Interview - Vernachlässigte Themen: "Recherche ist wichtiger als der Nachrichtenfaktor"
Die Initiative Nachrichtenaufklärung stellt am Donnerstag (05.07.2012) in Siegen die Top 10 der vernachlässigten Nachrichten 2011/2012 vor. WDR.de sprach mit Journalistikprofessor und Jurymitglied Horst Pöttker über Auswahlkriterien und mögliche Gründe für die journalistische Nichtbeachtung.

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Horst Pöttker vom Institut für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund
Es gibt Themen, die von Medien zu wenig beachtet werden - und dies, obwohl sie gleichermaßen relevant und brisant sind. Solchen vernachlässigten Geschichten ist die Initiative Nachrichtenaufklärung seit 1997 auf der Spur. Einmal im Jahr veröffentlicht eine Experten-Jury eine Liste der zehn Top-Themen, die es gar nicht oder nur in ungenügender Form in Nachrichten geschafft haben. Die Themen sucht sich die Jury dabei nicht selbst. Sie setzt vielmehr auf das, was von Bürgern, Journalisten, Wissenschaftlern und Initiativen vorgeschlagen wird. In speziellen Seminaren recherchieren Journalistik- und Medienwissenschafts-Studenten gleich an mehreren Universitäten die Themenvorschläge aufwendig nach. Die Jury sucht am Ende zehn Top-Themen aus. Auch der Dortmunder Journalistikprofessor Horst Pöttker sitzt seit 1998 in der Jury. Mittlerweile ist Pöttker auch Geschäftsführer der Initiative.
WDR.de: Die Vorschläge für vernachlässigte Themen werden von außen an Sie herangetragen. Nach welchen Kriterien werden die Vorschläge geprüft?
Horst Pöttker: Die Vorschläge kommen von Bürgern, aber auch von Institutionen, die sich besonderer Themen angenommen haben. Und das ist eine gewisse Problematik. Denn Institutionen vertreten auch immer bestimmte Interessen. Wir müssen also erst einmal prüfen, ob an der Sache überhaupt etwas dran ist, ob das Thema recherchierbar ist. Und das andere Kriterium ist, ob das Thema wirklich vernachlässigt wurde. Das recherchieren wir mittels einer Pressedatenbank. Wenn wir keine oder nur wenige Einträge finden, müssen wir davon ausgehen, dass ein Thema vernachlässigt wurde.
WDR.de: Wie hoch ist die Trefferquote?
Pöttker: Die Trefferquote liegt bei etwa 20 Prozent.
WDR.de: Woran machen Sie die Vernachlässigung fest? Daran, wie selten ein Thema auftaucht oder auch wie es dargestellt wird?
Pöttker: Es geht nur um die Thematik als solche, wir können Journalisten ja schlecht vorschreiben, was sie darüber zu denken haben. Die wichtige Frage ist auch, wo etwas thematisiert wird. Wenn ein gesellschaftlich relevantes Thema nur in Fachmedien auftaucht, ist es auch ein vernachlässigtes. Es gibt allerdings auch einzelne Aspekte großer Themen, die vernachlässigt werden.
WDR.de: Warum werden bestimmte Themen nicht aufgegriffen? Sind Journalisten zu bequem?
Pöttker: Nein, ich glaube nicht, dass es an Bequemlichkeit liegt. Es gibt auch Einwirkungen von außen, wie Öffentlichkeitsarbeit, die darauf hinwirkt, dass Dinge nicht öffentlich werden. Es gibt aber auch Faktoren für Vernachlässigung, die etwas mit journalistischer Professionalität zu tun haben. Es gibt Nachrichtenwertfaktoren. In der Regel wird nicht über etwas berichtet, was alltäglich ist oder was nicht so furchtbar negativ ist. Da liegt dann keine Ereignishaftigkeit vor, nichts Sensationelles, da fließt kein Blut.
WDR.de: Gehen viele Themen auch einfach im Tagesgeschäft unter, weil zu viel Wert auf aktuelle Nachrichten gelegt wird?
Pöttker: In der digitalen Medienwelt ist die Nachrichtenfunktion für den Journalisten immer weniger zentral. Es gibt mittlerweile so viele Nachrichtenquellen, da haben Journalisten so viel Konkurrenz bekommen, dass sie bald nicht mehr mithalten können. So tritt die Nachrichtenfunktion immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen wird eine Orientierungsfunktion wichtiger, was nicht heißt, dass Journalisten mit dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger sagen sollen, wo es lang geht. Das Transparentmachen von Dingen in einer komplexen Welt wird wichtiger. Themenfelder wie Wissenschaftsjournalismus oder auch Geschichtsjournalismus statt Kriminalitätsberichterstattung. Da liegt die Zukunft des Journalismus - also eine gründlichere Recherche statt auf Nachrichtenfaktoren zu gucken.
WDR.de: Was passiert gemeinhin nach der Veröffentlichung der Liste? Werden die Themen nachträglich aufgegriffen?
Pöttker: Ja, das kam vor, aber wir waren nicht zufrieden damit. Deshalb haben wir auch den Zeitpunkt der Veröffentlichung von Januar auf Juli geschoben. So haben wir die Chance, mit den Themen das Sommerloch zu füllen.
Das Interview führte Katja Goebel.
Stand: 05.07.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (8)
letzter Kommentar: 05.07.2012, 16:38 Uhr
- WDR.de schrieb am 05.07.2012, 16:38 Uhr:
- @Anonym @meier98: So ist es. Bei der Pressekonferenz um 16 Uhr sollen die Themen bekannt gegeben werden. Darüber informieren wir dann natürlich auch.
- Anonym schrieb am 05.07.2012, 14:08 Uhr:
- Vielleicht hätte der WDR noch dazu schreiben sollen, dass die Top 10 erst heute gekürt und um 16 Uhr vorgestellt wird (das erfährt man übrigens, wenn man mal den Link zur Initiative anklickt)...
- meier98 schrieb am 05.07.2012, 12:36 Uhr:
- es wäre schon schön, wenn man nach der Lektüre sagen könnte, worum es in der Meldung eigentlich geht. Also: welche Themen sind es ?
- Anonym schrieb am 05.07.2012, 12:16 Uhr:
- Lieber WDR: Was ist denn das für ein Artikel? Läßt das Sommerloch schon grüßen? Dann doch lieber kein Artikel wie so'n Artikel!
- Biker schrieb am 05.07.2012, 12:01 Uhr:
- Na, ob da wohl Theman dabei sind, die nicht in linksgrüne Demagogiespektrum passen, die politisch dummerweise unkorrekt sind?
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