WDR-Preis für Bonner Andheri-Hilfe Kleine Revolutionen

Die Bonner Andheri-Hilfe hat viele indische Mädchen gerettet - und das Leben in den Dörfern damit auf den Kopf gestellt. Dafür bekam sie am Sonntag (23.09.2012) den WDR-Kinderrechtepreis. Ein Interview mit der Gründerin Rosi Gollmann.


Indisches Mädchen
Bild 1 vergrößern +

Ein Leben mit guten Aussichten

Rosi Gollmann hat in den vergangenen 50 Jahren schon viele Projekte auf den Weg gebracht, hat Päckchen für ein indisches Kinderheim in Andheri gepackt, Geld für Augenoperationen gesammelt, Hilfe für Aids-Kranke organisiert. Aber "Kein Mädchen ist unerwünscht" liegt der 85-Jährigen besonders am Herzen und macht sie stolz.


Rosi Gollmann
Bild 2 vergrößern +

Rosi Gollmann

Was die Gründerin der Andheri-Hilfe so begeistert: Der Verein hat nicht nur vielen kleinen Mädchen das Leben gerettet. Er stellt das Leben der Mädchen und ihrer Mütter auch auf eine neue Basis - und damit das Leben im Dorf auf den Kopf. Dafür bekommt sie den mit 3.000 Euro dotierten WDR-Kinderrechtepreis. WDR.de sprach vor der Verleihung am Sonntag (23.09.2012) mit ihr über dicke Bretter, tödliche Diagnosen und Ziegen als Zukunftsfaktor.

WDR.de: Frau Gollmann, warum werden so viele Mädchen in Indien abgetrieben oder kurz nach der Geburt getötet?

Gollmann: Es fängt damit an, dass die Frauen in Indien grundsätzlich weniger wert sind, dass die Geburt eines Mädchens als genetischer Defekt gilt. In den hinduistischen Gebieten heißt es: "Schenk uns einen Sohn, das Mädchen gibt den anderen." Der Sohn hilft mit, Geld in die Familie zu bringen, ist später für die Bestattung zuständig und repräsentiert die Familie.

WDR.de: Ist das nur eine Frage des Prestiges?


Rosi Gollmann im Interview

Gollmann: Nein, dazu kommt vor allem bei den ärmeren Familien, dass die Mädchen Geld kosten, wenn später die Mitgift eingebracht werden soll. Das sind oft hohe Beträge. Eigentlich waren die einmal als Absicherung für die Frau und die Kinder gedacht, falls dem Mann etwas passiert, aber inzwischen kommt das den Schwiegereltern zugute.

WDR.de: Der Sohn bringt Geld, das Mädchen kostet Geld - welche Folgen hat das?

Gollmann: In vielen Fällen lässt man das erste Mädchen leben, aber beim zweiten wird es ernst. Das ist so ein Aberglaube: Wenn das zweite auch ein Mädchen ist, dann muss es umgebracht werden, denn das ist die Garantie dafür, dass das dritte ein Junge wird.

WDR.de: Sie sind in die Häuser gegangen und haben mit den Müttern gesprochen. Was erzählen die?

Gollmann: Da war eine Mutter, die ist mit dem Krug zum Wasserloch gegangen. Das war weit weg, und als sie zurückkam, war ihr Kind nicht mehr da. Die Mütter wissen oft gar nicht, wie das Kind umgebracht und wo es begraben wurde. Eigentlich müsste ich sagen: wo es entsorgt wurde.

Oder die junge Radha. Sie war 17, als sie verheiratet wurde, und mit 19 schwanger. Die Schwiegereltern haben sie zu einer Ultra-Schall-Untersuchung gezwungen, und als klar war, dass das Kind ein Mädchen war, musste sie es abtreiben.

WDR.de: Sind diese Untersuchungen nicht verboten?

Gollmann: Die Geschlechtsbestimmungen sind gerade wegen der Mädchentötungen verboten. Aber es gibt genug geldgierige Ärztinnen oder auch Quacksalber, die mit einem kleinen Gerät über die Dörfer ziehen mit der Botschaft: Lieber jetzt 500 Rupien zahlen - also ungefähr acht Euro - als später 500.000 für die Mitgift.

WDR.de: Wie erging es Radha weiter?

Gollmann: Sie war verzweifelt, weil sie sich so auf ihr erstes Kind gefreut hat. Dann ist sie wieder schwanger geworden. Sie hat sich gegen die Untersuchung gewehrt, aber sie wurde geschlagen und misshandelt. Sie ist zu ihren Eltern geflohen, aber sie musste zurückkehren. Der Mann hat ihr die Geburt des Mädchens nie verziehen.

WDR.de: Wenn das so fest im Denken der Menschen verankert ist - wie wollen Sie da etwas ändern?

Gollmann: Wir fördern die Familie. Nicht, indem wir ihr einfach Geld geben, damit das Mädchen eine Ausbildung bekommt oder Geld für eine Mitgift hat. Wir versuchen, das gesamte Umfeld einzufangen.

WDR.de: Wie sieht das aus?

Gollmann: Das fängt damit an, dass sich die Frauen in den Dörfern zu Gruppen zusammenschließen, das heißt, unsere Mitarbeiter vor Ort gehen von Haus zu Haus und sprechen sie an. Das Problem der Mädchentötung ist noch gar kein Thema. Jeder weiß davon, aber das ist absolut tabu, darüber spricht man nicht. Die Frauen reden erst einmal über ihre Armut, den Wassermangel, die Arbeitslosigkeit des Mannes, dann kommt allmählich das Thema zur Sprache. Das dauert manchmal ein bis zwei Jahre.


Rosi Gollmann im Interview

Dann überlegen sie sich, was können wir tun, um unsere Stellung zu verbessern? Also werden die Mädchen in den Kindergarten und zur Schule geschickt, denn wenn sie eine Ausbildung haben und Geld nach Hause bringen, beweisen sie, dass sie doch zu etwas nutze sind. Das sind inzwischen 2.000 oder 3.000 Frauen, und ich kann Ihnen sagen, da entsteht Power.

WDR.de: Aber können sie auch verhindern, dass Mädchen getötet werden?

Gollmann: Wenn es eine Gruppe im Dorf gibt und sie von einer Schwangerschaft erfährt, dann versucht sie, auf den Mann und die Schwiegereltern einzuwirken. Die Frauen sind auch in den ersten Tagen nach der Geburt dabei, um es zu schützen.

WDR.de: Ist das denn nötig?


Radha mit ihren beiden Töchtern
Bild 3 vergrößern +

Radha musste um ihre Töchter kämpfen

Gollmann: Radha zum Beispiel ist wieder schwanger geworden, und da hat die Familie versucht, das Mädchen zu töten. Die Frauen haben sich vor der Hütte versammelt und das Kind in Sicherheit gebracht.

WDR.de: Wissen Sie, wie viele Mädchen durch das Projekt gerettet wurden?

Gollmann: Es sind nachweislich mehr als 10.000. Inzwischen haben wir 160 Dörfer erfasst, und bis auf 30 sind sie alle mädchentötungsfrei. In einem Dorf ist noch mal ein Fall vorgekommen, aber da haben die Frauen den Vater angezeigt, weil er seine Tochter umgebracht hat. Der sitzt jetzt im Gefängnis. Es ist unglaublich, eine Sensation!

WDR.de: Macht sich dieses neue Denken irgendwie im Dorfleben bemerkbar?


Indische Dorfbewohner überreichen Mutter Geschenke zur Geburt eines Mädchens
Bild 4 vergrößern +

"Was für ein wunderschönes Kind!"

Gollmann: Früher haben sich die Mütter aus Scham versteckt, jetzt stehen sie mit dem Kind vor dem Haus und erwarten die Frauen. Da werden Segenswünsche ausgesprochen, da wird gesungen und das Kind gelobt: "Was für ein wunderschönes Kind! Das hübscheste Baby, das es gibt!" Und die Frauen kommen nicht mit leeren Händen: Es gibt kleine Geschenke und drei Ziegen oder drei Kokossetzlinge. Das haben wir damals so eingeführt. Die Einnahmen aus der Ziegenmilch oder den Kokossnüssen kommen auf ein Sparbuch für das Mädchen, und wenn es später herangewachsen ist, hat es Geld für eine Berufsausbildung oder für die Familiengründung.

WDR.de: Feiern die Väter mit?

Gollmann: Ich habe Feiern erlebt, wo der Mann glücklich dabei stand, da hat unserer Arbeit gefruchtet. Aber manchmal stand der Vater sehr weit weg und ließ alles über sich ergehen.

WDR.de: Das scheinen sehr dicke Bretter zu sein, die Sie bohren müssen.


Indische Familie mit neugeborenem Mädchen
Bild 5 vergrößern +

Die Männer denken um

Gollmann: Ja, deswegen haben wir auch Männergruppen. Ich habe mit Männern zusammengesessen, die zugegeben haben, dass sie an der Tötung ihrer Töchter beteiligt waren. Heute denken sie anders, aber die Eltern sagen ihnen immer noch: "Das ist euer finanzieller Ruin, wenn ihr später zwei oder drei Mädchen versorgen müsst." Aber die jungen Männer sagen schon, wir heiraten unsere Frau nicht der dowry wegen, sondern weil wir sie lieben. Das aus dem Munde eines indischen Mannes zu hören ist eine Revolution.

WDR.de: Die Armen denken um - und der aufstrebende Mittelstand bevorzugt die Zwei-Kind-Familie, mit mindestens einem Sohn. Ist das nicht frustrierend?


Rosi Gollmann im Interview

Gollmann: Nach 50 Jahren in der Entwicklungsarbeit weiß ich, dass ich nicht die ganze Welt verändern kann. Zeichen setzen, ein Beispiel geben, damit kann ich die Welt ein bisschen verändern und den Kindern zu ihren Rechten verhelfen.

WDR.de: Und wie geht es Radha heute?

Gollmann: Sie lebt mit ihren Kindern bei ihrem Mann, die Mädchen gehen in den Kindergarten und demnächst zur Schule. Und die Schwiegereltern haben auch ihre Freude an ihnen.

Mit Rosi Gollmann sprach Marion Kretz-Mangold

Über die Autorin
Marion Kretz-Mangold

Marion Kretz-Mangold schreibt am liebsten über Menschen. Auf Rosi Gollmann war sie besonders neugierig: Die Autorin hat etliche Adventssonntage damit verbracht, Plätzchen für die Andheri-Hilfe zu verkaufen.


Stand: 23.09.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 24.09.2012, 23:57 Uhr

Jürgen schrieb am 24.09.2012, 23:57 Uhr:
So sehe ich das auch. Der Freidensnobelpreis für Frau Gollmann und die Andheri-Hikfe wäre eine sehr gerechtfertigte Entscheidung. Wieviel Frieden kann erreciht werden, wenn Menschen anderen Menschen helfen, Menschen-würdig zu leben! WDR: Danke für die Entscheidung zum Kinderrechtspreis und das wertvolle Interview! Liebe Grüße Jürgen
Heinrich schrieb am 24.09.2012, 10:29 Uhr:
Was mich noch interessiert hätte, wie kam Frau Gollmann seinerzeit auf die Idee diese wunderbare Aktion zu starten? Wie dem auch sei für mich wäre Frau Gollmann auch eine Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Es müssen nicht immer Staatsmänner(frauen) oder Politiker(innen) sein.