Berufsgeheimnisse vom Weihnachtsmann "In manchen Familien bin ich Stammgast"

Von drauß' vom Walde kommen sie her und schleppen Geschenke leicht und schwer: Die Weihnachtsmänner vom Kölner "Nikolaus-Service" waren ziemlich beschäftigt. WDR.de konnte einen von ihnen trotzdem zu einem Interview überreden.


Er hat eine tiefe, volle Stimme, trägt gerne Mütze und Bart – und will seinen echten Namen lieber nicht verraten. Dafür aber das eine oder andere Betriebsgeheimnis. Der Chef vom Kölner "Nikolaus-Service" ist seit über einem Vierteljahrhundert im Geschäft.

WDR.de: Die Vorweihnachtszeit empfinden schon viele normale Menschen als stressig. Bei Ihnen muss das ja noch viel schlimmer sein. Oder?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Nun ja, ich habe mich im Laufe der Jahre dran gewöhnt. Wir sind zu viert und haben sehr gut zu tun. 95 Prozent der Aufträge sind allerdings schon drin, so kurz vor dem Fest melden sich kaum noch Leute. Ein Schwerpunkt ist die Nikolauswoche, da waren wir natürlich viel unterwegs. Seitdem sind es meistens nur einzelne Termine, etwa bei Weihnachtsfeiern von Vereinen oder Firmen. Aber an den Weihnachtstagen ist natürlich wieder Hochbetrieb. Da habe ich dann bis zu ein Dutzend Bescherungen pro Tag.

WDR.de: An allen Tagen? Nicht nur an Heiligabend?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Natürlich ist an Heiligabend das Meiste los, da sind wir schon lange ausgebucht. Aber auch am ersten und zweiten Weihnachtstag sind wir im Einsatz. Das sind einerseits die "Omma-Feiern", wie wir sie nennen. Aber es gibt eben auch immer mehr Patchwork-Familien, zu denen wir dann kommen.

WDR.de: Und am 27. Dezember satteln Sie Ihre Rentiere und düsen in den wohlverdienten Urlaub?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Von wegen. Da gibt es auch immer mal wieder Aufträge. Ich habe sogar schon Silvesterbescherungen gemacht.

WDR.de: Tatsächlich? Wer will denn so etwas?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Zum Beispiel die Eltern eines Kindes, das an Weihnachten im Krankenhaus war. Das muss dann natürlich nachgeholt werden.

WDR.de: Wie läuft Ihr Auftritt denn normalerweise? Sind Sie der Überraschungsgast, der plötzlich klingelt?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Das gibt es auch, aber eher selten. Meist ist es so, dass ich schon erwartet werde, dass alle wissen, dass ich komme. Ich bin dann sozusagen ein Stammgast und ein fester Bestandteil des Rituals. Es gibt Familien, die über viele Jahre hinweg den gleichen Weihnachtsmann, den gleichen Nikolaus bestellen. Denn so lange dieser ein Unbekannter ist, kann das Geheimnis länger gewahrt bleiben.

WDR.de: Sie meinen, dass die Kinder nicht an Ihrer Echtheit zweifeln?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Genau. Wenn sich der Opa oder der Papa verkleiden, durchschauen das schon die Dreijährigen ohne Probleme. Wenn aber die ganze Familie beisammen ist und ein offensichtlich Fremder kommt, der jedes Mal nach bestimmten Ritualen vorgeht, sieht das ganz anders aus. Dann hat das sogar einen pädagogischen Effekt. Wenn man mit Märchen und Mythen aufwächst, ist das fast wie Zweisprachigkeit: Man taucht in eine andere Welt ein, und das erweitert den Horizont.

WDR.de: Und wann fallen die Kinder vom Glauben ab? Wann werden sie skeptisch?


Nikolaus/Weihnachtsmann: Die meisten erkennen mit acht oder neun Jahren, dass das ein Schauspiel ist. Aber oft machen sie dennoch mit. Etwa, wenn es noch ein oder mehrere Geschwisterchen gibt, denen sie die Illusion nicht zerstören wollen. Oder weil es ihnen einfach so gut gefällt. Es gibt Familien, die habe ich fünfzehn Jahre lang hintereinander besucht. Da habe ich die Kinder groß werden sehen. Die Rollen und das Verständnis haben sich da natürlich gewandelt, aber für die gehört es einfach an Weihnachten dazu, dass ich vorbeikomme.

WDR.de: Seit wann sind Sie denn im Dienst?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Anfang der 1980er Jahre bin ich das erste Mal auf einer Party und in einer Gaststätte als Nikolaus aufgetreten. Dann lag das Kostüm ein paar Jahre unbenutzt im Schrank, bis ich es wieder herausgeholt habe. Meine erste richtige Saison war dann 1986. Und seitdem bin ich dabei.

WDR.de: Wer bucht Sie denn, was sind das für Menschen? Und hat sich das seit Mitte der 1980er geändert?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Das ist eine bunte Mischung, quer durch die Gesellschaft. Was mir aber auffällt: In den letzten Jahren bin ich immer öfter bei türkischen oder bei türkischstämmigen Familien, wo zumindest ein Elternteil aus der Türkei kommt. Da hat mein Auftritt manchmal sogar etwas von Religionsunterricht. Einmal war ich bei einer Familie, die bestand darauf, dass ich zuerst in Zivil komme und erzähle, was es mit dem Nikolaus auf sich hat, woher er seinen religiösen Ursprung hat. Danach ging ich raus, habe mein Kostüm angezogen und dann die Geschenke gebracht.

WDR.de: Der religiöse Aspekt der Weihnachtsgeschichte spielt also durchaus noch eine Rolle?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Man merkt zumindest noch deutlich den Unterschied zwischen den Religionen: Die Katholiken buchen den Nikolaus, die Protestanten den Weihnachtsmann. Viele wissen das ja gar nicht mehr, aber der Nikolaus ist katholisch gefärbt und hat hier im Rheinland eine lange Tradition. Es ist noch gar nicht so lange her, da war der 6. Dezember der Hauptgeschenketag, daran kann ich mich auch noch erinnern. Dass Weihnachten in dieser Hinsicht immer mehr Bedeutung gewonnen hat, ist erst seit ein paar Jahrzehnten der Fall. Aber den Weihnachtsmann als den guten Bekannten des Nikolaus haben wir natürlich auch im Programm.

WDR.de: War der Hauptunterschied nicht die Kopfbedeckung? Beim Nikolaus die aufrechte Bischofsmütze, während es beim Weihnachtsmann zipfelt und bommelt?


Nikolaus/Weihnachtsmann: Es gibt Vertreter unserer Zunft, die sich als "wahren" Weihnachtsmann beziehungsweise "wahren" Nikolaus sehen und mit diesem Anspruch auch den Raum betreten. Bei uns herrscht eine etwas andere Philosophie: Wir wollen den Weihnachtsmann und den Nikolaus darstellen, der in den Köpfen und vor allem in den Herzen der Kinder lebt. Denn man darf nicht vergessen: 99 Prozent der Kinder konsumieren die Medien, und da hat sich eben das Bild des Santa Claus durchgesetzt. Deshalb verzichten wir auf allzu ausgeprägte Details und historischen Anspruch. Wir hatten bis vor ein paar Jahren auch einen klassischen Nikolaus mit Bischofsmütze und Stab in unserem Team. Aber der wurde immer seltener gebucht, und dann hatte sich das irgendwann erledigt.

WDR.de: Werden Sie nach Ihrem Auftritt oft eingeladen, nach dem Motto: Hier, ein Likörchen für den Weg?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Das passiert nicht selten, wird aber stets abgeschlagen. Das kommt überhaupt nicht in Frage, ein absolutes No-Go. Ich verabschiede mich als Weihnachtsmann, und das war's dann.

WDR.de: Wenn Sie Ihre letzte Bescherung an Heiligabend gemacht haben und endlich zu Hause sind, was passiert dann? Wie sieht Weihnachten bei einem Profi aus?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Ganz normal. Meine Lieben warten alle, bis ich nach Hause komme, dann wird schön gegessen, dann machen wir die Lichter am Tannenbaum an. Es passiert das, was in fast allen Familien passiert.

WDR.de: Und dann? Klingelt es zur Bescherung an der Tür? Engagieren Sie einen Kollegen?

Nikolaus/Weihnachtsmann: Nein. Da würde ich in einen Konflikt geraten und zu sehr beobachten und auf seinen Auftritt achten. Das will ich nicht.

Das Interview führte Ingo Neumayer


Stand: 24.12.2012, 00.01 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 26.12.2012, 01.37 Uhr

anonym 25 schrieb am 26.12.2012, 01.37 Uhr:
an OWL: Neidisch? Auch in anderen Städten gibt es diesen Service. Was ist so schlimm, dass dieser hier aus Köln kommt? Da SPART der WDR Gebühren (Wegfall von Fahrtkosten). Also OWL, lass mal die Kirche im Dorf und denk daran: Weihnachten ist das Fest des Friedens. Ein Kind wurde geboren, dessen Geburtstag wir auch nach 2000 Jahren noch feiern. Ob das bei Ihnen auch so sein wird?? Eine NICHT-Kölnerin
OWL schrieb am 24.12.2012, 14.25 Uhr:
Hochwasser und Weihnachtsmann, da tut sich etwas in Köln und der Haus-und Hofberichterstatter WDR ist gleich dabei. Ansonsten passiert ja in NRW nichts, nur in Köln ist immer etwas los. Glückwunsch an den WDR, der immer ein offenes Ohr für ganz NRW hat, aber eigentlich nur eine Zuständigkeit für Köln fühlt. Der Rest des Landes interessiert nicht wirklich, Hauptsache die Gebühren kommen rein.