Interview mit den niederländischen Journalisten: "Wir dachten, das sei ein Witz"
Mit versteckter Kamera hatten zwei niederländische Journalisten Ex-SS-Mann Heinrich Boere in einem Altenheim gefilmt. Deswegen müssen sie sich vor Gericht verantworten. Als sie davon erfuhren, glaubten sie zunächst an einen schlechten Scherz.

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TV-Journalist Jelle Visser
Sommer 2009. Zwei niederländische Journalisten besuchen Heinrich Boere im Altenheim in Eschweiler. Sie filmen ihn mit einer versteckten Kamera und fragen nach dessen SS-Vergangenheit. In den Niederlanden war Boere direkt nach dem Krieg wegen dreier Morde zu lebenslanger Haft verurteilt worden. 1949 floh er aus dem Gefängnis. Jahrzehnte lang lebte er unbehelligt in Deutschland. Erst 2008 nimmt sich die Staatsanwaltschaft Dortmund der Sache an. Nach langwierigem juristischen Tauziehen muss einer der letzten lebenden Kriegsverbrecher der Niederlande 2011 doch noch ins Gefängnis. Von dort aus verklagt der 90-Jährige die beiden Journalisten.
WDR.de: Am Donnerstag (09.02.2012) müssen Sie sich in Eschweiler vor Gericht verantworten: wegen Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes und Hausfriedensbruch. Ihnen drohen bis zu drei Jahre Haft.
Jelle Visser: Wir dachten, das sei ein Witz! Aber unsere Anwälte in Deutschland nehmen das ernst. Es ist ein Strafprozess, wir können verurteilt werden, denn der Schutz der Privatsphäre ist in Deutschland ein hohes Gut. Natürlich hat auch ein Kriegsverbrecher Rechte, aber hier geht es um ein öffentliches Interesse – da wissen wir dann, welches Recht Vorrang hat. Nicht das Recht von Herrn Boere. Doch die deutsche Staatsanwaltschaft denkt darüber offenbar anders. Wir sind sehr erstaunt, dass die Deutschen hier so hart durchgreifen. Vielleicht sind wir bald vorbestraft. Kaum vorstellbar!
WDR.de: Was wollten Sie mit der versteckten Kamera zeigen?

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Heinrich Boere (l.) vor Gericht
Visser: "Herr Boere, bereuen Sie es?", "Herr Boere, möchten Sie den Hinterbliebenen noch etwas sagen?", "Warum haben Sie 1944 die Menschen ermordet?" Das wollten wir wissen. Er hat sich nie wirklich entschuldigt. Es gab einen einzigen Fernsehauftritt zehn Jahre zuvor, in dem Boere von den Morden spricht, als seien es Cowboygeschichten: "Pang, pang! Und dann sind wir ins Auto gesprungen." Starke Geschichten, aber keine Reue.
Als die Staatsanwaltschaft Dortmund 2008 den Fall aufnahm, haben wir Hinterbliebene seiner Opfer aufgesucht. Es zeigte sich: Diese Morde sind immer noch eine offene Wunde! Die Familien hatten Boere geschrieben. Die de Groots und die Bickneses brauchten eine persönliche Reaktion, um ihren Frieden mit der Sache finden zu können. Er hat nie geantwortet.
WDR.de: Die Sache ist in den Niederlanden noch nicht abgeschlossen?
Visser: Alle Betroffenen, die wir sprechen, sagen: Er braucht unseretwegen nicht mehr ins Gefängnis. Aber ehrlich solle er sein, Reue solle er zeigen. Doch Boere schweigt. Während des späteren Prozesses saßen Mitglieder der Aachener Kameradschaft im Saal. Das hat er nicht verurteilt. Die Hinterbliebenen vermuten, dass er im Grunde immer noch SS-ler ist. Dem wollten wir nachgehen.
WDR.de: Und? Sind Sie dahinter gekommen?
Visser: Nein, er hat darauf keine Antwort gegeben. Aber vielleicht sagt es just besonders viel über Heinrich Boere, dass er keine Antworten gibt.
WDR.de: War Boere nicht anders zu erreichen als mit einer versteckten Kamera?

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Jelle Visser (l.) und Jan Ponsen auf dem Weg zum Polizeiverhör
Visser: Ja wie denn? Wir haben alles versucht, geschrieben, angerufen. Wir hatten einen Termin mit seinem Anwalt, der ohne Angabe von Gründen abgesagt wurde. Es ging nicht anders! Deshalb hat uns der niederländische Presserat auch Recht gegeben. Boere hatte sich nämlich zuerst dort beschwert.
WDR.de: In der Reportage ist zu sehen, wie Sie Boeres Tür öffnen. Dieser winkt ab mit den Worten "Ich will nichts mit Journalisten zu tun haben. Raus! Ab!" Wie kam es zu dem ruhigen Gespräch danach?

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TV-Journalist Jan Ponsen
Visser: Wir haben uns als Journalisten vorgestellt und ihn nach dem anstehenden Prozess gefragt. Im Grunde hat er sich über den Besuch gefreut. So viel Besuch bekommt er nicht. Er ist schnell aufgetaut. Er wollte erzählen über seine Hunde, über seine deutsche Mutter, die sagte "Jetzt kommen die Deutschen und alles wird besser." Über die Morde wollte er nicht reden. Wir waren 45 Minuten bei ihm. Zwischendurch kam eine Pflegerin herein. Die hätte er bitten können, uns herauszuwerfen. Das tat er nicht. Am Ende des Gespräches sagte er: "Schreibt alles gut auf!".
WDR.de: Wann hat er von der versteckten Kamera erfahren?
Visser: Als die Reportage ausgestrahlt wurde, im September 2009.
WDR.de: War das nicht gemein, einen alten Mann im Rollstuhl derart zu hintergehen?
Visser: Nein. Wir haben in der Reportage alles genau so wiedergegeben, wie es war. Ohne verfälschende Schnitte. Als dessen Anwalt das Interview abgesagt hatte, hatten wir keinen anderen Weg mehr. Hätte er mit uns gesprochen, hätten wir Boere gar nicht besucht.
WDR.de: Was hat die Aktion dann gerechtfertigt?
Visser: Das öffentliche Interesse! Die Sache ist in Holland immer noch sehr wichtig. Boere ist eine Person der Zeitgeschichte. Die Hinterbliebenen waren beim Prozess und einige begleiten uns nun auch zu unserem Prozess. Das ist klasse.
WDR.de: Wer unterstützt Sie noch?
Visser: Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem, Günter Wallraff, Parlamentarier aus Den Haag... Wir werden von Zeitungen weltweit angerufen. Schließlich geht es hier um Pressefreiheit. Es ist schon erstaunlich, dass die deutsche Justiz 60 Jahre gebraucht hat, um Heinrich Boere zu verfolgen. Und wenn zwei Journalisten etwas Verbotenes getan haben, sind auf einmal alle Ampeln grün.
WDR.de: Sie können es doch wie Boere machen. Der hat sich der niederländischen Justiz entzogen und wohnte in Deutschland. Sie und Ihr Kollege Jan Ponsen könnten einfach in Holland bleiben.
Visser: Das wäre schwach. Ich habe Vertrauen in die deutschen Richter. Wir gehen hin und erzählen unsere Sicht der Dinge. Aber wenn wir verurteilt werden, dann gehen wir durch alle Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof. Hier in Holland versteht das keiner. Hier sagt man: "Die deutsche Justiz soll lieber die Kriegsverbrecher verfolgen! Es läuft ja noch ein Holländer frei herum in Deutschland: Carel Faber."
Interview und Übersetzung: Anneke Wardenbach
Stand: 09.02.2012, 06.00 Uhr
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