Oberhausener Kurzfilmtage Filmhochschule Internet

Am Donnerstag (02.05.2013) beginnen die 59. Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen. Christian Ebeling nimmt mit seiner Dokumentation über eine Blindenfußball-Mannschaft am "NRW-Wettbewerb" teil. Im Interview erzählt er die Entstehungsgeschichte des Films "Voy".


Ein blinder Fußballspieler trainiert in der Halle
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In seinem Kurzfilm porträtiert Christian Ebeling eine Blindenfußballmannschaft

WDR.de: Sie sind Biologe und arbeiten als Bioinformatiker. Wie wird ein Naturwissenschaftler zum Filmemacher?

Christian Ebeling: Ausschlaggebend war, dass ich mir vor einigen Jahren eine Spiegelreflexkamera gekauft habe, mit der man auch professionelle Filmaufnahmen machen kann. Da habe ich gesehen, was technisch alles möglich ist. Den Umgang mit der Kamera habe ich vor allem in Internet-Filmen und Blogs gelernt. Ich habe mir Hunderte, wenn nicht Tausende von Videos angesehen und mir dort vieles angeeignet, was andere wahrscheinlich an der Filmhochschule lernen.

WDR.de: Geht es um Filme im Internet, denkt man automatisch an "Youtube". Wie wichtig ist die Seite für Ihre Arbeit als Filmemacher?

Ebeling: Das Portal "Vimeo", auf dem nur nicht-kommerzielle Videos zu sehen sind, ist für mich definitiv interessanter. Von dort habe ich auch die vielen Anleitungen. So habe ich mir beispielsweise angesehen, wie man aus einem alten Skateboard einen Mini-Kamerawagen baut. Den habe ich benutzt, um meine Protagonisten bei ihrem Training in einer Turnhalle zu filmen. Ein normaler Dolly wäre viel zu teuer gewesen. Ich habe auf "Vimeo" außerdem einen Channel für Dokumentationen eingerichtet, kommentiere selbst viele Videos und freue mich über das Feedback anderer Nutzer.

WDR.de: Kommt man auf diesem Weg auch persönlich mit anderen Filmschaffenden in Kontakt?

Ebeling: Ja, und wie: Meinen zweiten Kameramann Benjamin Leers habe ich über "Vimeo" kennengelernt. Er hatte ein sehr witziges Video über einen Schweizer Zwillings-Verein produziert – und über die Kommentare sind wir in Kontakt gekommen. Dann ist er mit mir nach Hamburg gefahren und wir haben für "Voy" Uwe Seeler interviewt, den Schirmherrn der Blindenfußball-Bundesliga.

WDR.de: Durch das Internet wird also Filmemachen für Jedermann möglich. Hat das auch Auswirkungen auf die Qualität der Filme?


Ein blinder Fußballspieler trainiert in der Halle
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Szene aus dem Film "Voy". Das rufen die Blindenfußballer vor einem Zweikampf, um sich nicht umzurennen

Ebeling: Das ist ein Vorurteil, das ich überhaupt nicht bestätigen kann. Die meisten Leute versuchen, möglichst hochwertige Filme abzuliefern. Auch ich selbst habe hohe Ansprüche, was die Qualität meiner Arbeiten betrifft. Man misst sich ja auch mit anderen. Klar ist aber, dass die Internetgemeinschaft sehr hilfreich ist – und dass das Netz vieles möglich macht: So habe ich beispielsweise für die gesamte Postproduktion von "Voy" eine Open-Source-Software genutzt. Für professionelle Schnitt-Software hätte ich sonst mehrere tausend Euro bezahlen müssen. Ich wollte zeigen: Das Ganze funktioniert auch mit Open-Source-Programmen.

WDR.de: Wie hat es "Voy" denn aus Ihrer privaten Postproduktion zu den Oberhausener Kurzfilmtagen geschafft?

Ebeling: Auch dabei hat mir das Netz geholfen: Bei einigen Filmfestivals kann man die Beiträge elektronisch über die Plattform "Reelport" einreichen. Da muss der Filmemacher im Prinzip nur ein Knöpfchen drücken und eine Gebühr bezahlen, um sich zu bewerben. Und das Festival drückt ein Knöpfchen, wenn der Film angenommen ist. Ganz am Schluss wäre ich mit meiner Open-Source-Idee übrigens fast gescheitert. In Oberhausen musste man den Film in einem bestimmten Format zur Verfügung stellen, das sich eigentlich nur mit kommerzieller Software herstellen lässt. Aber dann habe ich selbst ein kleines Programm geschrieben, mit dem es doch noch funktioniert hat.

WDR.de: So, wie Sie Ihre Arbeit beschreiben, scheint es die logische Konsequenz zu sein, Filme im Netz frei zugänglich zu machen. Wie aber sollen Filmemacher dann in Zukunft mit ihrer Arbeit Geld verdienen?

Ebeling: Ich bin kein Experte, bin aber davon überzeugt, dass gute Arbeit immer ihr Geld wert sein wird. Das Gefühl, im Kino zu sitzen und einen Film auf großer Leinwand zu sehen, kann einem das Internet niemals geben. Das ist einfach ein einzigartiges Gefühl.

Christian Ebeling
Christian Ebeling

Als Bioinformatiker arbeitet Christian Ebeling am Fraunhofer-Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen SCAI in Sankt Augustin. Als Filmemacher ist er Autodidakt. Seine Arbeiten veröffentlicht er vor allem im Internet. "Voy" war aber auch in diversen Uni-Kinos im Vorprogramm des Films "Ziemlich beste Freunde" zu sehen. Am 12. Mai wird der Film im Rahmen des Festivals "überall dabei" der Aktion Mensch in Köln gezeigt – dann mit Audiodeskriptionen und speziellen Untertiteln. "Voy" heißt auf spanisch "Ich komme!". Das müssen die Blindenfußballer rufen, um nicht unangekündigt Gegenspieler umzurennen.

Das Interview führte Anna-Christina Beerlink


Stand: 01.05.2013, 15.06 Uhr