Ruhrtriennale 2012: Experiment als Programm
Die Ruhrtriennale steht nun unter der Leitung des Komponisten Heiner Goebbels - der so ziemlich alles anders macht, als sein Vorgänger Willy Decker. Er präsentiert Experimentelles und viel Tanz. Seit Freitag (17.08.2012) zeigt sich, was das Publikum im Ruhrgebiet davon hält.

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Szene aus "Europeras 1" von John Cage in der Regie von Heiner Goebbels
Zu Beginn ist die Bühne komplett leer. Genau genommen ist die Bühne nicht mal eine Bühne, sondern lediglich die kahle Jahrhunderthalle in Bochum mit ihrem Betonboden und den stählernen Stützen. Der Zuschauer fragt sich, was hier wohl stattfinden kann. Doch dann setzt es ein, das Ballett der Ausstatter und Kostümbildner. Im Sekundentakt werden Kulissen geschoben, Sonnen gesteckt und Felsen auf die Bühne gerollt. "Europeras 1 & 2" des Experimentalmusikers John Cage eröffnet heute (17.8.2012) die Ruhrtriennale, unter der Regie ihres neuen Leiters Heiner Goebbels. "Europeras 1 & 2" ist eine Zusammenstellung von Fragmenten aus Opern des 18. und 19. Jahrhunderts, die nach dem Zufallsprinzip vermischt wurden – verschiedene Arien werden gleichzeitig gesungen, eine Handlung gibt es nicht. Zusätzlich dürfen weder die Darsteller noch die Kostüme einen Hinweis darauf geben, aus welcher Oper die gerade gesungene Szene stammt. Klingt verwirrend? Ist es auch!
Herausforderung für das Publikum

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Für Heiner Goebbels steht "Kunst als Erfahrung" im Mittelpunkt der Ruhrtriennale
Schon das Programm der diesjährigen Ruhrtriennale ist eine Herausforderung für Zuschauer, die sich nicht intensiv mit Neuer Musik oder aktuellen Tanzströmungen beschäftigen. Anders als sein Vorgänger Willy Decker hat Goebbels es nicht unter ein plakatives Motto gestellt, er bietet keine klassische Oper oder reines Sprechtheater. Obwohl die Macher des Programmbuches sich bemüht haben, es in Sparten zu unterteilen, verschwimmen doch Theater, Musik, Tanz und Performance. Eines aber ist klar: Experimentell sind alle Produktionen. Das Publikum scheint sich darauf einzulassen, die Eröffnungsproduktion ist lange ausverkauft, wie auch einige andere Aufführungen.
Schwerpunkt Tanz
Ein Schwerpunkt lässt sich ausmachen im Programm: Tanz. Experimentierfreudige Choreografen sind geladen. So kommen Anna Teresa de Keersmaeker und ihre Compagnie mit zwei Produktionen: "Cesena" und "En atendant" werden zu Sonnenauf- und -untergang in der verglasten Bochumer Jahrhunderthalle aufgeführt (24. bis 26. August). Naturgemäß gibt es noch mehr Karten für die Aufführung zum Sonnenaufgang um fünf Uhr morgens. Als zusätzlicher Anreiz lockt danach ein Frühstück mit den Beteiligten. Auch die französische Choreografin Mathilde Monnier reist mit zwei Stücken an. Eines davon, "Twin paradox", aufgeführt ab dem 20. September in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck, wurde von Tanzmarathonveranstaltungen der 1920er Jahre in den USA inspiriert.
Verschwimmende Genres

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Probenszene aus "Disabled Theater"
Der Tanz findet sich auch in den mit "Theater" überschriebenen Produktionen. So in Jérôme Bels "Disabled Theater" für das er mit geistig behinderten Schauspielern des Zürcher Theater Hora zusammenarbeitet. Das vom 23. bis 25. August im PACT Zollverein in Essen aufgeführte Stück erhält dadurch auch eine politische Dimension: Behinderung wird nicht versteckt sondern sichtbar gemacht. Für "Marketplace 76" hat Regisseur Jan Lauwers gemeinsam mit drei Komponisten ein musikalisches Szenario geschaffen. Sprache, Gesang und Tanz verweben sich und erzählen von einem Unfall, bei dem mehrere Bewohner eines Dorfes umkommen (7. bis 15. September).
Heimspiele beim Konzert
Bei den Konzerten ist das Genre klarer – und bei einigen der Veranstaltungen können die Zuschauer sogar auf alte Bekannte treffen: Die Bochumer Symphoniker unter Steven Sloane präsentieren beim Konzert am 9. September in der Jahrhunderthalle Werke von György Ligeti und Dimitri Schostakowitsch. "Nach spätem Gewitter" ist das Konzert des ChorWerk Ruhr in der Gebläsehalle des Landschaftspark Duisburg-Nord (28. und 29. September) überschrieben. Hier werden Kompositionen von Luigi Nono und Lars Johan Werle aus dem 20. Jahrhundert Madrigalen von Carlo Gesualdo aus dem Jahr 1611 gegenübergestellt. Und das Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung von Kent Nagano spielt am 1. September Werke des Komponisten Charles Ives, die zwischen 1902 und 1915 entstanden.
Verstehen? Unwichtig!
"Kunst als Erfahrung" steht für Heiner Goebbels im Mittelpunkt, nicht das Verstehen sei wichtig, sagt er. Den Beweis liefert er mit einer weiteren Musiktheaterproduktion in der Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark. Carl Orffs fast nie gespielte Oper "Prometheus" (16. bis 27. September), inszeniert vom Samoaner Lemi Ponifasio, wird auf Altgriechisch gesungen, so dass sie sich nicht auf die Handlung, sondern auf die Musikalität der Originalsprache der Tragödie konzentriert. Für diejenigen, die sie vielleicht doch verstehen möchten, gibt es als Zusatzangebot am 19. und 20. September aber eine szenische Lesung des Textes. Auf Deutsch.
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- Heiner Goebbels
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Heiner Goebbels, geboren am 17.08.1952, ist bis 2014 künstlerischer Leiter der Ruhrtriennale. Er lebt seit 1972 in Frankfurt am Main. Nach abgeschlossenen Studien in Soziologie und Musik komponierte er Musiktheaterstücke, szenische Konzerte, Hörstücke und Kompositionen für Ensemble und großes Orchester.
Seit Beginn der 1990er Jahre komponierte und inszenierte er eigene Musiktheaterstücke, zum Beispiel Schwarz auf Weiß (1996), Max Black (1998), Eislermaterial (1998), Hashirigaki (2000), Landschaft mit entfernten Verwandten (2002), Eraritjaritjaka (2004), Stifters Dinge (2007), Songs of Wars I have seen (2007), I went to the house but did not enter (2008).
Goebbels veröffentlichte zahlreiche CDs, für die er zwei Grammy Nominierungen erhielt. Im September 2012 erhält er den International Ibsen Award, einen der wichtigsten Theaterpreise weltweit. Goebbels ist Professor am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen und seit 2006 Präsident der Hessischen Theaterakademie.
Stand: 17.08.2012, 06.00 Uhr
- Kultur als Experiment [Mediathek]
- Ruhrtriennale-Projekt Our Century: Auf dem Holzhighway zur Jahrhunderthalle (16.08.2012)
- Vorhang auf für die Ruhrtriennale (31.07.2012) [Mediathek]
- Schwerpunkt zur Ruhrtriennale 2012: Mehr Experimente wagen! [WDR 3]
- Kühne Pläne: Heiner Goebbels stellt Ruhrtriennale-Programm vor (17.04.2012)
- Homepage der Ruhrtriennale
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