Interview zur Mittelalterausstellung in Köln Gold, Elfenbein und lächelnde Madonnen

Im Kölner Museum Schnütgen hat am Freitag (04.11.2011) eine spektakuläre Mittelalterausstellung mit Kunst aus fünf Jahrhunderten begonnen. Die Ausstellungsstücke stammen alle aus Köln, waren aber in aller Welt verstreut.


225 Exponate, die zwischen 1000 und 1550 in Köln gefertigt wurden, haben für kurze Zeit ihren Weg zurück in die Domstadt gefunden. Noch bis zum 26. Februar 2012 gibt die Ausstellung "Glanz und Größe des Mittelalters. Kölner Meisterwerke aus den großen Sammlungen der Welt" Einblicke in eine bewegte Zeit. Was den Besucher im Museum Schnütgen erwartet, verrät die Ausstellungsmacherin und kommissarische Direktorin Dagmar Täube.


Simeonsreliquiar

WDR.de: Frau Täube, warum sollte man sich diese Ausstellung anschauen?

Dagmar Täube: Das Besondere ist, dass wir das erste Mal Kunst aus 550 Jahren zusammenbringen, die hier in Köln entstanden ist, heute aber weltweit verstreut ist. Dieser Überblick ist einzigartig, und wird wohl nie wieder so zu sehen sein, weil viele dieser Objekte aufgrund ihrer Kostbarkeit normalerweise nicht mehr auszuleihen sind. Wir hatten besonderes Glück, dass uns die Leihgeber ausnahmsweise großzügig und vertrauensvoll entgegengekommen sind. Das Besondere ist auch, dass wir verschiedene Gattungen Seite an Seite zeigen: Goldschmiedekunst, Elfenbeinkunst, Tafelmalereien, Textilkunst, Holzskulpturen – alles, was wichtig war und zur künstlerischen Blüte von Köln in diesen 550 Jahren beigetragen hat. Es sind Gruppen von Werken zu sehen, die in einer Werkstatt gefertigt wurden und auch ehemals zusammengehörige Werke, die später auseinandergerissen wurden.

WDR.de: Was macht den spezifischen Kölner Kunst-Stil aus?


Dr. Dagmar Täube, Ausstellungsmacherin und kommissarische Museumsdirektorin
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Die Ausstellungsmacherin Dagmar Täube

Täube: Jede Kunstlandschaft hat ihren eigenen Stil, ihre eigene Handschrift. Das kann man vor allem sehen, wenn man Stücke nebeneinander stellt und vergleicht. Es gibt so ein paar typische Merkmale für die Kölner Kunst. So zum Beispiel für das 14. und 15. Jahrhundert das berühmte Lächeln der schönen Madonnen, die ganz dem Schönheitsideal der Zeit entsprachen: Mit der hohen Stirn, der schmalen Nase, dem kleinen Mund und mit den über die Ohren zurückgezwirbelten langen blonden Haaren. Das waren die schönsten Frauen in Köln im Mittelalter, und die findet man wieder in zahlreichen gemalten, geschnitzten und gestickten Madonnen und Heiligen.

WDR.de: Wie kann man sich Köln in dieser Zeit vorstellen?

Täube: Köln war ein lebendiges, pulsierendes Zentrum. Es war zunächst eine Stadt der Kirchen und Klöster mit dem mächtigen Erzbischof, der später von den Patriziern in die Flucht geschlagen wurde. Die Stadt war ein bedeutendes Pilgerzentrum mit den Heiligen Drei Königen, mit der Heiligen Ursula und ihren 11.000 Gefährtinnen, mit dem Heiligen Gereon und seinen Gefährten. Schließlich übernahmen 1396 die Bürger mit der neuen Stadtverfassung die Geschicke der Stadt. Mit 40.000 Einwohnern im 15. Jahrhundert war Köln damals größer als Paris oder Venedig. Und es wurde wegen der günstigen Lage am Rhein zur mächtigen Hansestadt. In dieser Metropole trafen also zahlreiche Interessen aufeinander, die zur großen wirtschaftlichen Blüte beitrugen. Die Kunst spiegelt diese vielfältigen Facetten des mittelalterlichen Lebens.

WDR.de: Was genau erwartet den Besucher in der Ausstellung?

Täube: Den Besucher erwartet eine exquisite Schau mit 225 Werken aus den verschiedensten Kunstgattungen. Es sind Highlights, die aus der ganzen Welt zusammenkommen: Etwa aus Paris, London, Wien, Madrid, um nur einige der 72 Leihgeber zu nennen. Allein 37 Werke kommen aus Spitzensammlungen in New York und anderen amerikanischen Städten. Wir haben hier diese seltenen Stücke wieder zusammengeführt. Zum Beispiel die frühesten Tafelmalereien aus Köln überhaupt oder eine Kreuzigungsgruppe, bei der das Kruzifix aus einer Kirche in Frechen-Königsdorf stammt, die Assistenzfiguren aber mittlerweile in Budapest sind. Die werden nun erstmals seit über hundert Jahren wieder zusammengeführt.

WDR.de: Wie sind Sie an diese wertvollen Stücke gekommen?

Täube: Das lief in verschiedenen Stufen ab. Durch die ehemalige Direktorin, Frau Prof. Westermann-Angerhausen, hatten wir gute Kontakte nach Amerika, wo wir in jedes Museum gereist sind und unser Konzept vorgestellt haben. Wir wurden stets freundlich empfangen. Nach der Neueröffnung 2010 hatten wir dann ein Jahr Zeit, um diese Ausstellung mit vielen weiteren Leihgaben vorzubereiten, und wir sind sehr glücklich, dass wir es geschafft haben, so viele Stücke wieder in Köln zu versammeln und mit ihnen wie in einem Puzzlespiel das Gesamtbild zu vervollständigen und neu bewusst zu machen.

WDR.de: Wie haben Sie die logistischen Probleme bewältigt?

Täube: Das war ein Kraftakt. Das sind Top-Stücke. Wir haben eine ungeheure Versicherungssumme, und wir haben für jedes Stück individuelle Bedingungen: wie es transportiert und wie es montiert werden muss, zum Beispiel mit Polizei-Aufschaltung, immer mit besonderen konservatorischen Bedingungen. Daraufhin musste auch die Architektur entwickelt werden. Das war natürlich mit großen Kosten verbunden. Aber wir konnten sehr großzügige Sponsoren und Förderer gewinnen.

WDR.de: Wie sieht das Raumkonzept aus?

Täube: Wir haben uns für eine thematische und gleichzeitig zeitgemäße Präsentation entschieden. Mit unserer Neukonzeption des Museums 2010 hatten wir bereits Maßstäbe gesetzt, indem wir das Mittelalter nicht düster und eindimensional präsentieren, sondern frisch, hell und freundlich, um einmal mehr auch auf diese Seiten mittelalterlichen Lebens hinzuweisen. Die neue Ausstellung sollte das weiterführen, aber eigene Akzente setzen. Die Architektur nimmt sich hinter den Kunstwerken zurück, sorgt aber mit mittelalterlichen Architekturzitaten und kräftigen Farben für besondere Akzente.

WDR.de: Welche sind Ihre persönlichen Highlights?

Täube: Es gibt eigentlich ganz viele: Der Berliner Engel und die ihn umgebende Gruppe, das Osnabrücker Kapitelkreuz, die Rathaus-Propheten, die ganz frühen Tafelmalereien, der Linzer Altar, der Liebeszauber - also, eigentlich kann ich mich gar nicht festlegen, weil es so viele Spitzenstücke sind.

Das Interview führte Nikolaus Steiner.


Stand: 04.11.2011, 06.00 Uhr




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