Ansturm auf Universitäten in NRW Lange stehen, schnell essen

Von Arnd Zickgraf

Wer in diesen Wochen sein Studium in NRW beginnt, braucht viele Talente: Er muss lange stehen, geduldig warten und schnell essen können. Denn noch nie haben so viele Studenten in NRW studiert wie in diesem Wintersemester. Unter ihnen: Jonas und Laura.


Studenten stehen wartend im Treppenhaus

Auf den Treppen und vor den Hörsälen staut es sich

Stau an der Treppe zum Hörsaal IV. Mehr als 100 Studenten warten im Treppenhaus des Geologischen Instituts der Universität Bonn in Poppelsdorf darauf, dass es weitergeht. Manche sitzen auf den Treppenstufen, die meisten stehen - bis zu 40 Minuten lang. Die Schlange reicht vom Erdgeschoss bis zum zweiten Stock, wo Hörsaal IV liegt. Die Vorlesung über "Qualität der pflanzlichen Grundnahrungsmittel" sollte eigentlich um 10:15 Uhr beginnen.

Jonas Werheid, 23, gelernter Metzger, lehnt unten an der Wand des Treppenhauses. Es ist 10:25 Uhr. Er schaut nach oben. "Wenn jetzt der Raum noch zu klein wäre …", sagt er. Jonas studiert im ersten Semester Ernährungswissenschaften. Erst zehn Minuten vom Uni-Hauptgebäude im Zentrum der Stadt bis nach Poppelsdorf im Regen marschieren, dann Schlange stehen und vor dem Hörsaal auf dem Boden sitzen – Jonas will es sich nicht ausmalen.

8.000 Erstsemester – hoher Pegelstand in Bonn

Jonas will mit Per Spix, 20, ebenfalls Erstsemester eine WG in Beuel gründen. Bis dahin müssen beide - Jonas von Remscheid, und Per von Solingen - nach Bonn pendeln und auch im Zug ständig Stehvermögen zeigen. Regionalzüge sind meistens überfüllt und nicht selten verspätet. Um 10:55 Uhr kommt endlich Bewegung in die Schlange. Der Hörsaal füllt sich rasch. Alle bekommen einen Sitzplatz. Und der Professor beginnt über die "fantastische Wertschöpfung" bei pflanzlichen Grundnahrungsmitteln zu dozieren.


Jonas Werheid und Per Spix

Jonas Werheid und Per Spix: WG-Pläne

Noch nie haben in Nordrhein-Westfalen so viele Menschen studiert. Im Wintersemester 2012/2013 ist erstmals die Zahl von 600.000 Studierenden überschritten worden. Laut Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) sind rund 632.500 Studentinnen und Studenten eingeschrieben. Sichtbar wird das auch in Bonn. An der Universität Bonn sind im laufenden Wintersemester nach Angaben der Pressestelle 31.000 Studentinnen und Studenten eingeschrieben, davon sind knapp 8.000 Erstsemester.

Bücher fehlen

Laut Universität Bonn sind nicht die doppelten Abiturjahrgänge etwa in Baden-Württemberg oder Bremen für den Ansturm verantwortlich. Ursache ist vielmehr, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde und die Studiengebühren weggefallen sind. Besonders groß ist der Andrang in Bonn in Fächern wie Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaft, Biologie, Rechtswissenschaft, VWL und Politik. Im Jahr 2011 gingen in Bonn für diese Fächer 10 bis 15 Mal so viele Bewerbungen ein, wie Plätze zur Verfügung standen.


Laura Röhring von der Uni Bonn

Laura Röhring: Unter Druck

Laura Röhrig, 20, und Nadine Michelsohn, 23, haben erst einmal genug von Vorlesungen - die Statistikvorlesung wurde von einem ständigen Grundrauschen der tuschelnden Kommilitonen begleitet. Im "café unique", das im Hauptgebäude der Universität liegt, genehmigen sich die Studentinnen einen Kaffee. "Die Hörsäle sind total überfüllt, wenn man nicht früh genug anwesend ist, sitzt man auf der Treppe", sagt Röhrig, die im dritten Semester Ernährungswissenschaft studiert genauso wie ihre Kommilitonin.

Konkurrenzdenken

Der Run auf das Fach hat Folgen für die jungen Frauen: "Im Nu sind Vorlesungsskripte ausverkauft, die Bücher in den Bibliotheken reichen nicht für alle aus", sagt Laura. Auf ein Lehrbuch über die Grundlagen der Chemie musste sie zwei Monate lang warten. Offenbar ist der Ansturm aufs Studium auch Nährboden für Konkurrenzdenken.

Laura fühlt sich unter Druck gesetzt. Hänge man einmal hinterher, weil man in einer Klausur nur mit der Note 4,0 bestanden habe, könne man sich den Master abschminken. Doch ein Bachelor-Abschluss in einem naturwissenschaftlichen Fach bringe gar nichts. "So viel Druck habe ich in meinem Leben noch nie gehabt", so Röhrig.

Studieren wie am Fließband

Die Universität Bonn sieht sich auf den Ansturm der Erstsemester gut vorbereitet. Um stark nachgefragte Studiengänge zu entlasten, habe die Universität ein Zentralbudget für zusätzliche Lehrangebote geschaffen. Einem Raummangel will sie begegnen, indem sie Unterrichtszeiten ausdehnt und neue Lehrräume anmietet. "Auch die Universitätsbibliothek wird ihre Öffnungszeiten ausdehnen und die Bestände, insbesondere der Lehrbuchsammlung und der elektronischen Lehr- und Studienbücher aufstocken."


Portrait von Monika Schmidtke

Monika Schmidtke: Volle Pulle

Alena Schmitz, 20, Vorsitzende des AStA-Bonn, ist nicht der Auffassung, dass die Universität ihre Hausaufgaben gemacht hat. Für Studenten, die noch keine Wohnung in der Stadt gefunden haben, gäbe es zu wenig ruhige Arbeitsplätze. Wenn man nicht genug Pausenzeit mitbringe, schaffe man es kaum, in der Mensa zu essen. Heute steht Monika Schmidtke, 62, am Abräumband in der Mensa. "Es geht alles schneller und ich habe keinen Leerlauf mehr", sagt Schmidtke. "Volle Pulle" auch am Abräumband.


Stand: 28.10.2012, 06.30 Uhr


Kommentare zum Thema (9)

letzter Kommentar: 02.11.2012, 17:10 Uhr

Horst schrieb am 02.11.2012, 17:10 Uhr:
Hahaha freut euch schon mal wenn ihr in 3 Jahren alle auf den Arbeitsmarkt drängt gibts nur noch nen Taschengeld als Lohn es gibt dann ja genug Bewerber :)
Rheinischer Lehrer schrieb am 30.10.2012, 00:41 Uhr:
Das Problem ist nicht nicht neu, wird aber wg. der aktuellen Mehrfachbelastung nur deutlicher als vor 30 Jahren. Dabei liegt die Lösung gar nicht so fern: Ordentliche Vorlesung abhalten und das Video direkt online stellen. Wie so etwas aussehen kann, zeigt die Uni Tübingen seit Jahren in bester Qualität. Jetzt muss es sich nur noch in die Breite entwickeln. Vielleicht kommt der deutsche Bildungsbetrieb damit endlich auch in der Gegenwart an!
Unagi schrieb am 29.10.2012, 19:22 Uhr:
Ein Skandal! Da will man - von Studiengebühren befreit - mal ein paar Jahre eine ruhige Kugel schieben und dann das: Unbequemlichkeit und Arbeit.
domstaedter schrieb am 29.10.2012, 16:41 Uhr:
Das ist jetzt ernsthaft der Alltag an einer Universität in Deutschland in 2012? Da ist die Konzentration auf wesentliche und wichtige Dinge im Studium bereits vom ersten Tag an durch organisatorisches Elend auf dem Campus abgelenkt, Wohnungssuche kommt evtl. noch dazu, etc. Ich habe genau dieses Chaos als Student schon 1986 in Köln erlebt. Hört das denn niemals auf? Die Universitäten könnten doch Vorlesungen und Seminare heute als Livestream für registrierte Studenten im Netz übertragen, dann findet die Veranstaltung zuhause statt. Fragen können ja eh nicht gestellt werden, es wird nur "doziert". Wofür dann auf der Treppe vom Hörsaalgebäude? Wir mussten uns die Plätze dort damals schon mit einer Frühbesetzung ab 7.00 Uhr sichern, wo die Herren Professoren noch im Bett lagen. Ich kann ernsthaft nur jedem empfehlen, Unis mit solchen Zuständen gar nicht erst auszuwählen, aber da geht wohl "Großstadtqualität" vor Lerneffizienz...-)
MiVieInArbeit schrieb am 29.10.2012, 16:22 Uhr:
Wenn das die einzigen Sorgen der Studenten sind... - das härtet Euch nun wirklich nicht ab für das wahre Leben; Euer Leben IST ein Ponyhof.

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