Computerpionier Alan Turing: Das geheime Genie
Er knackte die verschlüsselten Funksprüche der Nazis und gilt als einer der wichtigsten Vordenker des digitalen Zeitalters. In diesem Jahr wäre Alan Turing 100 Jahre alt geworden. Seinem Vermächtnis widmet sich eine Ausstellung in Paderborn. Deren Kurator sprach mit WDR.de über ein Genie, das sich mit einem vergifteten Apfel tötete.

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Alan Turing, Erfinder der Turing-Bombe (Detailaufnahme)
Tausende britische Kryptologen und Mathematiker sind in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs damit beschäftigt, die Funksprüche der Wehrmacht zu entschlüsseln. Über 10.000 Experten hat die Regierung um Winston Churchill in einem geheimen Zentrum, 80 Kilometer nördlich von London, zusammenziehen lassen. Der junge Mathematikprofessor Alan Turing ist einer von ihnen. Er trägt wesentlich dazu bei, dass es alsbald gelingt, die Codes der deutschen Enigma-Maschinen zu knacken. Später wird er zu einem der bedeutendsten britischen Computerpioniere werden. Vielen ist sein Name heute allerdings kein Begriff.
Nun widmet sich eine Ausstellung dem unbekannten Genie. "Genial & Geheim - Alan Turing in 10 Etappen" ist vom 11. Januar bis zum 16. Dezember im Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn zu sehen. Ein Gespräch mit Ausstellungs-Kurator Jochen Viehoff.
WDR.de: Ihre Ausstellung widmet sich intensiv Alan Turings Tätigkeit während des Zweiten Weltkriegs. Welche Rolle spielte er im geheimen Zentrum Bletchley Park?

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Enigma-Maschine
Jochen Viehoff: Turing kam im September 1939 nach Bletchley Park und war in den ersten Jahren dort der wichtigste Krypto-Experte für Marine-Funksprüche. Er entwickelte eine Maschine, die Turing-Bombe, mit der man die Codes innerhalb von wenigen Stunden knacken konnte. Sein Ansatz beruhte darauf, konkret nach Klartext-Fragmenten in den Funksprüchen zu suchen. Die Deutschen verschlüsselten mit der Enigma-Maschine - die britische Turing-Bombe war ähnlich aufgebaut und bildete eine Art inverse Enigma, ein Gegenstück, das Codierungen nachahmen konnte.
WDR.de: Ahnten die Deutschen, dass die Briten über eine solche Technologie verfügten?
Viehoff: Darüber wird viel spekuliert. Es gab Verdachtsmomente auf Seiten der Wehrmachtführung. Aber dass mit Systematik schon innerhalb von bis zu drei Stunden Schlüsselstellungen gefunden werden konnte, hat wahrscheinlich keiner vermutet. Die Briten gingen auch sehr behutsam mit ihren Erkenntnissen um, haben sogar Opfer in Kauf genommen. Prominentes Beispiel ist der Angriff auf die Stadt Coventry. Man wusste, dass der Angriff kommt, hat aber nicht vorsorglich evakuieren lassen, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Churchill ließ selbst den Generälen an der Front mitteilen, dass die Erkenntnisse aus einem Spionagenetzwerk, nicht aber aus einer Entschlüsselung gewonnen worden waren.
WDR.de: Wofür nutzten die Briten ihr Wissen dann?
Viehoff: Am deutlichsten wurden die Erfolge der Briten in der Schlacht um den Atlantik sichtbar. Ab 1941 stiegen die Verluste der deutschen U-Boote deutlich an, weil man immer besser verstehen konnte, wo sich diese Rudel aufhielten und sie gezielt attackieren konnte.
WDR.de: Eine Art Kriegsheld wurde Alan Turing trotz seiner Verdienste aber trotzdem nicht - wie ging es nach dem Krieg für ihn weiter?
Viehoff: Er hatte das Pech, dass seine Leistungen zu Kriegszeiten der Geheimhaltung unterlagen. Er kam aus Bletchley Park und war wieder der kleine Mathematik-Professor. Er ging zurück an das National Physical Laboratory (NPL) nach London, um dort an der Entwicklung britischer Computer mitzuarbeiten. Sein Wissen um die Rechenmaschinen zur Entschlüsselung konnte er dort einbringen.
WDR.de: Wie weit waren die Computer-Vorgänger damals?

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Ausstellungskurator Dr. Jochen Viehoff
Viehoff: Damals wurden die ersten größeren Elektronenrechner entwickelt. Vorher hatte man elektro-mechanische Rechner, die mit Telefonrelais, mechanischen Telefonverstärkern, arbeiteten. Ab 1950 hat man in England ähnlich wie in Deutschland Rechner mit Elektronenröhren gebaut, die auf einmal viel schneller waren. Natürlich war ihre Rechenleistung immer noch sehr gering. Alan Turing erkannte als erster, wie wichtig große Speicher für Computer sind - sein vielleicht wichtigster Beitrag.
WDR.de: Wie hat Turing seine Vision einer Maschine mit großem Speicherplatz weiter verfolgt?
Viehoff: Er hat einen Entwurf für den ersten britischen Computer gemacht. Dabei hat er große Speicherkomponenten eingeplant. Bisherige Maschinen hatten ein externes Programm, das über Lochstreifen lief, Turing wollte es mit in die Maschine nehmen. Davon erhoffte er sich, dass das Programm genauso schnell läuft, wie die Maschine selbst.
WDR.de: Nach Turing benannt wurde außerdem ein Verfahren, mit dem man die Intelligenz von Maschinen prüfen kann - wie kann man sich das vorstellen?
Viehoff: Turing hat immer interessiert, ob man eine Maschine so bauen kann wie das menschliche Gehirn. Mit dem Turing-Test kann man Maschinen auf künstliche Intelligenz prüfen. Dabei wird in einem Format ähnlich einem Chat geprüft, ob eine Maschine über zehn Minuten glaubhaft so kommunizieren kann wie ein Mensch. So eine Software, wie wir heute sagen würden, hätte dann den Test bestanden. Der Turing-Test wird seit 1991 jährlich im Rahmen des Loebner-Preises ausgetragen (Anm. d. Redaktion: Einmal im Jahr wird dabei Technologie ausgezeichnet, die sich als besonders menschenähnlich erweist. Benannt ist der Preis nach dem Soziologen Hugh Loebner). Textbasierte Dialogsysteme, Chatterbots, treten dabei an. Die Juroren unterhalten sich dabei mit echten Menschen und mit einem Programm. Bis jetzt hat es noch kein Programm geschafft, den Juror im Dialog zu täuschen. Ich glaube auch nicht, dass das so schnell passieren wird.
WDR.de: Alan Turing selbst blieb nur wenig Zeit die Forschungen mit voranzutreiben.
Viehoff: Nachdem er den Kontakt mit einem männlichen Prostituierten zugegeben hatte, wurde er wegen seiner Homosexualität rechtskräftig verurteilt. Eben weil er kein Kriegsheld war, wurde er nicht protegiert. Als ganz normaler homosexueller Mathematikprofessor an der Universität Manchester wurde er zu einem Jahr Hormonbehandlung verurteilt, um so seinen Geschlechtstrieb zu unterbinden. Das wurde damals als eine Art chemische Kastration so praktiziert. Man geht davon aus, dass er in Folge der Behandlung mindestens unter einer Vorstufe der Depression litt. 1954 nahm er sich mit 41 Jahren mit einem vergifteten Apfel das Leben.
WDR.de: Ist bekannt, wieso er sich diese ungewöhnliche Methode aussuchte?
Viehoff: Es ist tatsächlich so, dass Walt Disneys Schneewittchen-Version einer seiner Lieblingsfilme war. Aber es gibt bis heute Ungereimtheiten und Rätsel um den Selbstmord. Fest steht, dass er sich mit Zyankali vergiftet hat.
WDR.de: Sieht man mal von Informatikern ab - warum ist der Name Alan Turing heute so wenig bekannt?

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U-Boot-Modell aus "Das Boot" erreicht die Ausstellungsräume
Viehoff: Es ist immer wieder erstaunlich, dass es diese unbekannten Computerpioniere gibt. Seine vielleicht wichtigste Arbeit hat er bereits 1936 veröffentlicht, eine Vision von einer Universalmaschine. Das ist letztendlich das, was wir heute machen: Wir telefonieren, drehen Videos, fotografieren mit dem Computer. Die theoretische Grundlagen für die Informatik und Computerwissenschaften hat Turing schon in den 1930er Jahren formuliert. In seinen letzten Lebensjahren hatte er sich auf die Morphogenese spezialisiert. Dabei geht es darum, wie in der Natur Muster entstehen, etwa Flecken im Leopardenfell. Er hat versucht, das mathematisch zu beschreiben.
Das Interview führte Insa Moog.
Stichworte
- Verschlüsselungstechnik
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Im Jahr 1918 enwickelte der Deutsche Arthur Scherbius die Verschlüsselungsmaschine "Enigma". Die elektromechanische Rotor-Schüsselmaschine ähnelte äußerlich einer Schreibmaschine und wurde im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht zur geheimen Übermittlung von Funksprüchen auf Basis des Morse-Alphabets eingesetzt. Die Idee bei jeder Verschlüsselung ist, die Buchstaben zu tauschen. Weil eine monoalphabetische Verschlüsselung, bei der ein Buchstabe einem anderen zugeordnet wird, einfach zu entlarven ist, arbeitete die Enigma mit einem dynamischen Schlüssel. Durch eine Mechanik wurden ihre zunächst drei, bei späteren Modellen vier Walzen immer weiter gestellt. So wurde dem A jedes Mal ein neuer Schlüsselbuchstabe zugeordnet - die Anzahl der möglichen Kombinationen wurde sehr groß. Die Deutschen gingen davon aus, dass man für eine Entschlüsselung exakt die gleiche Maschine mit den gleichen Rotorstellungen brauchte. Die Engländer hatten schon ab Kriegsausbruch Abhörstationen, an denen sie die Funknachrichten der Deutschen abhören und aufzeichnen konnten. Auch die britische Turing-Bombe hatte drei Walzen mit Rotoren, die untereinander verdrahtet waren. Die insgesamt rund 18.000 möglichen Schlüsselstellungen der Enigma wurden mit der Turing-Bombe nach und nach durchprobiert. Während dieses Prozesses wurde geprüft, mit welcher Schlüsseleinstellung Klartextfragmente in der Nachricht auffindbar wurden. Die Briten nutzten dabei eine Eigenheit der Deutschen, welche den täglichen Wetterbericht ebenso verschlüsselten wie geheime Positionsbestimmungen von U-Booten. Weil der Wetterbericht täglich zu einer festen Uhrzeit gefunkt wurde, suchten britisch Kryptologen gezielt nach dem Klartextwort "Wetterbericht", um den Schlüssel zu knacken.
Stand: 10.01.2012, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (1)
letzter Kommentar: 10.01.2012, 14:28 Uhr
- Michael Schock schrieb am 10.01.2012, 14:28 Uhr:
- In Rolf Hochuths "Jede Zeit baut Pyramiden" (erschienen irgendwann Anfang der 80er Jahre, würde ich schätzen) gibt es einen langen Text über Turing, Bletchley Park und zu vielen Details dazu. Dieses Buch wurde auch in der DDR veröffentlicht, jeder konnte es lesen. Also konnten nicht nur Informatik-Spezialisten Turing kennen, sondern auch, wer sich seinen Literatur-Geschmack nicht von MRR vorschreiben ließ oder einen wie Rolf Hochhuth nicht für den Gott-sei-bei-uns hält.
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