Medienpass geht in die Probephase: Schulunterricht mit dem iPad
Die Grundschullehrer Peter Goerdt und Claudia Jilg aus Düsseldorf freuen sich über 22 Tablet-PCs, die ihnen der Medienpass NRW beschert. WDR.de spricht mit beiden über Unterricht mit neuen Medien und Jungs, die sich wieder für die Schule interessieren.
Mit dem neuen Schuljahr beginnt die Testphase für den Medienpass NRW. 68 Pilotschulen erhalten in den nächsten Wochen Tablet-PCs, Beamer und Lernprogramme. Damit sollen sie neue Unterrichtskonzepte erproben und für andere Schulen dokumentieren. In einem zweiten Schritt sollen die Lehrer ihren Schülern in einem Faltkärtchen Medienkompetenzen bescheinigen. Eine der Pilotschulen ist die Gutenberg-Grundschule in Düsseldorf. WDR.de traf Schulleiter Peter Goerdt, 45, und Konrektorin Claudia Jilg, 33, zum Gespräch.
WDR.de: Die Gutenberg-Grundschule ist eine der Pilotschulen für den Medienpass NRW. Freut Sie das?
Peter Goerdt: Ich bin überglücklich. Im Rahmen des Medienpasses NRW bekommen wir eine technische Ausrüstung, die wir mit einem normalen Etat nicht anschaffen könnten. Seit Jahren arbeiten wir mit einem Smartboard, haben Laptops, eine Videokamera, machen Pausenradio. Nun bekommen wir zwei Koffer à elf iPads, einen Beamer, Lernsoftware und Apple TV.
WDR.de: Wie werden diese Geräte und Programme den Unterricht verändern?
Goerdt: Wir haben wahnsinnig viele Ideen. Einige Beispiele: Im Deutsch-Unterricht schreiben die Schüler Elfchen, Elf-Wörter-Gedichte. Die könnte man mit dem Tablet-PC visualisieren, also Hintergrundbilder gestalten. Oder die Kinder filmen sich gegenseitig beim Vortragen und sehen sich selbst: Wie spreche ich, wie trete ich auf? Die Tablet-PCs werden bei uns fächerübergreifend eingesetzt. Ich glaube, von Sport bis zu Kunst ist eigentlich alles möglich. Sportunterricht mit dem Tablet-PC, das klingt abstrus, die Kinder sollen ja nicht mit dem iPad turnen. Aber man könnte ihnen damit zeigen: Wie baue ich einen Stufenbarren auf, wie eine Bewegungslandschaft?
Internetangebote für Grundschüler im WDR
Claudia Jilg: Eine Matheprojekt haben wir schon gemacht: Gute Matheschüler aus den Klassenstufen drei und vier sollten sich Rechenaufgaben überlegen, plus, minus, mal, geteilt, egal. Je drei Kinder haben einen Minifilm mit dem iPad gemacht: Einer schreibt, der zweite erklärt, der dritte filmt. Ziel ist es, diese Minifilme später im Unterricht zur Einführung einer neuen Rechenoperation zu verwenden. Die Motivation bei den Schülern war wahnsinnig hoch. Und im Religionsunterricht fertigen wir zurzeit Lernplakate zum Thema Weltreligionen an. Recherchieren, Schreiben, Gestalten - das könnte alles direkt auf dem iPad geschehen. Über Apple TV können wir die Plakate vergrößern und allen zeigen. Der Vorteil: Im Gegensatz zum geklebten Plakat, können die Kinder Fehler korrigieren.
Goerdt: Man kann den Entwurf einfach anklicken, zeigen und überarbeiten. Und das Ganze sieht optisch gut aus – gerade die Jungen haben oft kein schönes Schriftbild.
WDR.de: Mit den technischen Neuerungen werden die Jungen wieder mehr abgeholt?
Goerdt: Mir fällt auf, das die Mädchen immer selbstbewusster werden und die Jungen in den letzten 20 Jahren ein Stück ins Hintertreffen geraten sind. Nun verändert sich die Zugangsmöglichkeit zu ihnen. Die Technik fasziniert sie. Beim iPad-Matheprojekt waren Jungen dabei, von denen ich sage, die sind sonst unruhig. Auf einmal waren sie ganz konzentriert.
Jilg: Hauptsache, die Jungen interessieren sich wieder für Schule. Wenn das über einen Tablet-PC geschieht, ist das eine Riesenchance.
WDR.de: Sind die meisten Kinder ihren Lehrern was Soziale Netzwerke, Internet, Tablet-PCs betrifft, nicht sowieso voraus?
Goerdt: Sie sind uns voraus. Und das ist in Ordnung, wir wollen auch von Kindern lernen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass es auch an unserer medienaffinen Schule Kollegen gibt, die noch nicht so weit sind. Nur: Wir Lehrer dürfen den Anschluss nicht völlig verlieren. Wir müssen die Endkontrolle behalten.
Jilg: Bei den landesweiten Konferenzen zur Vorbereitung des Medienpasses NRW habe ich deutlich gemerkt: Die wenigsten Lehrer trauen sich sofort zu, die neuen Medien so mit den Klassen zu nutzen, wie es gewünscht wird.
Goerdt: Aber die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, ist aber unglaublich hoch. Es gibt zurzeit keinen im Kollegium, der sagt: Damit will ich nichts zu tun haben. Das war vor zehn Jahren anders.
WDR.de: Was sind denn die wichtigen Medienkompetenzen, die Grundschüler heute brauchen?
Goerdt: Das ist einfach: einen kritischen Umgang mit Medien. Sie dürfen nicht alles für bare Münze nehmen, was sie sehen und hören, müssen wissen wie Radiosendungen und Fernsehbeiträge entstehen und dass das Internet viele Gefahren birgt. Nicht jeder, der etwas im Internet anbietet, führt Gutes im Schilde.
WDR.de: Werden die Schulbücher jetzt auf den Tablet-PC geladen und abgeschafft?
Goerdt und Jilg: Um Gottes Willen, nein!
Goerdt: Bücher, ich glaube darüber brauchen wir nicht diskutieren, werden nach wie vor einen wichtigen Stellenwert im Unterricht behalten. Ich wünsche mir etwas anderes: dass die Arbeitsblätter verschwinden. 200.000 Kopien verteilen unsere Kollegen im Jahr. Da können wir einiges sparen.
WDR.de: Die Lehrer sollen den Schülern auf dem Medienpass aus Papier mit Aufklebern 20 einzelne Kompetenzen bescheinigen, zum Beispiel: "Ich kann zwischen Werbung und Information unterscheiden."
Goerdt: Wir müssen überlegen: Was bescheinige ich den Kindern überhaupt? Medienkompetenz erwerben sich die Kinder mehr im Fluss, eine feste Kompetenzstufe zu vergeben, finde ich schwierig. Ich vergleiche das mit der Rechtschreibung: Man bahnt die Fähigkeiten in der Grundschule an und ist, wenn man sie verlässt, kein fertiger Rechtschreiber. Im Moment geht es in erster Linie darum, mit den Kindern neue Unterrichtssequenzen zu entwickeln - mit dem Ziel der Dauerhaftigkeit. Meine Sorge ist: Jetzt wird das Projekt mit viel Geld angestoßen, später verpufft es. Das fände ich fatal.
Jilg: Die Motivation bei den Kindern ist so hoch, das müssen wir nutzen - und kontinuierlich mit der neuen Technik weiterarbeiten.
Das Interview führte Martina Züger.
Stand: 15.02.2012, 00.00 Uhr
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Kommentare zum Thema (6)
letzter Kommentar: 15.02.2012, 19:15 Uhr
- winapfel schrieb am 15.02.2012, 19:15 Uhr:
- ... wenn die Redakteurin ihren Artikel mit einer falschen Aussagen beginnt, sind solche negativen Kommentare kein Wunder. Beim Medienpass geht es um die Vermittlung von Kompetenzen, die im Lehrplankompass erläutert sind: (Link entfernt)
- Anonyma schrieb am 15.02.2012, 17:59 Uhr:
- Eine tolle Marketingstrategie hat sich der Konzern mit dem angebissenen Apfel da ausgedacht. Und die Lehrer lassen sich auch noch davon einlullen. Ich könnte kotzen.
- Tatsache schrieb am 15.02.2012, 16:38 Uhr:
- Volksverdummung !! Als IT-Lehrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass Schüler am PC oder Streichelpad gar nichts lernen. Natürlich macht es viel Spass zu klicken oder irgendwelche Symbole anzutatschen, nur lernen tut man dabei definitiv nichts. Es zeigt sich mal wieder, dass solcher Unsinn nur von Leuten gefordert wird, die weder fachlich noch didaktisch die ganze Angelegenheit begreifen. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang: Je mehr Zeit Schüler am PC oder Ipad o. ä. verbringen, desto schlechter sind die schulischen Leistungen. Bei einigen treten nachweislich regelrechte Verblödungstendenzen auf. Es ist verständlich, dass Konzerne versuchen ihre Produkte zu verkaufen, aber diese Verdummungstechnologie hat in Schulen nichts zu suchen.
- der PBC wähler schrieb am 15.02.2012, 15:50 Uhr:
- Warum Apple? Vieleicht sollte Samsung hier eine Klage einreichen. Das ganze ist für mich ein Werbefilm. Bücher und Kopfrechnen müßen wieder verstärkt in die Köpfe der Kinder. Selbst denken ist wichtiger den je.
- Anonym schrieb am 15.02.2012, 12:41 Uhr:
- Das ist ja super für Apple, die können ja dann Werbung auf dem Ipad auch in Schulen verkaufen, dass wird die Aktionäre dieses sozialen Unternehmens aber freuen. Achtung: Dieser Beitrag kann Sarkasmen enthalten!
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