Interview zum Film "Tage, die bleiben" Keine Anleitung zum Trauern

Von Insa Moog

Was bedeutet es, wenn ein Familienmitglied plötzlich aus dem Leben gerissen wird? Jungregisseurin Pia Strietmann erzählt in ihrem Film "Tage, die bleiben" genau davon - und lässt absurde Details nicht aus. Ihre Heimatstadt Münster bildet die Kulisse für ihr Debüt.


Familie Dewenter im Auto: Vater Christian (Götz Schubert, rechts) und die Kinder Lars (Max Riemelt) und Elaine (Mathilde Bandschuh)
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Auf sich gestellt: Vater Christian (Götz Schubert, rechts) und die Kinder Lars (Max Riemelt) und Elaine (Mathilde Bandschuh)

Ein Autounfall ändert im Leben von Christian und seinen Kindern Lars und Elaine Dewenter alles. Seine Frau Andrea hatte die Familie bisher zusammengehalten, nun müssen die drei Hinterbliebenen eine Beerdigung organisieren, mit ihrer Trauer fertig werden und vor allem wieder aufeinander zugehen. Pia Strietmann, Jahrgang 1978 und Absolventin der Filmhochschule München, erzählt die Geschichte der Dewenters in ihrem ersten Kinofilm "Tage, die bleiben". Knapp vier Monate haben sie und ihr Team Drehorte recherchiert und vorbereitet. Sieben Wochen dauerte der Dreh 2010 in Münster und Umgebung. Auf dem 32. Filmfestival Max Ophüls Preis 2011 feierte Strietmanns Debüt Premiere und wurde von der Jury unter Vorsitz von Dani Levy lobend erwähnt. Der Film gewann 2011 beim 22. Internationalen Filmfest Emden-Norderney bereits den NDR-Nachwuchspreis für die beste Regie und im September den Publikumspreis auf der Filmkunstmesse Leipzig. Am 26. Januar startet "Tage, die bleiben" in den Kinos, der WDR war an der Produktion beteiligt.

WDR.de: In "Tage, die bleiben" geht es um den Tod - warum haben sie sich ein so schwieriges Thema für Ihren Debütfilm ausgesucht?

Pia Strietmann: Ich habe lange nach etwas gesucht, was mit mir persönlich zu tun hat und bei dem ich das Gefühl hatte, etwas sagen zu wollen und zu können. Mein Vater ist vor acht Jahren gestorben. Auch mit Abstand betrachtet war das eine Erfahrung, die wahnsinnig intensiv war. Mir ist damals aufgefallen, dass ich darüber mit Mitte 20 nichts wusste und ich habe mich gefragt, warum ein Thema, das so sehr zum Leben dazu gehört, so sehr ausgeklammert wird. Wir beschäftigen uns erst damit, wenn es uns passiert.

WDR.de: Tod scheint heute eher etwas Privates zu sein als früher, obwohl die Medien voll davon sind. In Ihrem Film erzählen Sie davon, wie unterschiedlich Familienmitglieder mit diesem Schicksalsschlag umgehen.


Jungregisseurin Pia Strietmann
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Pia Strietmann

Strietmann: Es ist schade, wie Tod in den Medien oder im Kino überdramatisiert wird. Man kann über das Thema auch etwas Unterhaltsames machen, ohne albern zu werden und in die britische Slapstick-Komödie zu verfallen. Das war das Anliegen: Etwas zu öffnen, sich damit zu beschäftigen und zu zeigen, dass es keine Anleitung zum Trauern gibt, sondern viele Wege. Es ist völlig ok, dass man in der Zeit nicht mehr Herr seiner Gefühle ist. Diese Absurdität in den Kleinigkeiten des Alltags war für mich damals sehr einprägsam und merkwürdig. Alles um einen herum rast weiter und man selbst steht für einige Tage total still. Das ist eine so intensive Zeit, die kaum Beachtung findet, obwohl sie fast jeder kennt.

WDR.de: Sie haben auch bei der Wahl der Kulisse auf Ihre persönliche Geschichte zurück gegriffen und in Ihrer Heimatstadt Münster gedreht - weil das eine nicht vom anderen zu trennen war?

Strietmann: Ich hatte beim Schreiben schon die meisten Orte im Kopf und mir war es wichtig, dass die Geschichte authentisch erzählt wird. Wie die Familie mit dem Tod umgeht, hat viel damit zu tun, was die Gesellschaft von einem erwartet. Es war einfach naheliegend, das an dem Ort zu erzählen, an dem ich mich am besten auskenne. Das ist meine Heimat: Westfalen.

WDR.de: Spielt "das Westfälische" für die Geschichte eine Rolle?

Strietmann: Ich glaube schon. Die Westfalen haben so eine bestimmte Dickköpfigkeit und Sturheit - das meine ich ganz liebevoll. Mein Eindruck ist aber schon, dass es dort wichtig ist, was andere denken, was die Konvention ist. Im Film haben wir auch Traditionen einfließen lassen, die es etwa in Süddeutschland nicht gibt. Wie die, dass man Sargträger suchen muss.

WDR.de: Münster ist durch den "Tatort" und die ZDF-Filmreihe "Wilsberg" wieder häufiger im Fernsehen. Sehen sie diese Krimis?


Pia Strietmann und WDR-Redakteurin Andrea Hanke (von links)
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Pia Strietmann und WDR-Redakteurin und "Mentorin" Andrea Hanke

Strietmann: Ich sehe das total gerne und es liegt wohl besonders daran, dass ich dann den Prinzipalmarkt erkenne und den Aasee. Manchmal verliere ich dann etwas die Aufmerksamkeit für die Geschichten, die mir da erzählt werden. Das finde ich schade, aber vielleicht ist das so, weil ich daher komme. Wir haben uns bemüht, Münster nicht mit Postkartenbildern zu bedienen, sondern als einen Ort, der überall auf der Welt sein könnte. Wir wollten Bilder, die von den Figuren geführt werden und die richtig für die Emotionen sind. Die Gefahr, noch etwas höher zu schwenken, damit auch der schöne Kirchturm zu sehen ist, ist in Münster riesig.

WDR.de: Wie war es für Sie, für den Dreh wieder in die Heimat zurückzukehren?

Strietmann: Ganz seltsam. Ich habe mich total sicher gefühlt, das war wahrscheinlich mit der Grund, warum auch der Produzent und die Redaktion gesagt haben, dass wir in Münster und nirgendwo anders drehen. Bei mir als Debütantin gab es ja ohnehin sehr viel Unsicherheit - bei allem.

WDR.de: Sie haben bereits einige Preise für "Tage, die bleiben" entgegen genommen, sind Sie vor dem Kinostart noch aufgeregt?

Strietmann: Ich war im letzten Jahr schon so oft aufgeregt, weil wir auf so vielen Festivals, auch im Ausland, Premieren hatten. Die wahnsinnige Nervosität möchte ich nicht mehr haben und die ist jetzt auch vorbei. Der Film ist gedreht wie er ist, und ich bin sehr glücklich damit. Nun hoffe ich, dass er vielen anderen auch gefällt. Aber das liegt nicht mehr in meiner Hand, von daher: Let it flow. (lacht)

Das Interview führte Insa Moog


Stand: 25.01.2012, 06.01 Uhr




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