Heinz Strunk im Interview "Jürgen Dose fristet eine nerdige Randexistenz"

In "Trittschall im Kriechkeller" kümmert sich Jürgen Dose um seine Pflegerinnen vergraulende Mutter in einer düsteren Wohnung mitten im Ruhrgebiet. Schüchtern, stotternd, hin und wieder explodierend, spielt Heinz Strunk den Eigenbrötler. Ein Gespräch über kleine Männer und große Ideen.


WDR.de: Herr Strunk, wer ist Jürgen Dose?

Heinz Strunk: Jürgen Dose ist - wie man so schön sagt - ein Alter Ego von mir. Man könnte sagen, was der Dittsche für den Oli Dittrich ist, ist Jürgen Dose für mich. Eine Figur, die in den 90er Jahren entstanden ist. Ursprünglich war es eine reine Audio-Hörspiel-Geschichte. Und als ich die Popularität und die Mittel hatte, gab es gemeinsam mit dem Regisseur Lars Jessen die Idee, das auch visuell darzustellen.

WDR.de: Ehrlich gesagt tut mir dieser Herr Dose die ganzen 15 Film-Minuten lang leid. Sie spielen ihn nicht nur, sondern haben auch das Drehbuch geschrieben. Haben Sie kein Mitleid gehabt?


Strunk: Das ist Ihre Interpretation. Das sehe ich naturgemäß anders. Jürgen Dose fristet eine nerdige Randexistenz, hat Schwierigkeiten sich im Leben zu positionieren, aber das macht er mit einer gewissen Tapferkeit und Beharrlichkeit. Da ist so ein Grundwille im Bermudadreieck aus Mutter, Zeitarbeit und Freund Bernd Würmer, sein Leben einigermaßen zu bewältigen. Ich finde das sehr warm und menschlich gezeichnet. Es war nicht gedacht, ihn als armen Looser darzustellen.

WDR.de: Und trotzdem, Jürgen Dose erscheint als korrekter Mensch, der an seiner Umwelt scheitert.  

Strunk: Er hat Probleme mit der Umwelt, klar. Aber er scheitert immerhin nicht an sich selbst. Die Widrigkeiten in denen er sich befindet, sind ja allesamt alltäglich. Er ist ja nicht im Krieg oder so. Von der Mutter hätte er sich lösen können und Bernd Würmer sich nicht als Freund aussuchen müssen. Das sind ja Schicksalskoordinaten, die auf Millionen Menschen in Deutschland so oder so ähnlich zu treffen.

WDR.de: Jürgen Dose zieht aus Hamburg ins Ruhrgebiet, um sich um seine Pflegerinnen vergraulende Mutter in einer kleinen düsteren Wohnung zu kümmern. Er ist wie Sie ein Zugezogener, kein Ruhri. Was sieht man, wenn man von außen auf den Ruhrpott blickt?

Strunk: Ich war zum Teil erstaunt vom Brachland, manche Außenbezirke von Duisburg sind in einem katastrophalen Zustand. Es gab ja vor einem halben Jahr mal die Debatte um die Abschaffung des Solis. Ich frag mich da: Warum wandert der Solidaritätszuschlag nicht mittlerweile in den Ruhrpott? Die Städte dort sehen doch teilweise deutlich, deutlich schlimmer aus, als das, was da für Billionen Euro im Osten aufgebaut wurde.

WDR.de: Sie sind ein Mensch mit Faible für Sprache. Wie ist die Welt des "Datt" und "Watt" für einen Hamburger? Total fremd oder lernt man sie lieben?


Strunk: Ich finde ehrlich gesagt, die meisten Dialekte in Deutschland grauenhaft. Alles, was Ostzone ist, ist furchtbar. Fränkisch, hessisch finde ich unelegant und unsexy. Den Ruhrgebiet-Dialekt finde ich dagegen sympathisch. Die Ausprägung, mit der man den Dialekt spricht, hängt natürlich auch mit den intellektuellen Fähigkeiten zusammen. Manche Menschen sind einfach nicht dazu in der Lage hochdeutsch zu sprechen.

WDR.de: Was bedeutet eigentlich der Filmtitel "Trittschall im Kriechkeller"?

Strunk: Ich bin Freund und Sammler schöner Begriffe. "Trittschall im Kriechkeller" ist eine Metapher. Da steckt unendlich viel Poesie drin. Etwas Geheimnisvolles halt. Es ist ja etwas absurd. Im Kriechkeller kann es keinen Trittschall geben. Das ist ja die große Idee des ersten Jürgen Dose Monolog, den es je gegeben hat. Er saß stundenlang als Kind im Kriechkeller und hat Insekten beobachtet. Und wenn er ganz leise war, dann meinte er ihn hören zu können, den Trittschall der Insekten im Kriechkeller. Sehr nerdig, sehr speziell, starkes Bild.

WDR.de: Im Film sagt Dose einmal: "Langeweile ist nur was für dumme Leute" – wird Jürgen Dose Heinz Strunk noch eine Weile beschäftigen? Hat "Trittschall im Kriechkeller" vielleicht die Chance in Serie zu gehen?

Strunk: Wir versuchen es umgekehrt. Wir wollen "Trittschall im Kriechkeller" ins Kino zu bringen und dann soll er in Serie gehen. Ich schreibe gerade an dem Drehbuch. Ich glaube, dass Jürgen Dose sehr, sehr hohes Identifikationspotenzial hat. Der Kinofilm wird davon handeln, dass Jürgen und sein Freund Bernd nach Polen, genauer gesagt nach Breslau ziehen, um dort eine Frau zu suchen. Inspiriert bin ich von der Privatfernseh-Serie "Traumfrau gesucht". Von den armen Willis, die dort so eins zu eins vorgeführt werden. Ich glaube, dass es eine Möglichkeit gibt, die in einer fiktionalen Darstellung deutlich liebevoller und besser zu zeichnen ist. Ohne sie am Nasenring vorzuführen. Das ist so ein bisschen die Idee hinter Jürgen Dose.

Das Interview führte Jenna Günnewig.

Stichworte

Heinz Strunk

Heinz Strunk heißt eigentlich Mathias Halfpape und ist auch bekannt als Jürgen Dose. Er wurde 1962 in Hamburg geboren. Bekannt geworden ist Strunk unter anderem als Autor des Bestsellers "Fleisch ist mein Gemüse" und als Mitglied des Studio Braun. Das Studio Braun gründete Strunk 1998 mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger. Gemeinsam spielten sie auch in diesem Herbst im Kinofilm "Fraktus".


Stand: 20.12.2012, 06.00 Uhr