Mediennutzung junger Leute: Das Internet kommt mit auf die Insel
Das Fernsehen galt über Jahrzehnte als das entscheidende Medium für politische Informationen und aktuelle Nachrichten. Jugendliche setzen zur Information und Meinungsbildung jedoch immer mehr aufs Internet.
Nicolai Kühling ist Student an der Fachhochschule in Gelsenkirchen und steht kurz vor seiner Bachelor-Prüfung. Zu Hause hat er seinen Fernseher entsorgt und informiert sich vor allem im Internet: "Es gibt kaum jemand in meinem Umfeld, der um 20 Uhr schnell aufs Erste schaltet, um sich die Tagesschau anzuschauen. Das ist nicht mehr unsere Generation, wir sind zeitlich nicht gebunden, wir müssen das ja so nicht machen. Die Infos kommen aus dem Internet". Auf der Suche nach aktuellen Informationen und politischen Hintergründen greift der Student auch zu politischen Magazinen wie der Print-Ausgabe des Spiegel. Diese Mediennutzung ist typisch für die junge Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen, bei der ARD und ZDF mit ihren Info-Formaten im Fernsehen nicht mehr selbstverständlich zur Mediennutzung gehören.
Fernsehnutzung im Wandel

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Susanne Fengler: Jugend nutzt Fernsehen zur Unterhaltung
"Die Fernsehangebote der öffentlich-rechtlichen Sender gehen inzwischen an den Jugendlichen vorbei", sagt Susanne Fengler, Kommunikationswissenschaftlerin und Leiterin des Erich Brost Instituts in Dortmund. "Bei der ganz jungen Gruppe der 14- bis 29-Jährigen sind es gerade mal zwölf Prozent, die das Nachrichtenangebot von ARD und ZDF im Fernsehen wahrnehmen". Die Wissenschaftlerin hat für die Jahreskonferenz der Landesmedienanstalten aktuelle Forschungsergebnisse zur Mediennutzung wie die Langzeitstudie Massenkommunikation zusammengefasst.
Junge Leute wollen Unterhaltung im Fernsehen
Selbst in der Altersgruppe bis 50 Jahre nutze nur ein Viertel das öffentlich-rechtliche Informationsangebot im Fernsehen. ARD und ZDF erreichten in erster Linie Menschen, die älter als 50 Jahre sind. Davon sehen zwei Drittel die Informationssendungen, so die Wissenschaftlerin. Junge Leute dagegen schalten das Fernsehen meist auf der Suche nach Unterhaltung ein, und dann die Privatsender. Das habe Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit des Fernsehens insgesamt, so Fengler: "Die ganz junge Zielgruppe nimmt das Fernsehen gar nicht mehr als Informationsmedium wahr. Wenn man sie fragt: Ist Fernsehen sachlich, kritisch und informativ, dann erhält man mit 20 Prozent einen ganz geringen Wert."
Der Unterschied in der Mediennutzung der verschiedenen Altersgruppen macht die ARD/ZDF-Onlinestudie von 2010 deutlich. Wenn alle Nutzer ab einem Alter von 14 Jahren betrachtet werden, dann liegt das Fernsehen mit täglich 244 Minuten deutlich an erster Stelle. Erst dann folgen das Radio mit 187 Minuten und das Internet mit 77 Minuten. Ganz anders ist die Situation bei den 14- bis 19-Jährigen, die inzwischen 110 Minuten in der virtuellen Welt verbringen. Knapp dahinter folgen Fernsehen (107 Minuten) und Radio (106 Minuten).
Ohne Internet geht nichts mehr

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Ohne Fernseher - Nicolai Kühling
Bessere Imagewerte ("sachlich, kritisch, informativ") bekommen dagegen Tageszeitung und Internet. Allerdings greifen die jungen Leute immer weniger zum gedruckten Papier - gelesen wird im Internet. Der Reichweiten- und Nutzungsrückgang der Tageszeitungen hält an.
Die Autoren der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2010 haben Jugendlichen auch die "Inselfrage" gestellt: Was darf auf einer einsamen Insel nicht fehlen und worauf kann man nicht verzichten? Die Antwort ist eindeutig: 70 Prozent wollen auch unter Palmen das Internet behalten und nur 16 Prozent können nicht ohne Fernsehen leben. Ein Grund für diesen Befund dürfte die Tatsache sein, dass das Web ein Universalmedium ist, das auch viele traditionelle Medieninhalte - etwa lineares und nonlineares Fernsehprogramm, Radio-Livestreams oder Print - erschließt.
Internet ergänzt traditionelle Medien
Für die nachwachsende Generation ist das Netz, so die Studie, das modernste (78 Prozent) und vielseitigste (71 Prozent) Medium gegenüber Radio, Fernsehen und Print. Das gilt für Aktualität, Informationsgehalt und Unabhängigkeit. Man verweist gegenseitig auf interessante Webseiten, schickt sich Links zu, und die persönliche Empfehlung unterstreicht die Glaubwürdigkeit der Quellen. Viele mit dem Internet aufgewachsenen Menschen surfen so an den bisherigen Kathedralen der Meinungsbildung wie Fernsehen und Zeitungen vorbei oder ergänzen ihre Nutzung traditioneller Medien. In punkto Reichweite (Zahl der Menschen, die täglich einschalten) liegen Fernsehen, Hörfunk und Internet in der jungen Zielgruppe gleichauf. Deren mit Abstand wichtigstes "Informationsmedium" ist Wikipedia, und soziale Netzwerke dominieren die (ARD/ZDF-Onlinestudie 2010). Weitere Details: Internetnutzung der Jugend.
Online punktet mit Interaktion

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Stefan Laurin: "Jugend will mitdiskutieren"
"Blogs und "social media" werden deshalb verstärkt genutzt, weil die Leser eine Möglichkeit haben mitzudiskutieren", sagt Stefan Laurin, Journalist und Gründer des Blogs Ruhrbarone. "Da hatte ich nie das Gefühl, dass das Fernsehen das Leitmedium ist". Bevor etwas am Abend in der Tagesschau zu sehen ist, haben es viele Menschen schon getwittert bekommen, in Blogs entdeckt oder auf Internetportalen gelesen. Bei dieser Aktualität kann das Fernsehen oft nicht mithalten und es ist abhängig von aussagekräftigen Bildern und Sendeplätzen. "Die Linearität war immer der große Schwachpunkt bei Radio und Fernsehen. Radio kann man nebenbei hören und das funktioniert", sagt Stefan Laurin. "Beim Fernsehen ist nicht mehr die Bereitschaft da, etwas dann zu schauen, wenn mir das irgendwer vorschreibt. Und das muss ich auch nicht mehr". Videoportale wie Youtube und die Mediatheken machen das per Mausklick möglich.
Diskussion um Jugendkanal
Bei Programm-Verantwortlichen und Medienpolitikern sind die Ergebnisse der Studien angekommen. So ist auch die Diskussion über den Aufbau eines eigenen Jugendsenders der ARD zu verstehen. Vergangene Woche hat der Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), Udo Reiter, ein solches Angebot als wünschenswert bezeichnet. Beim MDR liegt der Altersdurchschnitt der Zuschauer bei 61 Jahren und damit geringfügig unter dem Durchschnitt der anderen ARD-Anstalten. "Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, jüngere Zuschauer zu gewinnen", erklärte Reiter. "Ein Jugendkanal wäre die Lösung." Die öffentlich-rechtlichen Gedankenspiele haben sofort die Privatsender auf den Plan gerufen, die gebührenfinanzierte Konkurrenz vermuten und die Überlegungen strikt ablehnen.
Monika Piel, ARD-Vorsitzende und WDR-Intendantin, will junge Menschen indes in der Fläche gewinnen: "Entscheidend ist, dass wir auf alle Verbreitungswege - also Fernsehen, Radio und Internet - setzen, um ein jüngeres Publikum zu erreichen. Auch die Angebote zur zeitsouveränen Programmnutzung von der WDR-Mediathek bis hin zu Apps sind ein wichtiger Teil unserer Strategie. Mit dem Digitalprogramm Einsfestival arbeiten wir zudem daran, noch mehr Zuschauer ab 30 zu erreichen. Dafür werden zur Zeit neue Formate für Einsfestival pilotiert."
Die digitale Spaltung der Gesellschaft

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Susanne Fengler: "Medienkompetenz gehört in die Schule"
Beim Thema Information gibt es eine Spaltung der Gesellschaft: Viele Menschen informieren sich umfassend und nutzen alle verfügbaren Medien. Sie sind insgesamt wahrscheinlich so gut informiert, wie es bisher kaum möglich war. Daneben gibt es eine große Zahl von Menschen, die dieses Informationsangebot wenig nutzen; politische Informationen und Nachrichten im Fernsehen erreichen sie nicht. Ein Grund dafür dürfte sein, dass unser Mediensystem immer komplexer wird, aber Medienkompetenz nicht in gleichem Maß vermittelt wird.
Medien gehören in die Schule
Susanne Fengler setzt daher auf Bildung und das Engagement der Schulen: "Ich denke, es ist wichtiger kompetent mit Medien umzugehen, als das letzte chemische Molekül zusammenbauen zu können. Medien bestimmen den Alltag von vielen jungen Menschen viel stärker". In den Schulen beschränke sich die Beschäftigung mit Medien bis heute oft auf den Einsatz von Power-Point-Präsentationen und den Besuch der Lokalzeitung. Schüler müssten aber selbst Inhalte mit Medien erstellen und lernen, die Medien kritisch zu hinterfragen, meint Fengler. Damit demokratische Meinungsbildung in Zukunft funktioniert, müsse Medienkompetenz regelmäßig auf dem Stundenplan stehen.
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Im Januar 2011 hat der Branchenverband BITKOM die Studie "Jugend 2.0" zur Internetnutzung junger Menschen vorgestellt. Danach ist keine Altersgruppe besser vernetzt als Jugendliche und 98 Prozent der Zehn- bis 18-Jährigen nutzen das Internet. Selbst jüngere Teenager von zehn bis zwölf Jahren sind demnach zu 96 Prozent online. Selbstverständlich ist dabei die Zugehörigkeit zu den "social communities" und 74 Prozent nutzen die verschiedenen Angebote regelmäßig. Bei den Altersgruppen gibt es große Unterschiede: So sind 93 Prozent der 16- bis 18-Jährigen in den Netzwerken aktiv, aber nur 42 Prozent der Zehn- bis Zwölfjährigen. An erster Stelle liegt hier SchülerVZ und erst danach folgt Facebook. Die Nutzer machen sich in der virtuellen Welt nicht nur auf die Suche nach Gemeinschaften, sondern drei Viertel suchen Informationen für Schule oder Ausbildung.
Die Untersuchung wurde vom Institut Forsa durchgeführt und basiert auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 700 Heranwachsenden im Alter von 10 bis 18 Jahren.
Stand: 04.06.2011, 12.03 Uhr
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