Berlinale-Premiere "Lose Your Head": Zwei Ostwestfalen und das Berliner Partyleben
Am Freitag (08.02.2013) hat der Film "Lose Your Head" bei der Berlinale Premiere gefeiert. Im Interview mit WDR.de erzählen die beiden Regisseure, die aus NRW stammen, wie viel Autobiografisches in ihrem Partyfilm steckt.

-
Die Regisseure Stefan Westerwelle (mit Mütze) und Patrick Schuckmann
In "Lose Your Head" geht es um den jungen Spanier Luis. Er flüchtet sich aus seiner Beziehung mit einem Architekten in Madrid, indem er - wie viele tausend Partytouristen - nach Berlin reist und sich für ein Wochenende ins Clubleben stürzt - entschlossen, etwas Neues zu erleben. Er experimentiert mit Drogen und zufälligen Begegnungen, bis der mysteriöse Viktor seinem Leben eine beängstigende Wendung gibt ...
Im Interview sprechen die Regisseure Patrick Schuckmann und Stefan Westerwelle, beide aus Nordrhein-Westfalen, wie viel Autobiografisches im Partyerleben ihrer Hauptfigur steckt.
WDR.de: Patrick Schuckmann, Sie haben das Drehbuch geschrieben, leben seit den neunziger Jahren in Berlin und genau dort spielt auch "Lose Your Head". Wie kam es zu der Geschichte?

-
Bild 1 vergrößern
+
"Lose Your Head": Spanier Louis reist nach Berlin
Patrick Schuckmann: 2009 wurde ein junger Portugiese vermisst. Er hatte in der Nacht im Berghain gefeiert, einem Club, in dem ich regelmäßig bin. Ich hab es mitbekommen, als Leute vor meinem Haus Suchplakate aufgeklebt haben. Das hat mich unglaublich berührt. Viele Clubbekannte waren lange Zeit betroffen. Die Vorstellung, nachts im Club zu feiern und am nächsten Morgen auf mysteriöse Weise verschwunden zu sein, ist erschütternd. Das löste bei vielen Ängste und wilde Fantasien aus. Daraus wollte ich einen Film machen.
Stefan Westerwelle: Ich bin erst eingestiegen, als das Drehbuch schon fertig war und diese Geschichte hat auf Anhieb einen Sog auf mich ausgeübt. Was es genau ist, das ist mir noch immer ein Rätsel. Aber jetzt, bei dem fertigen Film, spüre ich diesen Sog noch immer.
WDR.de: Luis findet schnell Anschluss bei Leuten, die aus verschiedensten Gründen in Berlin gestrandet sind, um dann zu merken, dass diese "neuen Freunde", mit denen er tanzt, Drogen nimmt und illegale Partys besucht, doch Fremde sind. Wie schnell stürzt man in Berlin ab und kommt unter die Räder?
Patrick Schuckmann: Die Partyszene ist groß und anonym, du kannst schnell das Gefühl bekommen, unterzugehen, gerade dann, wenn du fremd bist in der Stadt.
Das wird durch den Drogenkonsum verstärkt, der sich seit den neunziger Jahren stark gewandelt hat. Früher gab es mehr Aufklärung, beispielsweise über Extasy: Wie wirkt es, was muss ich beachten? Mittlerweile beobachte ich, dass junge Leute alles Mögliche wild durcheinander nehmen und dann völlig die Kontrolle und die Orientierung verlieren.
Auch bei dem Portugiesen hatte man damals spekuliert, ob er auf einem Trip hängen geblieben ist und dass er wohl zu viel Drogen genommen habe und deshalb verschwunden ist. Er wurde zwei Monate später ertrunken in der Spree gefunden.
WDR.de: Luis bricht aus seiner Beziehung mit einem Architekten in Madrid aus und will in Berlin etwas Neues an sich entdecken. Seit einigen Jahren spricht man von Partytouristen an der Spree. Hat sich dieses Phänomen Ihrer Meinung nach verstärkt? Dass es junge Menschen nach Berlin zieht, weil sie etwas suchen, das sie noch gar nicht benennen können?

-
Bild 2 vergrößern
+
Szene aus "Loose Your Head"
Stefan Westerwelle: Ich denke ja. Sie wollen abschalten, Gewohntes verlassen und verspüren die Lust, sich ins Unbekannte zu stürzen. Die Stadt ist günstig, es gibt immer noch einen Vibe, den London, Paris und New York nicht mehr haben. Und daher eignet sich Berlin, um sich auszuprobieren.
Patrick Schuckmann: Es ist wirklich die Lust, sich neu zu erfinden in einem anderen Zusammenhang, in einem anderen Umfeld. Das, was man kennt zu verlassen, und zu jemand Neuem zu werden. Genau das passiert Luis auch. Er verliebt sich in Victor, der ihm erst einmal einen neuen Haarschnitt verpasst. Plötzlich hat er Klamotten eines Fredem an, sieht sich im Spiegel und merkt, dass er binnen weniger Stunden ein neuer Mensch geworden ist.
Auch davon handelt der Film: Er zeigt die schönen Seiten des Partylebens, diese intensiven Momente mit fremden Leuten, die etwas in dir hervorrufen, dich inspirieren, vor denen du dich am nächsten Tag aber nicht erklären musst, weil du sie ja eigentlich nicht kennst. Das hat etwas Spannendes, Erotisches und Aufregendes.
WDR.de: Das klingt nach kontrolliertem Abenteuer, wenn die sogenannten Easy-Jet-Touristen sich für ein Wochenende eine Dosis Berliner Clubszene geben, um dann wieder in gewohnte Strukturen zurück zu kehren?

-
Bild 3 vergrößern
+
Es geht um das Berliner Nachtleben und Drogen.
Stefan Westerwelle: Das stimmt. Diese "Neuwerdung", diese Verheißung, möglicherweise dieses Aufgehen in der Partyszene, das dauert maximal zwei, drei Tage an. Und dann muss man sich entscheiden: Gehe ich zurück in das gesettelte Leben, das ich kenne? Oder schaffe ich es, einen Schritt weiter zu gehen. Das gefällt mir an Luis. Dass er aus einem sehr naiven Grund den Freund verlässt, weil er sich mit ihm langweilt, am Ende aber nicht mehr zurück kehrt.
WDR.de: Sie kommen beide aus Nordrhein-Westfalen.
Stefan Westerwelle: Ja. Ich lebe auch noch immer in meiner Heimat, im wunderschönen Ostwestfalen-Lippe. Bei uns wird übrigens kein Karneval gefeiert. Denn wir kommen beide aus dem protestantischen Teil Ostwestfalens und waren, glaube ich, nur 14 Kilometer voneinander getrennt in unserer Kindheit.
Patrick Schuckmann: Stefan kommt aus Detmold, ich bin aus Bad Salzuflen, aber wir haben uns erst hier in Berlin kennen gelernt.
Stefan Westerwelle: Ich habe in Berlin einen Zweitwohnsitz, weil ich hier viel mehr arbeite, Berlin ist einfach ein großartiger Standort für Filmemacher. Aber der Familie wegen zieht es mich immer wieder zurück ins schöne Ostwestfalen-Lippe.
WDR.de: Wie haben Sie den Film denn finanziert?
Patrick Schuckmann: Wir hatten am Anfang einfach losgedreht. Mit Filmförderung hatte es nicht geklappt. Ich wollte das Projekt aber unbedingt durchziehen. Als meine Mutter gestorben ist, haben mein Bruder und ich etwas geerbt und von dem Geld haben wir die Produktionsfirma "Mutter Film" gegründet. Zum Glück haben wir dann eine Postproduktionsförderung unter anderem von der "Film- und Medienstiftung NRW" bekommen und konnten "Lose Your Head" dann abschließen mit einer tollen Soundmischung und Farbkorrektur und allem Drum und Dran.
WDR.de: Ist der Titel "Lose your head" auch autobiografisch geprägt?
Patrick Schuckmann: Oh ja. Es gab eine Situation, in der jemand zu mir und meinem Freund – ähnlich wie im Film - gesagt hat: "You gonna lose your head!" Und dann fragten wir uns: "Was haben wir denn da genommen?" Genau in dem Moment setzte schon die Wirkung ein. Es war furchtbar. Das war meine schrecklichste, längst vergangene Drogenerfahrung überhaupt. Das kann ich niemandem empfehlen.
Das Interview führte Susanne Rabsahl.
Stand: 09.02.2013, 10.14 Uhr
Kommentare zum Thema (2)
letzter Kommentar: 10.02.2013, 12:34 Uhr
- eine eigene Meinung schrieb am 10.02.2013, 12:34 Uhr:
- Die kommen aus OWL und nicht aus NRW. Sonst geht es doch in Sachen NRW auch immer nur um Köln, Düsseldorf und das Ruhrgebiet. Uns hier oben in OWL gibt es doch garnicht. Hier ins wunderschöne OWL traut sich anscheinend niemand hin. Habe schon über einen Ausbürgerungsantrag nachgedacht. Vielleicht nach Niedersachsen oder den Niederlanden.
- Herrmann Hasse schrieb am 09.02.2013, 19:20 Uhr:
- Da haben die Jungs trotz ihres Party-Filmtitels aber noch Glueck gehabt. Spaetestens seit der "dance or die" - Loveparade weiss doch der eine oder andere Partyhengst, dass manchmal mehr serviert wird, als man essen kann.
Seite teilen
Über Soziale Medien