Fachtagung zu Salafisten in Solingen Wie erkennt man "bekehrte" Jugendliche?

Von Robert Franz

Eine kleine Gruppe extremistischer Salafisten sorgt in Solingen für Unruhe. Um über Salafismus und seine Gefahren aufzuklären, lud die Stadt am Donnerstagabend (24.05.2012) zu einer Fachtagung mit Referenten des Berliner Zentrums für demokratische Kultur. Mehr als 130 Lehrer, Jugend- und Sozialarbeiter kamen.


Monika Jung im Portait
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Monika Jung will mehr über Salafismus wissen

Als Monika Jung zum ersten Mal von der Fachtagung zum Salafismus gelesen hatte, stand für sie sofort fest, dass sie daran teilnehmen würde. Spätestens seit es Anfang Mai bei einer Demonstration gegen Pro NRW Übergriffe der fundamentalen Muslime auf Polizisten gab, ist das Thema vielen Menschen in Solingen wichtig. Was aber in der kleinen Hinterhofmoschee der Salafisten gepredigt wird, wissen nur wenige. Auch sonst bewegt sich das Wissen über diese fundamentale Glaubensrichtung eher auf Stammtischniveau. Damit aber wollte sich Monika Jung nicht zufriedengeben. Zusammen mit mehreren Kollegen der Hauptschule Central meldete sich die Deutsch- und Mathelehrerin zur Fortbildung in Sachen Salafismus an.

Großer Zuspruch


Vortrag in einem Saal

Reges Interesse an Salafismus-Kritik in Solingen

Mehr als 130 Lehrer, Jugend- und Sozialarbeiter ging es so wie Monika Jung. Die 60-Jährige hat in den vergangenen Monaten viel über den Salafismus gelesen, mit Kollegen gesprochen und mit ihren Schülern diskutiert. "Wir müssen unsere Schüler schützen." Jung unterrichtet gerade eine zehnte Klasse. In ein paar Wochen haben sie die Schule geschafft, müssen nun in der Arbeitswelt bestehen. Besonders für Hauptschüler ist das nicht gerade einfach, auch wenn sich Monika Jung und ihre Kollegen alle Mühe geben, sie auf das Berufsleben vorzubereiten. Wer den Absprung nicht schafft, der läuft Gefahr der Ideologie des extremen Salafismus zu erliegen, erklären die Referenten.

Solinger Salafisten: klein aber extrem


Portraitfoto von Claudia Dantschke
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Referentin Claudia Dantschke klärt auf

Claudia Dantschke und Ahmad Mansour kommen vom Zentrum für demokratische Kultur in Berlin. Der Salafismus in seinen ganz unterschiedlichen Ausprägungen ist ihnen bestens bekannt. Seit Jahren befassen sie sich mit den religiösen Extremisten. Die Moschee in Solingen hatten sie bereits im Blick, als viele Solinger vom Salafismus noch nichts wussten. Für Claudia Dantschke geht es darum, Basiswissen zu vermitteln. Etwa, dass alle Salafisten ihren Glauben sehr puristisch leben, aber nur wenige sich auch zur Gewalt bekennen. "Hier vor Ort haben Sie die radikalen Akteure", klärt Dantschke ihre Zuhörer auf, denen sie zugleich auch Mut macht: "Ich bin begeistert, dass die Stadt aus der Schockstarre erwacht ist."

"Anheizer" für andere Jugendliche


Menschen schreiben in ihre auf dem Beinen liegenden Hefte
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Argumente gegen Salafismus: Fortbildung in Solingen

Den beiden Solinger Konvertiten, die in Großbritannien inhaftiert waren, misst die Berliner Expertin eine besondere Bedeutung zu. Sie würden von den Salafisten zu Symbolfiguren stilisiert, als Opfer muslimischer Verfolgung. Sich als Opfer einer islamfeindlichen Welt zu betrachten, sei für den Zusammenhalt der Glaubensbrüder sehr wichtig. Sehr schnell seien die Bilder aus Solingen im Internet verbreitet worden, um in der islamischen Welt Aufmerksamkeit zu erregen, so Dantschke. Doch dort sei das Echo für die Salafisten unerwartet klein ausgefallen. "Mit einer weiteren Radikalisierung muss deshalb gerechnet werden, um in der arabischen Welt wahrgenommen zu werden", glaubt sie.

Fragen nach einer Anleitung


Portraitfoto von Gernot Augustin
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Lehrer Gernot Augustin hätte sich mehr Diskussion gewünscht

Mit Ausschnitten aus Internetvideos untermauert Dantschke ihre Thesen immer wieder. Die radikalen Aussagen der extremistischen Prediger hinterlassen auf vielen Gesichtern der Zuhörer sorgenvolle Blicke. Gernot Augustin, ein Kollege von Monika Jung an der Hauptschule Central, hätte sich mehr Zeit zur Diskussion gewünscht. Interessiert hätte ihn vor allem, wie Kollegen an anderen Schulen in Solingen etwa mit salafistischer Propaganda umgegangen sind, die dort bereits verteilt wurde. "Ich würde gerne wissen, was wir als Lehrer machen können, aber auch, wie die Stadt mit dem Salafismus umgehen wird."  Selbst hofft er, seine Schüler immunisiert zu haben, indem er ihnen im Unterricht vermittelt, alles zu hinterfragen, aber auch für Dinge einzustehen, wie etwa das Grundgesetz.

Einblick in die Gefühlswelt junger Muslime


Portrait von Ahmad Mansour
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Referent Ahmad Mansour gibt Tipps

"Ich kann Ihnen keine Anleitung geben", beginnt Ahmad Mansour seinen Teil der Fortbildung, doch er gibt einen guten Einblick in die Gefühlswelt junger Menschen, die sich dem extremistischen Islam zuwenden. Ein wenig spricht er dabei aus eigener Erfahrung, denn der Psychologe stammt aus dem Libanon und einem streng religiösen Elternhaus. Eindrucksvoll kann er so deutlich machen, welche Folgen eine Erziehung hat, die zu allererst Ängste vermittelt. Ihn selbst verfolge das Bild eines strafenden Gottes bis zum heutigen Tage. Eine autoritäre Erziehung in muslimischen Familien, die Scham und Schuldgefühle vermittelt, sei immer wieder Basis dafür, warum sich junge Muslime zu radikalen Islaminterpretationen hingezogen fühlten. Attraktiv sei der Salafismus aber auch, weil er über das Internet verbreitet werde und dabei die Sprache der Jugendlichen gebrauche, so Mansour. "Wichtig sind deshalb Gegenstimmen aus den islamischen Milieus, die zeigen, dass es auch ein anderes Verständnis des Islam gibt."

"Auf kleine Zeichen achten"

Ob sich ein junger Mensch einem radikalen Bild des Islam verschrieben habe, zeige sich an kleinen Zeichen, so Mansour. "Mädchen gibt er plötzlich nicht mehr die Hand, Musik ist haram, oder alle zwei Stunden verschwindet er unter einem Vorwand, weil er beten muss." Um diese Schüler aufzufangen, sei dann oft ein ganzes Netzwerk nötig. Eltern oder Lehrer alleine könnten nicht mehr viel erreichen, so seine Beobachtung. Den Zuhörern gibt er den Rat mit, diese Jugendlichen ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören, sie nicht auszugrenzen. Ratschläge, wie sie sich Monika Jung und Gernot Augustin gewünscht haben. Dennoch bleibt der 47-jährige Lehrer skeptisch. "Hoffentlich wird es mehr solcher Veranstaltungen geben, bei denen auch deutlich wird, was hier in Solingen passiert." Für ihn war es zumindest ein guter Auftakt. Der Erfolg der Tagung wird die Organisatoren vielleicht ermuntern, weitere Veranstaltungen folgen zu lassen.

Stichworte

Zentrum für demokratische Kultur

Das Zentrum für Demokratische Kultur (ZDK) ist eine Säule der Berliner Gesellschaft Demokratische Kultur GmbH. Die Institution setzt sich laut eigenen Angaben bundesweit "für demokratische Werte" ein. Die Initiative soll dem "Schutz vor Gewalt und Extremismus" dienen. Als Analyse- und Beratungsagentur in Sachen Gewalt und Extremismus werden auf der Grundlage wissenschaftlicher Analyse Entscheidungsgrundlagen für Kommunen, Ämter, Bürgerorganisationen sowie Wirtschaftsunternehmen erarbeitet, sowie Lagebilder und Fallstudien von Extremismus und Kriminalität erstellt.

Das ZDK hat es sich zur Aufgabe gemacht, "die verschiedenen Antagonismen in Richtung einer friedlichen Konfliktlösung zu beeinflussen und den Einfluss Demokratie gefährdender Bestrebungen zu begrenzen", schreibt die Institution auf ihrer Internetseite.


Stand: 25.05.2012, 06.00 Uhr