Arbeit. Nur: Der Arbeitsmarkt ist wenig flexibel, was Beschäftige mit geringer Qualifikation angeht. Langfristig führt aus meiner Sicht kein Weg an öffentlich geförderter Beschäftigung vorbei.
WDR.de: Nun ist das Ruhrgebiet als Region in den Fokus gerückt. Das landesweit geringste Armutsrisiko zeigt die Statistik hingegen für Bonn und Münster. Sie sehen allerdings bereits ein Sozialgefälle innerhalb der Region.
Strohmeier: Die A40, die alte B1, durchschneidet das Ruhrgebiet. Das Armutsband als Relikt des Bergbaus liegt nördlich davon und überschreitet die Stadtgrenzen. Essen und Mülheim sind die am stärksten sozial gespaltenen Städte. Mülheim hat eine Einkommens-Ungleichheit, die sich mit der afrikanischer Staaten vergleichen lässt: extrem wohlhabender Süden, extrem armer Norden. Und wenn Sie noch weiter nach Norden gehen, dann landen Sie im grünen Münsterland. In einem Viertel wie Essen-Bredeney müssen wir nicht über Armut reden.
Das Interview führte Lis Kannenberg.
Stand: 05.01.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (23)
letzter Kommentar: 09.01.2012, 05:43 Uhr
- SK schrieb am 09.01.2012, 05:43 Uhr:
- Weshalb bleibt jemand ohne Arbeit, ohne Aussicht auf eine solche, da wo er ist, weshalb geht er nicht dort hin wo er Arbeit zu einem normalen Lohn bekommen kann? Wenn ein Tier in einem Gebiet kein Futter findet, wandert es weiter, ich erschrecke immer wieder über die Unfähigkeit mancher Menschen.
- Katharina schrieb am 07.01.2012, 14:48 Uhr:
- @Vorschreiber. Jaja, Geld drucken. Das Lieblingsthema der Sozen. Was Helmut Schmidt uns in den 70er Jahren angetan hat ("Ich habe liebe 5 % Inflation, als 5 Millionen Arbeitslose") hat man schon wenig später gesehen. Übrigens, der Spruch gefällt mir: "Vun nix kütt nix." Werd ich mir merken.
- Kleine Erwartungen. schrieb am 07.01.2012, 09:34 Uhr:
- "Jemand der viel Kapital besitzt, kann so lange warten bis die anderen 'Marktteilnehmer' seine Bedingungen akzeptieren müssen." Man die warten bis die Löhne auf 3Euro pro Stunde gesunken sind. Dann ist das Kapital (2000 Menschen in der Bundesrepublik) bereit im Ruhrgebiet zu investieren. Der Blödsinn der Eigenverantwortung, den die Kais, u.a. nachbeten, ist verlogen. Schaut man genauer hin hatten sie das Glück ihr Plätzchen zu finden. DER STAAT IST HANDLUNGSFÄHIG. Er kann die Bundesbank anweisen Geld (Kapital) zu drucken. Und die Menschen beschäftigen. Niemand muß arbeitslos sein. Und wir müssen Ungleichheit nicht akzeptieren und uns von den 2000 weiter erpressen lassen.
- Kai schrieb am 06.01.2012, 20:30 Uhr:
- Auch im "Ruhrgebiet" sollten die Menschen allmählich begreifen, dass man sich weiterbilden muss, dass man Eigenverantwortung übernehmen muss. Vun nix kütt nix, wie der Kölsche so schön sagt. Anstatt hier nur auf den Menschen herumzuhacken, die etwas aus ihrem Leben gemacht haben, sollten sie lieber in die Hände spucken. Politik schafft keine Arbeitsplätze. Aber die Voraussetzungen dafür! Leider hat das die seit fast einem halben Jahrhundert, nur durch ein leider viel zu kurzes Intermezzo unterbrochen, die SPD versäumt. Anstatt den Menschen hauptsächlich den Roten Teppich auszurollen, hätte man von ihnen viel mehr verlangen sollen. Tja, jetzt gilt es - endlich - zu handeln.
- Ilona schrieb am 06.01.2012, 10:28 Uhr:
- "Da die Arbeit immer qualifizierter, immer effizienter, immer spezialisierter, immer mobiler und flexibler wird und vor allem immer weniger, sind nur noch junge Leute mit frischen Qualifikationen gefragt, die sich in überfüllten Metropol-Regionen drängeln, weil dort die moderne Arbeit ist und die kaum noch Familien gründen, da dort und überhaupt die Bedingungen dafür nicht günstig sind. Millionen "Job-Singles" sitzen in überteuerten Appartments. Während in eigentlich lebens- und familienfreundlichen Regionen die einst schmucken Dörfer und Städte veröden. Nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in Bayern, im Hunsrück. " UND IM RUHRGEBIET!
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