WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz zu WDR 3-Änderungen "Wir wollen niemanden vergraulen"

In einem offenen Brief haben Kulturschaffende gegen geplante Veränderungen bei WDR 3 protestiert. Sie beklagen unter anderem den Wegfall der politischen Journale. WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz erläutert die Notwendigkeit der Reform im WDR.de-Interview.

WDR.de: Sie machen sich seit einem halben Jahr Gedanken über programmliche Veränderungen bei WDR 3. Was wollen Sie damit erreichen?


Wolfgang Schmitz: Im Mittelpunkt des seit Ende 2010 laufenden Prozesses bei WDR 3 steht eine Organisationsreform. Daneben planen wir einige Veränderungen am Programm. Deren Ziel ist es vor allem, einige neue Aufgaben, die wir für wichtig halten, realisieren zu können. Dazu gehört zum Beispiel eine sonntägliche aktuelle Kultursendung, dazu gehört ein täglicher Kulturkommentar, und dazu gehört auch die Verbesserung des Internet-Auftritts von WDR 3, da das auch für eine Kulturwelle ein wichtiges Instrument der Hörerbindung ist. Da wir im WDR, wie bekannt, sparen müssen, können neue Aufgaben nur durch Umschichtung in den Etats realisiert werden.

Deshalb müssen wir uns von einigen anderen Angeboten verabschieden beziehungsweise sie entsprechend kürzen. Aber wir wollen natürlich niemanden vergraulen oder aus dem Programm vertreiben, im Gegenteil: Diejenigen, die da sind, sollen bleiben. Und wir möchten gerne neue Hörerinnen und Hörer für das Programm gewinnen.

WDR.de: Mehr als 70 Kulturschaffende haben nun in einem offenen Brief gegen diese Veränderungen protestiert. Hat Sie der Brief überrascht?

Schmitz: Der Protest hat mich überrascht, weil es bei dem, was wir planen, keine Eingriffe in den Programmauftrag oder die Programmstruktur von WDR 3 geben wird. Er hat mich auch deshalb überrascht, weil die Unterzeichner des Briefes offenbar übersehen haben, dass wir mit WDR 5 ein weiteres anspruchsvolles Programm anbieten. Alles, was die Unterzeichner des offenen Briefes beklagen, ist eigentlich obsolet, wenn man WDR 3 und WDR 5 zusammen betrachtet. Wir machen überhaupt keine Abstriche an einem hochwertigen Kulturangebot, auch nicht an kritischer Berichterstattung oder Reflexion des Zeitgeschehens.

WDR.de: Wie definieren Sie das Kulturverständnis für die beiden Wellen WDR 3 und WDR 5?


Schmitz: Wir wissen, dass WDR 3 im Kern die Klassisch-Kulturinteressierten erreicht. Das sind diejenigen, die auch regelmäßig ins Konzert oder ins Theater gehen. Unser Ziel muss es aber sein, auch die zu erreichen, die mit einem breiteren Kulturverständnis unterwegs sind. Das sind die etwas jüngeren, die auch ins Kino gehen, sich mit neuen Medien beschäftigen, oder die Kabarett für sich entdeckt haben. Auch das ist Kultur. Auch die will ich für WDR 3 und seine kulturellen Leistungen interessieren und möglichst begeistern.

WDR 5 bietet sehr viel politische Information, aber eben auch Informationen und Auseinandersetzungen mit allen möglichen Themen der Gesellschaft, von der Wissenschaft bis zur Kultur. Die beiden Programme ergänzen sich in idealer Weise. Bei WDR 3 liegt der Akzent stärker auf der Musikkultur, bei WDR 5 liegt er auf dem Wortangebot.

WDR.de: Weniger Qualität und mehr Begleitmusik hätten schon in den vergangenen Jahren bei WDR 3 zu einem Verlust an Hörern geführt, kritisieren die Verfasser des Briefes. Stimmt das?

Schmitz: Nein, die Zahl der Hörerinnen und Hörer ist zuletzt gestiegen. Wir haben 2011 mehr Hörerinnen und Hörer bei WDR 3 als noch vor fünf Jahren. Im Übrigen ist es unlauter zu behaupten, wir hätten am kritischen Wort gespart. Ich kann nur wieder darauf verweisen, dass man beide hochwertigen Programme zusammen ansehen muss. Wichtig ist doch für die Hörerinnen und Hörer, die an kritischen, vertiefenden Angeboten interessiert sind, dass sie solche Angebote im WDR Radio finden. Der Anspruch, dies alles auf nur einer Welle zu versammeln, geht aus meiner Sicht an den aktuellen Radionutzungs-Gewohnheiten der Menschen vorbei.

WDR.de: Eine Beschränkung von politischer Berichterstattung auf stündliche Nachrichten halten die Unterzeichner für unzureichend. Sie kritisieren, dass Sie die politischen Journale streichen wollen.


Schmitz: Dazu muss man wissen, dass diese Journale im Moment viermal am Tag stattfinden und am Ende, wenn wir die Journale einstellen, 12 Minuten am Tag verloren gehen – und nicht 32 Minuten, wie von den Verfassern des Briefes behauptet. Wir können uns von den Journalen trennen, weil wir seit einem Jahr bei WDR 3 O-Ton-Nachrichten haben, also Nachrichten, die ergänzt werden durch einordnende Berichte von Korrespondenten und Original-Töne. Weiterhin ist WDR 3 inzwischen ein von morgens 6 bis abends 20 Uhr live moderiertes Programm. Wenn also etwas sehr Wichtiges passiert, das auch die Welt der WDR 3-Hörerinnen und -Hörer berührt, können wir jederzeit im Programm darauf eingehen. Die Hörerinnen und Hörer, die sich intensiv für politische Berichterstattung interessieren, können für weiter führende Information WDR 2 und WDR 5 nutzen. Und sie tun das auch, wie wir aus der Medienforschung wissen.

WDR.de: Und was machen die Hörer, die nicht zu WDR 2 oder WDR 5 umschalten wollen?

Schmitz: Wir werden uns zwar von den kleinen, sehr kurzen Journalen verabschieden. Wir wollen aber ab 18 Uhr, wenn die Leute von der Arbeit zurückfahren, bei WDR 3 eine Tageszusammenfassung der wichtigsten aktuellen Ereignisse anbieten. Das dürfte dann übrigens auch die fehlenden 12 Minuten der täglichen Journale fast schon wieder kompensieren.

WDR.de: Das Kulturmagazin "Resonanzen" soll künftig Beiträge ausstrahlen, die bereits im Programm gelaufen sind. Kritiker beklagen, die Sendung werde damit zu einem Wiederholungsprogramm. Ist das so geplant?

Schmitz: Nein. Wir wollen eine verlässliche, auffindbare Zusammenfassung aller relevanten Kulturthemen des Tages. Zwischen 18 und 20 Uhr kann sich jeder, der daran interessiert ist, künftig bei "Resonanzen" einen Überblick verschaffen. Es liegt nahe, dass die Beiträge, die dann zu hören sind, sich auch aus der Kulturberichterstattung der verschiedenen Sendungen des Tages speisen. Aber gleichzeitig gibt es jeden Tag einen exklusiv für die "Resonanzen" gemachten Kulturkommentar, ebenso wird es ein Live-Gespräch geben. Also trifft der Vorwurf, es sei eine reine Wiederholungssendung, nicht zu. Im übrigen: Natürlich wiederholen wir in allen unseren Programmen einzelne Beiträge. Das ist aus wirtschaftlichen Gründen ebenso sinnvoll wie aus programmlichen: Nur die wenigsten Hörer verfolgen ihre Wellen den ganzen Tag über. Was vormittags gesendet wurde, ist für die Hörerin, die erst am Abend Zeit fürs Radio hat, neu.

WDR.de: Wenn Ihr Etat es hergeben würde – was würden Sie am Programm weiter verändern wollen?

Schmitz: Da ist zunächst die Phantasie der MitarbeiterInnen von WDR 3 gefragt. Ich hoffe aber, dass uns die jetzt geplanten Veränderungen auch in die Lage versetzen, künftig so erfolgreiche, aber auch teure Programmaktionen wie die "WDR 3 Lieblingsstücke" regelmäßig ins Werk zu setzen. Da wird WDR 3 für sein Publikum auf Augenhöhe erlebbar, das trägt zur Identifikation mit der Welle bei und schafft schöne Programmerlebnisse. Die Kritiker übersehen oft, dass Radio, auch Kultur- oder Wortradio,  ein zutiefst emotionales Medium ist. Wenn es ausschließlich den Kopf bedient, wird es sich keinen Stammplatz im täglichen Medien-Mix des Publikums sichern können.

Das Interview führte Rainer Striewski.

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WDR 3-Veränderungen

Die Veränderungen bei WDR 3 beziehen sich nach Angaben der WDR 3-Programmleitung hauptsächlich auf die Organisation der Abteilung und auf interne Arbeitsabläufe. Der Schritt sei unter anderem durch ein stark verändertes Arbeitsumfeld und mehr Live-Sendungen im Programm von WDR 3 notwendig geworden. Parallel wird das Programm an wenigen Stellen erneuert. Im Mittelpunkt stünden dabei die Einführung eines neuen live moderierten Kulturmagazins am Sonntag und die Optimierung des Online-Auftritts der Hörfunkwelle.


Stand: 28.02.2012, 10.28 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 01.03.2012, 18.10 Uhr

Karl F. Katlewski schrieb am 01.03.2012, 18.10 Uhr:
Bei dem Erstkommentator fällt die Nennung von KlassikRadio und NDR-Kultur auf. In meiner Wahrnehmung 'Grusel'-Sender, die sich wie W. Schmitz auf wissenschaftliche Konsumentenstudien beziehen. Wenn sich jetzt auch der WDR ähnlich orientiert, ist das eine kleine Katastophe, weil es damit kaum mehr anspruchsvolles Kulturradio mehr gibt, das reflektiert und aufmischt und anregt. Leider hat das Internet (noch) kein Alternativangebot, aber einen weiteren Flachfunkquotensender braucht keiner, auch keine jumgen Leute. K. F. Katlewski, 41, lebt in Lüneburg und mag Trashmetal genauso wie Bartok und Dowland.
Brockmann, Ulrich schrieb am 28.02.2012, 14.00 Uhr:
WDR3 bietet bisweilen Änderungen, die für den Einzelnen zum Teil erfreulich jedoch genauso auch schon mal richtig ärgerlich sind. Jüngstes Beispiel: Samstag vormittags keine historischen Aufnahmen mehr sondern den Lieblingsstück-Müll (Entschuldigung, aber das mußte mal sein) der Hörer. Kann man hiermit nicht endlich mal aufhören? Samstag Vormittag hatte ich Gelegenheit diese historischen Pretiosen hören zu können, jedoch nicht freitags am Schreibtisch. Also: für mich ärgerlich. Wissen Sie, wie angenehm es sich mit WDR3 arbeiten und auch fahren läßt- ohne Palaverei und Werbung? Und vor allem: ohne "best of-Versatzstücke" wie im Klassik-Radio oder NDR Kultur? Wissen Sie, wie öde es mit BR im Nachtprogramm ist, wenn man zum Dienst fährt? Die Vielfalt der wirklich verschiedenen Sender vor dieser Reform fehlt mir sehr. Und: WDR3 muß lebhaft bleiben!