Videos in den Nachrichten Gefährliche Handyvideos

Von Nikolaus Steiner

Syrien ist hermetisch abgeriegelt – kaum ein ausländischer Journalist kommt ins Land. Trotzdem laufen jeden Abend Videos aus dem Bürgerkriegsland in den Nachrichtensendungen. Woher kommen diese Bilder? Und sind sie echt?


Verwackelte Aufnahmen aus Syrien, von einem Unbekannten mit einer Handykamera gemacht

Eine Demonstration. Männer schreien und halten Transparente in die Luft. Plötzlich fallen Schüsse. Die Menschen rennen auseinander.
Es sind verwackelte Aufnahmen einer Handykamera, die am Abend in einem Tagesschau-Beitrag laufen. Sie sollen eine Demonstration in Syrien zeigen, bei der die Armee auf die Teilnehmer des friedlichen Protestes geschossen haben soll. Angeblich. Kein Journalist war bei der Demonstration vor Ort. Ob die Bilder aber wirklich das zeigen, was sie zeigen sollen, wissen die Zuschauer nicht. Sie müssen den Fernsehmachern glauben. Aber wie machen sie das, wenn sie selbst nicht vor Ort sind?

Auf der Suche nach neuen Videos


Michael Wegener
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Michael Wegener

"Das ist ein Indizienprozess", sagt Michael Wegener von der Tagesschau-Redaktion. Er ist Social-Media-Redakteur und durchforstet jeden Tag mit seinen Kollegen Twitter, YouTube und Facebook nach neuen Videos und versucht deren Herkunft zu überprüfen, um dadurch Aussagen über den Wahrheitsgehalt treffen zu können. "Wir gucken uns Stück für Stück die Indizien an und fragen: Ist das wirklich an diesem Ort aufgenommen? Ist das tatsächlich die Sprache? Kann das sein?".

Vier Stufen der Verifikation

Dieser "Verifikationsprozess" in der Tagesschau-Redaktion läuft in vier Stufen ab. In Stufe Eins wird das Bildmaterial mit anderen Quellen abgeglichen, z.B. mit Nachrichtenagenturen. So können die Redakteure feststellen, ob wirklich heute an diesem Ort eine Demonstration stattgefunden hat. Der zweite Schritt überprüft die Quelle. Die zentrale Frage hier: Wie glaubhaft ist der, der das Video ins Netz gestellt hat?  Dabei wird darauf geachtet, ob der Urheber des Videos bereits bekannt ist und kontaktiert werden kann, wie oft er bereits etwas gepostet hat und wie viele Follower er aufweisen kann.

Der dritte und für Michael Wegener wichtigste Schritt ist der Abgleich der bisherigen Informationen mit Experten. D.h. das Video wird z.B. ARD-Korrespondenten gezeigt, Mitarbeitern von Nichtregierungsorganisationen, oder Deutschen, die vor Ort leben, oder sich gut in dem jeweiligen Land auskennen. "Wir fragen die Experten, ob das sein kann, was man dort auf den Aufnahmen sieht", erklärt Wegener.

Im vierten und letzten Schritt wird die Technik unter die Lupe genommen, d.h. die Social-Media-Redakteure prüfen, ob das Video technisch manipuliert und bearbeitet wurde. Aber selbst wenn alle Indizien darauf hinweisen, dass das Video echt ist – absolute Sicherheit gibt es nicht. Hier sieht auch der Leipziger Journalistik-Professor Martin Welker das Problem: "Die Gefahr ist sicher, dass das Material manipuliert ist und sich die Redaktion dadurch auf ein gefährliches Feld begibt". Deshalb müsse die Redaktion immer abwägen, wie nachrichtenrelevant das Ereignis ist, damit man sich dafür entscheidet, Bildmaterial zu senden, dessen Quelle nicht eindeutig ist. Für Michael Wegener ist es deshalb wichtig, dass die Fernsehmacher dem Zuschauer ehrlich und transparent gegenüber treten, d.h. dass die Quelle im Beitrag eingeblendet wird und dass sich der Kommentar durch eine zurückhaltende Formulierung im Konjunktiv vom Geschehen distanziert.

Aber reicht das aus?


Prof. Martin Welker
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Prof. Martin Welker

Für den Journalistik-Professor Welker ist es bei jedem Ereignis eine Einzelfallentscheidung, die sorgsam von der Redaktion abgewogen werden muss. Um eine solche treffen zu können, sei es wichtig, dass die Redakteure auch entsprechend ausgebildet sind. "Online-Recherche wurde ja lange Zeit als Teufelszeug klassifiziert", so Welker. Das ändere sich nun, da immer häufiger Bilder und Informationen aus dem Internet Eingang in Nachrichten fänden. Für Michael Wegener und seine Kollegen ist der Umgang mit Quellen aus dem Netz bereits Fernsehalltag. Das Internet bietet ihnen viele neue Bildquellen und stellt damit neue, hohe Anforderungen an den Fernsehjournalismus – wie im Moment mit dem Konflikt in Syrien der Fall.

Ob das Demonstrations-Video wirklich das zeigt, was es zeigen soll, werden die Zuschauer wohl erst viel später erfahren.


Stand: 07.01.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (3)

letzter Kommentar: 07.01.2012, 22:02 Uhr

heinzb aus nrw schrieb am 07.01.2012, 22:02 Uhr:
" und hoch auf dem Kilimandscharo, da liegt im Sommer noch Schnee ", suchen wir einen neuen Kriegsschauplatz nach dem Desaster in Afghanistan, das den deutschen Steuerzahler mindestens 17 Milliarden Euro und viele Tote gekostet hat. Wir haben mehr als genug Probleme im eigenen Land, auch in vieler Hinsicht sind wir selber noch ein Entwicklungsland, meine ich.
nachdenkseiten.de-Leser schrieb am 07.01.2012, 19:18 Uhr:
Sehr gut zu diesem Thema passt das soeben erschienene Buch "2012 - das andere Jahrbuch" von Gerhard Wisnewski. In einem Kapitel widmet er sich z. B. dem Ereignis, dass das ZDF im heute-journal vom 25.2.11 ein und das selbe Video zeigt, und zwar einmal als revolitionäre Handlung in Libyen und wenige Minuten später im Bahrain..... Ja, so ist das! Gut, dass es sehr aufmerksame und kritische Journalisten wie Wisnewski gibt, die auch die scheinbar seriösen öffentlich-rechtlichen Sender im Auge behalten. Ansonsten bleibt es dabei: Wir werden manipuliert was das Zeug hält! Wäre dies doch nur eine Verschwörungstherorie........
Volkmann schrieb am 07.01.2012, 11:49 Uhr:
"Fernsehmacher" und "Zuschauer" - "ehrlich" und "transparent" - Brot und Spiele. Die Realität findet vor Ort statt und ihr Schein wird vermittelt.