Reaktionen im Netz: Unverständnis für zu Guttenbergs neuen Job
Vielen klingt es nach Realsatire: Wie kann ein Verfechter von Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren EU-Berater für Internetfreiheit werden? Über den neuen Job von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wird im Netz gespottet.

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"Trending Topic" bei Twitter: zu Guttenberg
"Ich suche nach Talent und nicht nach Heiligen", sagte die für Digitales zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes beim gemeinsamen Auftritt mit zu Guttenberg am Montag (12.12.2011) in Brüssel. Es sei ihre Idee gewesen, den CSU-Politiker als unabhängigen Berater anzuwerben, sagte Kroes noch. Konkret soll der 40-Jährige die Behörde beim Thema Internetfreiheit in autoritären Staaten unterstützten. Allerdings hatte vor allem das Engagement der Netzaktivisten rund um das Guttenplag-Wiki im Frühjahr 2011 zur Folge, dass zu Guttenberg vielfaches Plagiat bei seiner Doktorarbeit nachgewiesen werde konnte. Für eine besonders liberale Einstellung in Sachen Netzpolitik war er genauso wenig bekannt. So hatte zu Guttenberg die Initiative zu Internetsperren und die Vorratsdatenspeicherung ausdrücklich unterstützt. Auf ihrer Seite haben er und EU-Kommissarin Kroes derzeit vor allem die Spötter.
"Helmut Kohl wird neuer Anti-Korruptions-Berater"
So werden bei Twitter bereits weitere "Eilmeldungen" verbreitet, gern in Verbindung mit dem Kroes-Zitat: "EIL: Helmut Kohl wird neuer Anti-Korruptions-Berater der EU-Kommission +++ Kroes: 'Ich suche Talente, keine Heiligen'" (@karpfenpeter). Und: "Achtung: Satire! EU-Kommission benennt Adolf Sauerland als EU-Veranstaltungsberater. 'Wir suchen Talente, keine Heiligen' (@hennigtillmann) oder von @Weltregierung: "Wladimir Putin wird Berater für nachhaltige Rohstoff-Förderung und Wahlbeobachter für Schwellenländer".
Das, womit der führere Vorzeige-CSU-Politiker derzeit rechnen kann, ist so etwas wie das Gegenteil von Vertrauensvorschuss, zumindest aus den Reihen der Netzaffinen. "Hat der #Guttenberg seine Internetquellen egtl selbst ausfindig gemacht oder hatte er Helfer?", zwitschert @wokue. "Ich finde ja, #Guttenberg ist gut geeignet für den Internet-Job. Immerhin ist er trending. Wer von Euch kann das von sich behaupten? ;)", bemerkt @Brainvibes wahrheitsgemäß. Am Montagnachmittag weisen gleich vier der zehn in Deutschland meist getwitterten Begriffe auf Tweets zur neuesten "Causa Guttenberg" hin.
Internetfreiheit in der EU
Nüchterner äußern sich deutsche Blogger, aber nicht weniger deutlich. "Kein Blogger hat die Hilfe zu Guttenbergs nötig", titelt auch Stefan Laurin von den Ruhrbaronen in seinem aktuellen Eintrag. "Die Idee ist erst einmal gut", schreibt Laurin dort. Den Job solle aber jemand machen, der sich nicht nur auskenne, sondern auf der Seite der Community stehe und positiv die Chancen des Netzes erlebe – "Guttenberg erfüllt keines der Kriterien", so Laurin.
Auch Markus Beckedahl von netzpolitik.org, tut sich schwer damit, bei zu Guttenberg die zum Jobprofil passenden Qualifikationen zu entdecken: "Wenn er sich bisher zum Thema Internet geäußert hat, ging es wahlweise um einen Ausbau von Überwachungsmaßnahmen oder zur Einführung von Netzsperren."
Niemand ist ohne Fehler?
Nach dem Rückzug zu Guttenbergs im Frühjahr schlossen sich alsbald Unterstützer bei Facebook zusammen. Die Seiten "Wir wollen Guttenberg zurück" und "Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg" können mit ihrem Anliegen jeweils noch immer mehrere hunderttausend Fans binden. Auf letzterer Seite wurde am Vormittag auf die Brüsseler Pressekonferenz verwiesen und später zur Beteiligung an laufenden Diskussionen aufgerufen. Laut ist die Stimme der Unterstützer aber selbst im Kommentar-Thread der Fanseite nicht. So bemerkt Annemarie T. zwar: "Der, der ohne Fehler ist werfe den ersten Stein!", erntet dafür aber nur zwei Gefällt-mir-Bekundungen.
Frank S. kommentiert an gleicher Stelle: "Ich mag ihn ja eigentlich, aber K.T. machts einem echt nicht leicht." Dagegen bekennt sich Olaf R. weiterhin zu seinem Lieblingspolitiker: "Der Herr Guttenberg wäre für Deutschland der beste Mann." Und: "Ich hoffe er gründet eine neue Partei. Meine Stimme würde er sofort bekommen. Dann könnte man auch wieder wählen gehen." Bernd F. kontert: " Ein weiterer Vorteil, wenn Guttenberg nicht zurück kommt: Leute wie du gehen nicht wählen." Im Netz haben die "K.T."-Fans gerade einen schweren Stand - so scheint es jedenfalls.
Plagiator und "Hacker"
Christoph Kappes, selbst Internet-/IT-Berater, Heavy-Twitterer und Autor, sieht in zu Guttenberg eine besondere Art von Hacker. Ebenso wie der Beitrag von Markus Beckedahl findet auch Kappes' Post zum netzpolitischen Tagesthema bei Google+ rasche Verbreitung. "KTzG dringt in fremde Systeme ein: das Mediensystem, das Politische System", schreibt Kappes über den designierten EU-Berater für Internetfreiheit. "Er ist ein Technikenthusiast mit umfangreichen Kenntnissen in der Manipulationstechnik." Die erlaubten es ihm, einmal entdeckte Schwachstellen der Systeme zu seinem Vorteil zu nutzen. Im Google-Netzwerk gibt es bislang noch nicht das Phänomen von Gleichgesinnten, die sich über Fanseiten zu aktuellen Themen vernetzen. Die meisten Diskussionen finden bei Google+ in den Threads unter Beiträgen von großen Nachrichten- und Online-Medien zum jeweiligen Thema statt.
"Schäm dich Deutschland"
Und wie äußert sich der vielseits Attackierte selbst? "Ich bin der Macht des Internets persönlich ausgesetzt gewesen, erst in diesem Jahr", sagte zu Guttenberg auf der Brüsseler Pressekonferenz am Vormittag. "Und ich erkenne und wertschätze dessen Fähigkeit, jene an der Macht zur Verantwortung zu ziehen." Wie edel sein Beratungsanliegen nun ist oder auch nicht - große Diskussionen hat er einmal mehr hervorgerufen.
So bleibt der Wunsch der prominenten Bloggerin Julia Probst wohl ungehört: Über ihren Twitterkanal @EinAugenschmaus lässt sie am Montag verlauten: "Ich wünsche mir von den Medien, dass sie #Guttenberg überhaupt kein Forum mehr geben. Totale Ignoranz - das wäre die beste Strafe für ihn." Twitterer @ChefleGrand kritisiert dagegen die Twitter-Community selbst: "#Guttenberg unter den top trendings. Schäm dich, Deutschland. Er hats ja noch nicht mal wieder zu uns geschafft, sondern nur nach Brüssel."
Nur nach Brüssel? Immerhin ist es eine EU-Richtlinie, die Deutschland bald dazu zwingen könnte, die Vorratsdatenspeicherung in nationales Recht zu überführen. Ansonsten drohen nach dem 27. Dezember Strafzahlungen.
Stand: 12.12.2011, 18.00 Uhr
- Audio: Spott und Häme: Internetgemeinde frotzelt über zu Guttenbergs neuen Job (13.12.2011) Felix Hügel, WDR 2 Morgenmagazin
- WDR 2 Klartext zu Guttenbergs Comeback: Vorerst bei der EU? (12.12.2011) [WDR 2]
- Guttenberg berät EU-Kommissarin [tagesschau.de]
- Verfahren eingestellt: Guttenberg kommt mit Geldzahlung davon [tagesschau.de]
- Guttenberg: Ermittlungsverfahren in Plagiatsaffäre eingestellt (23.11.2011) [tagesschau.de]
- Reaktionen auf Guttenberg-Rücktritt
- Audios und Videos zu Guttenberg [Mediathek]
Kommentare zum Thema (55)
letzter Kommentar: 17.12.2011, 01:12 Uhr
- Maik80 schrieb am 17.12.2011, 01:12 Uhr:
- Verehrter Oskar. Ginge man nach ihrer Argumentation, gäbe es keinen Politiker, dem man Vertrauen entgegen bringen dürfte. Joschka Fischer als Beispiel: In der Jugend mit Steinen auf Polizisten geworfen, vertrat er unter Leitung des GazProm-Putin-Knutschers Schröder als Aussenminister in Erscheinung. Und?? Hat sich da jemand seitens SPD bzw Grünen drüberpikiert und wurde es derart in den Medien breitgetreten?? Nein. Ergo: Es war nich relevant. Und ebensowenig ist es das im Fall zu Guttenberg. Würde man bei jedem deutschen Politiker in der Vergangenheit wühlen, wären Parteien wie "Die Linke" ganz schnell womöglich als "Honeckers Rache" enttarnt. Die SPD ist 100 %ig auch nicht frei von Schuld und Sünde. Ebenso wenig wie die Grünen, die uns zum Umweltschutz animieren wollen, selber aber schon beim Weg zum Land-/Bundestag die dicksten Nobelkarossen nutzen, die soviel CO2 ausstossen, wie ein nagelneuer 40-Tonner. Wem wollen sie also vertrauen, wenn Lügner und Betrüger weg geheören??
- Oskar schrieb am 16.12.2011, 10:08 Uhr:
- Sehr verehrter Maik80, Guttenberg hat mit seiner Art eine Doktorarbeit zu schreiben gezeigt wie er an Aufgaben herangeht und diese bewältigt, nämlich durch Lug und Trug, durch BESCHEIßEN und den Diebstahl fremden geistigen Eigentums! Das disqualifiziert Ihn für jeden verantwortungsvollen Posten als Politiker (außer in Italien vieleicht) Sie haben sicher Recht wenn sie sagen ein Titel hat nichts mit politischer Kompetenz zu tun. Die Art und Weise wie Guttenberg sich seinen Dr. Titel angeeignet hat allerdings schon sehr viel mit politischer Kompetenz zu tun, einem solchen Mann kann man nicht vertrauen und keine wirkliche Verantwortung übertragen, das wäre fatal! Wenn man mal schaut wie Guttenberg gearbeitet und was er wirklich geleistet hat dann muß man zu dem Schluß kommen, dieser Mann ist ein Blender durch und durch! Trüge er nicht den Namen Guttenberg und wäre nicht von Adel, kein Mensch hätte im je politische Verantwortung übertragen!
- Maik80 schrieb am 16.12.2011, 00:37 Uhr:
- Verehrter Demokrates. Ich gehöre keinem Lager an. Ich sehe die Welt nur nicht in der Form wie der medienliebende Bürger, der sich von allen Medien schön sagen lässt, wie er welche Tat bzw welches Passierte zu finden hat. Die große Schande in Deutschland ist es nicht, dass ein Politiker wie Herr von und zu Guttenberg in ein europäisches Amt einsteigt, sondern dass scheinbar die Gehirnwäsche am deutschen Volk schon derart weit fortgeschritten ist, dass man sowas natürlich total schlecht finden muss, weil man ja sonst aus der breiten Masse mal hervorstechen würde. Die im letzten Satz deffinierte Schande ist es, dass jeder Bürger, der nicht mit dem Strom schwimmt, direkt als "Parteifreund" deklariert wird, der ja nur Lobeshymnen singt, weil er die Partei so mag. Das ist vollkommen Quatsch. Die Frage, die sich jeder Bürger einfach stellen sollte, muss lauten: Hat für mich dieses Thema eine Bedeutung in meinem privaten Leben?? Erschwert es mir mein Leben?? Und da muss jeder sagen: Nein.
- geko schrieb am 14.12.2011, 13:32 Uhr:
- Unsere Oma sagte zu uns Enkel bei einer versuchten Lüge: Wer einmal lügt den glaubt man nicht,auch wenn er dann die Wahrheit spricht"
- demokrates schrieb am 14.12.2011, 11:37 Uhr:
- @Maik80 Es ist Ihr gutes recht dem offensichtlich konservativen Lager zuzugehören. Doch ist es nun mal so, das Guttenberg nur ein Symptom für eine ganze politische Generation ist. Auf ihren Vorteil bedachte Emporkömmlinge, die mit Halbwissen glänzen und deren einziger Verdienst es ist, Heerscharen von Gutachterbüros zu beschäftigen, weil ihr eigenes Urteilsvermögen so beschränkt ist, das sie ein Ministerium nur schwerlich leiten könnten. Sie sind im Grunde Gallionsfiguren, die Ihre Visage in jede Kamera halten, jedoch nie die Verantwortung für ihre Unfähigkeit übernehmen wollen. Konsequenzen werden erst dann gezogen, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Guttenberg ist so ein Fall. Der wäre nie freiwillig gegangen, wenn der öffentliche Druck nicht so groß geworden wäre. Und das ist bei vielen Politikern auszumachen. Diese Kopf in den Sand-Mentalität. Hauptsache die haben fürs Dummschwätzen die Pension im Sack. Eine Schande ist das.
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