Ruhrtriennale-Projekt Our Century Auf dem Holzhighway zur Jahrhunderthalle

Von Katja Goebel

Wie baut man aus 3.000 Europaletten eine Autobahn samt Brücke und Rastplatz? Mit dem Projekt "Our CenturY" hat sich ein Berliner Künstlerpaar vor der Bochumer Jahrhunderthalle breitgemacht. Passanten fragen gerne: "Wat is dat denn?"


Stege vor der Jahrhunderthalle

Ganz leise und monoton surrt der Akkuschrauber. Judith Matthes spießt das Schraubenkreuz behutsam mittig auf und drückt es in das schmale Brettchen. Sitzt. Nächste Schraube bitte. Die Luft steht auf dem Bretterboden, brutale Sonne in völliger Windstille. Doch Judith sitzt mit Strohhut auf einem Boden aus Europaletten und schraubt. In jede Palettenlücke muss ein Hölzchen. "Intarsienarbeit", sagt sie. Und obwohl hier nun wirklich alles aus Sperrmüll und alten Paletten ist, kommt auf dem hölzernen Steg ein hübsches Muster zum Vorschein. Und nicht nur das. Wer auf den neuen Holzböden vor der Bochumer Jahrhunderthalle wandelt, tritt dabei ein Kunstwerk mit Füßen.

Freiwillige künstlern mit


Frau mit Akkuschrauber bohrt in einen Holzboden
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Schraubt und schraubt: Judith Matthes

Judith Matthes ist Praktikantin bei diesem Ruhrtriennale-Projekt. Sie könnte auch im Büro sitzen. Will sie aber nicht. Genau wie rund 180 andere Freiwillige, die sich wochenlang auf der Kunstbaustelle in Bochum getroffen haben, um zu helfen: Senioren auf Fahrrädern, Jungs mit Skateboards, Studentenklassen und Bauenthusiasten, Kinder und Kunstliebhaber, Holzfetischisten und Handwerker. Täglich waren etwa zwanzig von ihnen auf der Kunstbaustelle im Einsatz. Entstanden ist so ein Kunstwerk, bei dem alle, die wollten, mit anpacken durften. "Manche haben erst über den Bauzaun hinweg zugeschaut. Dann kam man ins Gespräch und am nächsten Morgen standen die mit einem Akkuschrauber da."

Autobahn, Brücke, Rastplatz


Künstler Martin Kaltwasser
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Ganz entspannt: Martin Kaltwasser

So entstand ein langer Steg, der auf dem kahlen Vorplatz der Jahrhunderthalle in zwei Richtungen kriecht - zu einer hölzernen Plattform zur Rechten und einer Fußgängerbrücke zur Linken. Doch Steg und Plattform sind nur die halbe Wahrheit. Eigentlich wollte das Künstlerpaar Folke Köbberling und Martin Kaltwasser hier eine Autobahn nebst Fußgängerbrücke und Rastplatz entstehen lassen. "Ist aber nicht schlimm, wenn das keiner sieht", beschwichtigt Martin Kaltwasser. "Ich bin bestimmt schon tausend Mal gefragt worden, was das sein soll."

Premierenpublikum auf der Flucht


Holzkästen vor der Jahrhunderthalle
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Sitzmöbel zum Dableiben

Wenn er Zeit hat, erklärt Martin Kaltwasser gern seine Kunst. Die Auftragsarbeit ist nicht nur ein Projekt der Ruhrtriennale, die am 17. August beginnt. Sie ist gleichzeitig ein künstlerischer Ausdruck von Gesellschaftskritik, setzt auf ressourcenschonende Materialien und will, dass sich die Menschen in Ruhe begegnen. Aber eins nach dem anderen. Der kahle Vorplatz der Jahrhunderthalle - einer von vielen Schauplätzen der Ruhrtriennale - lädt nicht gerade zum Verweilen ein. "Bei den vergangenen Ruhrtriennalen ist das Premierenpublikum nach dem Stück immer gleich geflüchtet, weil es hier nichts gab." Also haben sich Kaltwasser und seine Partnerin eine Landschaft einfallen lassen, auf der man bequem Platz nehmen kann.

Nachdenken über den Stau


Holzwand vor der Jahrhunderthalle
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Schallschutzwände aus Altholz

Doch diese Holzlandschaft will weder eine Lounge und ein Funpark sein. Sie sei eher eine "soziale Plastik", denn Kaltwasser und Köbberling verfolgen einen durchaus kritischen Ansatz in ihrer Kunst. "Von oben sieht unser Konstrukt wie ein Autobahndreieck aus." Typisch für die Region sei eine wachsende Mobilität. Man müsse nur auf die Staumeldungen achten. Der Stau sei längst Teil des Lebens geworden. "Wir zitieren das mit den Mitteln der Kunst und hinterfragen das." Wer das so sieht, erkennt möglicherweise in den senkrechten Holzverkleidungen Schallschutzwände und in der Plattform mit den hölzernen Sitzmöbeln tatsächlich eine Raststätte. "Den Leuten, die hier mitgeholfen haben, ist das aber meist völlig egal. Die wollten einfach nur bauen. Für die ist das eine riesige Bastelaktionen."

Bauen und Begegnen


Brücke vor der Jahrhunderthalle
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Brücke der Begegnung

Die riesige Holzskulptur besteht ausschließlich aus Recyclingmaterial. An die 3.000 Paletten und etliche Sperrholzbretter sind hier verbaut. Übrigens ein Markenzeichen der Berliner Künstler, die schon in vielen Städten ähnliche Projekte gestemmt haben. Meist bitten sie die freiwilligen Helfer, gleich ihr Altholz mitzubringen. "Bei einem Projekt in Steinfurt haben die Leute tatsächlich tonnenweise ihren Sperrmüll bei uns abgeladen - aber nicht mitgebaut", erinnert sich Martin Kaltwasser. "Da mussten wir dann ein Haus aus hundert entsorgten Fenstern bauen. Am Ende gab es sogar Bürgerproteste gegen diese Chaos-Baustelle." In Bochum sei das anders. "Die Leute bringen nichts mit, helfen dafür aber."

Welche Begegnungen wünscht sich Martin Kaltwasser auf dieser Holzinsel vor dem Bochumer Industriedenkmal? "Schon beim Bauen sind die Leute leicht in Kontakt gekommen. Das ist ja auch die Idee der Ruhrtriennale, dass sich das Publikum mischt. Das da auch der Arbeiter aus Stahlhausen kommt. Auf einer Autobahnraststätte trifft sich doch auch die ganze Welt."


Stand: 16.08.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (1)

letzter Kommentar: 16.08.2012, 09:12 Uhr

Marius schrieb am 16.08.2012, 09:12 Uhr:
Sieht ja interessant aus, ich würde aber gerne mal ein Foto von Oben sehen, auf dem man vielleicht das gaze erkennen kann. Da hätte WDR bessere Fotos einstellen können!


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