Geburtstagsaktion der Bild-Zeitung Bürger wehren sich gegen Gratis-Zeitung

Von Rainer Striewski

Mehr als drei Millionen Exemplare der Bild-Zeitung werden täglich gedruckt. Zum 60. Geburtstag der Zeitung könnte sich diese Auflage nun mehr als verzehnfachen - wenn das Blatt nicht verkauft, sondern kostenlos an alle Haushalte verteilt würde. Doch dagegen regt sich Widerstand.


Die Bild-Zeitung ist Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung. Rund 2,7 Millionen Exemplare werden nach Verlagsangaben täglich verkauft, jedes Exemplar dabei von mehreren Personen gelesen. Doch neben diesen Millionen Lesern gibt es auch Millionen Menschen, die das Blatt wegen Desinteresse oder grundsätzlicher Ablehnung nicht lesen. Nicht einmal, wenn sie sie geschenkt bekämen.

Zum 60-jährigen Geburtstag der Bild-Zeitung hatte sich der Verlag etwas Besonderes einfallen lassen: Am 23.06.2012 sollte die Zeitung offenbar kostenlos an alle Haushalte der Republik verteilt werden, mit einer Gesamt-Auflage von 41 Millionen Exemplaren. Bei seinen Anzeigenkunden rührte der Verlag die Werbetrommel, schließlich könnten diese mit nur einer einzigen Anzeige an diesem Tag sämtliche Haushalte in Deutschland erreichen. Doch was Verlag und Anzeigenkunden freut, stößt bei den potentiellen Empfängern dieser Werbebotschaften und Gratis-Ausgaben nicht nur auf Zustimmung.

Campact: Fast 200.000 Widersprüche


Am Donnerstag (12.04.2012) ist eine Kampagne des Vereins Campact e.V. in Zusammenarbeit mit "alle-gegen-bild.de" gestartet, die sich gegen die Gratis-Zustellung der Zeitung richtet. "Regelmäßig werden in der Bild die Persönlichkeitsrechte der dargestellten Personen verletzt oder die Menschenwürde missachtet", heißt es in der Kampagne von Campact e.V. "Keine andere Zeitung wird so oft vom Deutschen Presserat wegen Verstößen gegen den Pressekodex gerügt wie die Bild-Zeitung. Wir wollen dem Springer-Verlag zeigen, was wir von diesen Methoden halten." Die Nutzer können auf der Internet-Seite der Kampagne ein Mailformular ausfüllen und an den Springer-Verlag senden, um einer Zustellung der Gratis-Bild zu widersprechen. Ein simpler Aufkleber auf dem Briefkasten reiche nicht aus, um die Gratis-Ausgabe nicht zu erhalten, schreibt der Verein. Deshalb müsse jeder, der die Zeitung nicht erhalten möchte, dies dem Verlag schriftlich mitteilen.

Die Kampagne fand schnell Zuspruch in sozialen Netzwerken. Bei Twitter schafften es die Hashtags #Briefkasten und #Bild zum Start der Aktion unter die Top Ten der "Deutschen Twitter-Trends". Am Tag nach dem Start gefällt mehr als 2.500 Nutzern die Facebook-Seite "Alle gegen Bild".

Die Webseite des Campact e.V. wies am Montagnachmittag (16.04.2012) mehr als 100.000 Einsprüche per Mailformular an den Springer-Verlag aus. Am Freitagabend (27.04.2012) waren es fast doppelt soviel, nämlich 193.667. Der Widerspruch kann indes nicht nur über dieses Projekt gesendet werden. Einige Webseiten bieten bereits seit Monaten Mail-Formulare oder Musterbriefe an, die der Nutzer mit seiner Anschrift versehen an den Springer-Konzern schicken kann.

Kommt die Gratis-Bild überhaupt?


Wieviel Einsprüche der Verlag insgesamt erhalten hat, konnte Unternehmenssprecher Tobias Fröhlich auf WDR.de-Anfrage nicht mitteilen. Denn es finde keine Zählung der Einsprüche statt, erklärte Fröhlich. Aber er versichert: "Alle bei uns eingehenden Widersprüche werden wir im Erscheinungsfall selbstverständlich beachten."

Dabei ist offenbar noch gar nicht sicher, dass es die Gratis-Bild überhaupt in der geplanten Form geben wird. Das PDF-Dokument, in dem der Verlag bei potentiellen Anzeigenkunden für das Projekt geworben hatte, hat der Verlag im Januar wieder aus dem Netz genommen. Nun teilt das Unternehmen mit: "Es ist richtig, dass Bild über solch eine Geburtstagsaktion nachdenkt und derzeit Gespräche mit potentiellen Anzeigenkunden führt." Eine endgültige Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, so Unternehmenssprecher Fröhlich weiter.


Stand: 27.04.2012, 19.16 Uhr


Kommentare zum Thema (39)

letzter Kommentar: 30.04.2012, 13.28 Uhr

Bulli1 schrieb am 30.04.2012, 13.28 Uhr:
Hallo Ganesha! Kontrolliert der Presserat auch die Zeitungen, die aus der Türkei und dem arabischen Raum hier auf dem Markt sind? Berichtet Hüryet getreu unseren Regeln? Frauenrechte, Religionsfreiheit, Demokratie? Sind die sog. Dokus im Fernsehen immer so, daß Recht und Gesetz eingehalten werden, objektiv berichtet wird und niemand zu schaden kommt? Zugegeben, manches ist schon harter Tobak, aber man muß Bild nicht kaufen! Niemand zwingt uns, anders als das Regierungsfernsehen! Da wird kassiert ohne Ende und das Programm zum Abspielsender degradiert! Ähnlich den Privaten! Und ausgerechnet Wallraff ist ja nun kein Zeitzeuge, dessen Neutralität und Integrität mehr gesichert erscheint! IM Wagner darf er genannt werden! Keine Diktatur ist schlimm genug, um nicht vermeintliche Vorteile zu verschaffen! Gestern bei Jauch hat er ja wohl total versagt! Die Aktion gegen Bild ist genau das, was eine solche Maßnahme braucht! Alle warten nun auf Bild - kostenlos! Da sagt ASV doch sicher ...
Ganesha schrieb am 30.04.2012, 05.48 Uhr:
Zur vermeintlichen Unabhängigkeit der Bild-"Zeitung": so wurde auf der hier verlinkten Seite mit dem Manuskript des WDR5-Berichts Susanne Jacoby, eine der Organisatorinnen der Protestatkion wie folgt zitiert: „Keine andere Zeitung wird so oft vom Presserat wegen Verstößen gegen den Pressekodex gerügt wie die BILD, regelmäßig werden Persönlichkeitsrechte mit den Füßen getreten, die Menschenwürde missachtet, und das passiert immer wieder und da fanden wir es einfach wichtig, darüber eine Debatte zu führen, denn da zeigt sich die BILD ein Stück weit unbelehrbar.“ Das hat sich seit den Zeiten des Erscheinens der Bücher eines Günter Wallraff gegen Ende der 1970er Jahre nicht geändert. Nach wie vor ist die "Berichterstattung" der Bild tendenziös (milde gesprochen) und zum Teil menschenverachtend. Und ich brauche die Zeitung nicht gekauft zu haben, um mich an die berühmten Brüste zu erinnern... ich bin alt genug, um gesehen zu haben, wie die mich an Kioske von Seite 1 aus ansprangen...
Horst41 schrieb am 29.04.2012, 13.45 Uhr:
Als Steuerzahler sollten Sie wissen, daß Postwurf-Sendungen keine Daten benötigen! In heutiger Zeit nützen solche Daten auch nichts. verkaufen können Sie nur Adressen, die qualifiziert sind. Und da sind elektronische Medien erheblich verdächtiger!
Rudi70 schrieb am 29.04.2012, 13.40 Uhr:
Hallo Ganesha! Genau das ist es, was die Zeitung so interessant macht! Sie ist unabhängig, nimmt (manchmal übertrieben) wenig Rücksicht und behauptet sich am Markt! Niemand muß sie kaufen, Millionen tun es trotzdem! Angela Merkel ist tatsächlich nicht unsere Mutti; sie ist da schon eher "Erika". Das beweist ja auch, daß man nicht alles glauben muß. Aber das kann man in anderen Medien genauso erleben! Und die zahle ich, auch wenn ich sie nicht will! Da zahle ich gar, wenn ich sie nicht nutze! Seltsam, daß die Deutschen das nicht bemerken! Sie bekommen die Ausgabe des Fernsehen nicht umsonst, sie werden zwangsverpflichtet zu zahlen! Ob sie wollen oder nicht! Im Übrigen sind die Brüste von Seite 1 verschwunden. Die sehen Sie nur noch, wenn Sie das Blatt kaufen; also öffnen! Und Sie müssen sie gekauft haben, um sie zu sehen! Denn Sie schreiben darüber!
Ganesha schrieb am 29.04.2012, 11.09 Uhr:
"Ich freue mich auf die Sonder-Bild-Zeitung. Ein wirklich unabhängiges Medium!" schrieb Rudi70... Wer die Bild-"Zeitung" für unabhängig hält, glaubt auch, dass wir alle Papst sind, Vladimir Putin ein lupenreiner Demokrat ist, Joachim Gauck ein Heiliger und Angela Merkel unsere Mutti, die nur unser bestes will... Unabhängig... na klar. Ich bin froh, dass ich nicht zu den Abhängigen gehöre, die jeden Morgen für Bargeld Blut und Brüsten in Großbuchstaben nötig habe. Ich will Nachrichten lesen... und deswegen habe ich auch absolut keine Lust darauf, das Blut- und Lügenblatt in meinem Briefkasten zu finden - nicht mal gratis.

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