Comic-Künstler Art Spiegelman: Der Mann hinter der Maus
Er hat das Schicksal seiner Eltern im Holocaust als Comic gezeichnet, dem New Yorker einmalige Titelbilder geschenkt, Tabus gebrochen und den Comic salonfähig gemacht - Art Spiegelmans Zeichnungen sind seit Freitag (21.09.2012) im Kölner Museum Ludwig zu sehen. Ein Porträt.

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Der Comic "Maus" machte Art Spiegelman berühmt und zum Pulitzerpreisträger
Art Spiegelman liegt samt Mausmaske am Boden. Die Wand, an der das große Selbstporträt hängen soll, ist noch leer. Donnerstagmorgen (20.09.2012) vor der Ausstellungseröffnung von "Co-Mix: Art Spiegelman. Eine Retrospektive von Comics, Zeichnungen und übrigem Gekritzel" wird im Kölner Museum Ludwig noch im schnellen Stakkato gehämmert.
Nur der Kurator Bodo von Dewitz scheint entspannt: "Wir hängen eh noch mal ein paar Sachen um. Das ist halt so, wenn der Künstler noch lebt." Und dann kommt tatsächlich Art Spiegelman um die Ecke, um nach der rechten Hängung zu sehen. Klein, etwas zu lange Haare, Jeanshemd und schwarze Lederjacke, ein breites, amerikanisches, ein schelmisches Lächeln. Er grüßt kurz und taucht dann ab in seine Kunst.
Spiegelman holt den Comic aus der Schmuddelecke ins Feuilleton
Art Spiegelman ist passionierter Kettenraucher, überzeugter New Yorker und - das kann man schreiben - der wohl berühmteste Comic-Zeichner des 21. Jahrhunderts. Er wurde 1948 in Stockholm als Kind polnischer Juden und Überlebender der Schoa geboren. Früh übersiedelten die Spiegelmans nach New York. Mit fünf Jahren verfiel der kleine Art in irgendeinem Supermarkt einem Comic-Strip. "Magnetisierend" sei die erste Ausgabe auf ihn gewesen. Diese Kunstform wird ihn nie mehr loslassen. In den 60er Jahren zeichnete er seinen ersten Strip. Dann besuchte er die High School of Art and Design in New York. Er veröffentlichte Bilderserien im Playboy, zeichnete für Kommentarseiten, gründete Raw, ein Magazin für Avantgarde-Comics. Damit holt Art Spiegelman den Comic aus der Schmuddelecke hinein ins Feuilleton und in die Museen.
Die Ausstellung im Museum Ludwig zeichnet diesen künstlerischen Werdegang nach. Sie beginnt mit den ersten schrillbunten Arbeiten für die Kaugummiindustrie, es folgen die Titelzeichnungen für das Cover des New Yorkers und der vollständige "Maus"-Comic in weiteren Räumen.
Deutsche und Juden - Katz und Maus

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Im Ludwig wird der vollständige "Maus"-Comic gezeigt
"Maus" hat Spiegelman bekannt gemacht. 1986 erschien der erste Band über die Geschichte seines Vaters Vladek als Buch. Darin erzählt Spiegelman in schwarz-weißen und bedrückend gezeichneten Bildern, wie seine Eltern Nazi-Deutschland und die Konzentrationslager überlebten. Spiegelman erzählt ihre Geschichte in Form einer Fabel, zeichnet die Juden als Mäuse und die Deutschen als Katzen. Nach dem Abschluss des zweiten Bands erhält Spiegelman 1992 dafür den Pulitzerpreis. Damit ist er der erste Comiczeichner, der mit diesem bedeutenden Literaturpreis ausgezeichnet wird.
Es sei ihm bei "Maus" nicht unbedingt darum gegangen, die Shoa zu thematisieren, erzählt Spiegelman nun im Museum Ludwig. "Meine Familie hat den Holocaust mit nach Hause gebracht." Es sei ihm beim Zeichnen eher um die Beziehung zu seinem Vater, dessen Erinnerungen und die Auswirkungen auf ihn als Sohn von Vladek Spiegelman gegangen. Als er mit "Maus" begann, habe es noch nicht die Erinnerungs-Industrie um den Holocaust gegeben. "Maus" und der Trubel um das Comic haben sein Leben verändert: "Egal was ich noch schaffe – auf meinem Grabstein wird eine riesige Maus sitzen."
"Ich glaube, dass das Unglück meine Muse ist"

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"Ich brauche kein Flugzeug, das irgendwo hineinfliegt"
Nach "Maus" kam lange nichts. Erst als 2001 die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, trieb es Spiegelman zurück an den Schreibtisch. Sein zweites großes Werk "In Schatten keiner Türme" entstand. Das Wesentliche treibe ihn zur Kunst. Er mache keine bunten Farbkleckse, sei kein glücklicher Künstler. "Ich glaube, dass das Unglück meine Muse ist. Aber das bedeutet nicht, dass ich ein Flugzeug brauche, das irgendwo hineinfliegt", so schwächt er diese Beobachtung in seiner trockenen Art ab.
Am Abend dann sitzt der manchmal grummelig-scheu wirkende Art Spiegelman mit elektronischer Zigarette vor gespannten Zuschauerreihen. Hinter ihm eine Leinwand, dahinter erstreckt sich seine noch immer nicht eröffnete Ausstellung. Das Gespräch mit dem Künstler fängt erst später an, die Schlangen unten am Eingang können nur langsam abgefertigt werden.
Schützt die Ironie! Lang lebe die Metapher!

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Spiegelman: "Wo komm ich her, was bringe ich mit?"
Spiegelman zieht ein gemischtes Publikum an. Eins aus bekennenden Wilhelm-Busch-Fans, dazu das typische Museums-Klientel, ein paar Hipster und Wollpulli tragende Kunststudenten. Rund anderthalb Stunden geht es am Donnerstagabend mit dem FAZ-Journalisten Andreas Platthaus um die Meinungsfreiheit, islamfeindliche Videos und den autobiografischen Aspekt in Spiegelmans Arbeiten. Gerade das autobiografische Schreiben sei doch das Ehrlichere, findet der Interviewte. "Wo komm ich her, was bringe ich mit?" sei besser als die vorgegaukelte Objektivität vieler Journalisten. Und dann folgt ein Plädoyer auf die Ironie, den richtigen Einsatz, das wohldosierte Maß, ein Thema für das Spiegelman brennt und auf das er immer wieder zurückkommt. Ironie und Metaphern helfen, die schwierige Wahrheit zu sagen. Gerade die Ironie werde zu oft nur der Ironie wegen benutzt, Metaphern würden immer weniger als Metaphern verstanden, kritisiert er.
Nach dem Gespräch drängen die Zuschauer heran. Die Signatur eines Comic-Künstlers verspricht mehr als der Otto irgendeines Autors. Art Spiegelman zeichnet ein, zwei Bücher ab, dann schafft er es, still und nicht unhöflich in seine noch abgesperrte Ausstellung zu verschwinden. Wo ist Art - fragen sich alle. Als die Menge abgezogen ist, kommt Spiegelman wieder hervor. "Ich wollte in Ruhe eine Zigarette in meiner Ausstellung rauchen, aber die Alarmanlage ging an und ich musste wiederkommen ..." Dann lächelt er sein sehr junges leicht ironisches Lächeln. In dem Moment macht es Spaß, Art Spiegelman einfach zu glauben.
- Was in dem Portrait fehlt ...
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Jenna Günnewig wurde vorgewarnt. Art Spiegelman dürfe man folgende drei Fragen nicht mehr stellen: Warum die Mäuse? Warum der Holocaust? Warum Comics? Die Fragen wurden nicht gestellt, was im Nachhinein sehr ärgerlich ist. Denn spannender als Spiegelmans Antwort wäre wohl seine Reaktion gewesen.
Stand: 21.09.2012, 11.46 Uhr
Kommentare zum Thema (2)
letzter Kommentar: 22.09.2012, 12:50 Uhr
- Mona schrieb am 22.09.2012, 12:50 Uhr:
- Ich war da, kenne Art Spiegelmans Werke seit langem und finde das Portrait keineswegs Chapeau, sondern provinziell. Ich fand ihn weder zu langhaarig, noch scheu und grummelig, woher holen Sie Ihre Eindrücke? Gähn! Dass Sie nicht verstanden haben, warum Art Spiegelman die 3 Fragen nicht mehr beantworten möchte, hat leider gar kein "nahes Moment". Die Beschreibung des Publikums ist nun auch sehr einseitig. Was sind denn "typische Museumsbesucher"? Das ist doch Schülerzeitungsniveau! Sicherlich waren auch Lehrer und Literaturinteressierte da gewesen sein, schließlich ist Art Spiegelman ein bedeutender Vertreter des Genres "Graphic Novel". Peinlich dieser Kommentar! Sorry for that, Art! I 've got you.
- Christoph Schmitz schrieb am 21.09.2012, 15:21 Uhr:
- Chapeau Frau Günnewig, ein umfassendes Portrait mit sehr nahen Momenten! Wenn Sie die drei Fragen gestellt hätten, dann hätte er es wohl wie Sie so schön beschreiben "geschafft, still und nicht unhöflich in seine noch abgesperrte Ausstellung zu verschwinden." Also nicht ärgern :-)
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