Rubens-Ausstellung in Wuppertal: Politikerspross, Barockmaler und politischer Ratgeber
Der Barockmaler Peter Paul Rubens war nicht nur Künstler, sondern ging auch als Diplomat bei Fürsten und Königen ein und aus. Sein Leben und Wirken wird ab Dienstag (16.10.2012) in einer Ausstellung in Wuppertal gezeigt. Ein Gespräch über die Friedensmission des Malers.

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Selbstporträt: Peter Paul Rubens
Peter Paul Rubens, der 1577 im westfälischen Siegen geboren wurde und später nach Antwerpen umsiedelte, wurde im 17. Jahrhundert nicht nur zum berühmten Künstler, sondern auch zum politischen Unterhändler. Seine malerische Schaffensperiode fiel in die Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen: 1618 begann der Dreißigjährige Krieg und Europa war das Schlachtfeld. Bereits zu dieser Zeit malte Rubens für den Adel und knüpft Kontakte zu Fürstenhäusern und Königen. Das Von der Heydt-Museum in Wuppertal widmet dem vielseitigen Künstler ab Dienstag (16.10.2012) eine Ausstellung. Kunsthistoriker und Rubensexperte Nils Büttner erklärt, wie aus einem Hofmaler ein Diplomat werden konnte und warum viele Menschen heute Rubens dennoch eher mit der Darstellung üppiger Frauen in Verbindung setzen.
- Nils Büttner
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Professor Nils Büttner ist Kunsthistoriker an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. An der Uni Dortmund habilitierte er mit der Arbeit: "Herr P.P. Rubens. Von der Kunst, berühmt zu werden."
WDR.de: Interessierte sich Rubens eigentlich für Politik oder war für ihn ein Maler immer auch ein Vermittler durch Kunst – und zwar auch in der Politik?
Nils Büttner: Beides ist richtig, denn man muss wissen, wo Rubens herkam. Er wird als Sohn eines hohen politischen Beamten der Stadt Antwerpen geboren, gehört der Oberschicht an und wird in einem politischen Umfeld sozialisiert. Seine Eltern hatten sogar eine politische Karriere für ihn vorgesehen. Bevor er seine Malerausbildung beginnt, besucht er zunächst eine Lateinschule und wird in den Pagendienst einer Fürstin gegeben, wo er höfische Etikette lernt. Er absolviert also alle Stationen, die man braucht, um in den höfischen Dienst zu kommen.
WDR.de: Können Sie ein konkretes Beispiel für Rubens Rolle als Vermittler nennen?
Büttner: Bei Modellsitzungen hat Rubens Gelegenheit zum Gespräch mit dem spanischen König. Bevor er im April 1629 nach Antwerpen zurückkehrt, gelingt es Rubens nicht nur, den König zur Aufnahme von Friedens-Verhandlungen mit England zu bewegen, sondern überzeugt ihn auch davon, dass es wohl keinen Geeigneteren für diese Mission gäbe als ihn, den Maler Rubens. England ist im Krieg mit Spanien. Rubens hatte die Hoffnung, das auch die Niederlande von einem Frieden profitieren würden. Als Zeugnis höchster königlicher Gunst erhält er einen Diamantring zum Geschenk und den königlichen Auftrag, nach London zu reisen. Im Bewusstsein von Rubens’ zweifelhaftem gesellschaftlichen Rang lässt Philipp ihn noch vor der Abreise aus Madrid im April 1629 zum Sekretär des geheimen Rates ernennen, um ihm für seine Unterhandlung mehr Ansehen zu verleihen. (Der Friedensvertrag wird später tatsächlich unterzeichnet und Rubens vom englischen König zum Ritter geschlagen, Anmerkung der Redaktion)
WDR.de: Würden Sie Rubens als diplomatisches Genie bezeichnen oder war er nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort?
Büttner: Rubens wird in eine Kriegszeit hineingeboren und ist immer auf dem neuesten politischen Stand. Er wird Hofkünstler in Brüssel. Rubens ist kein Gesandter im klassischen Sinne, kommt aber trotzdem ganz nah an Fürsten und Könige heran, weil er sie porträtiert. Er kann sich mit ihnen über Staatsdinge unterhalten, ohne dass es einen offiziellen Anstrich bekommt. Rubens ist nie offizieller Diplomat, sondern Unterhändler. Ich würde ihm viel diplomatisches Geschick unterstellen. Er ist sprachgewandt, ausgesprochen belesen und versteht sich darauf, die politischen Geschicke seines Landes zu durchschauen. Das gebildete Gespräch steht aber immer in Verbindung mit seiner Malerei.
WDR.de: Wie funktionierte diese Bild-Diplomatie? Haben Sie ein Beispiel?

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Krieg und Frieden sind immer wieder Thema bei Rubens. So auch in dieser allergorischen Darstellung.
Büttner: Während seiner diplomatischen Mission entstand das Gemälde "Frieden und Krieg". Es zeigt im Hintergrund Minerva, die Göttin der Weisheit, die den Gott Mars und die Kriegsfurie Alekto vertreibt. Davor thront eine nackte Frau, in der man die Liebesgöttin Venus erkennen kann. In einer Gegenbewegung zur Vertreibung des Krieges sind im Vordergrund als friedvolle Perspektivierung zukünftiger Freuden eine mythische Vermählung sowie Sinnbilder der Fruchtbarkeit und des Überflusses gezeigt. Solche Allegorien geben nur einen Deutungsrahmen vor. Sie laden das Publikum ein, ihre Bedeutung auszuhandeln. Zum höfischen Unterhandeln gehörte es nämlich, dass man sich Bilder gemeinsam anguckte. Der Inhalt der Bilder wurde im gemeinsamen Diskurs abgestimmt. Rubens konnte so also während der Entstehung des Bildes auch noch Veränderungen daran vornehmen.
WDR.de: Wie ungewöhnlich war es, dass sich Kunst und Politik auf diese Weise vermischten?
Büttner: In der Vormoderne gibt es einfach eine größere Nähe zwischen Künstlern und der Politik. Das liegt auch daran, dass Künstler an Höfe gebunden waren. Auch kommen Künstler Machthabern in diktatorischen Regimen häufig viel näher als Politiker. Der Mann, der Saddam Husseins Palast ausgemalt hat, war auch näher an ihm dran als mancher Politiker.
WDR.de: Waren Rubens Reisen im Auftrag der Diplomatie, seine Kontakte und das Reden darüber auch eine Art Marketingstrategie, um seine Kunst noch bekannter zu machen?
Büttner: Seine Friedensbemühungen sind erst gemeint. Aber er tut auch aktiv etwas dafür, seine Kunst berühmter zu machen, indem er sie grafisch reproduzieren lässt. Es gab nun mal kein Internet und Fernsehen. Er ist in seiner Zeit ein sehr angesehener Künstler und agiert auch so, dass man ihn wahrnimmt. Er ist schon berühmt, bevor er anfängt zu malen. Und dann ist er noch ein ziemlich genialer Maler, der es schafft, Kupferstecher dazu anzuhalten, ihn zu reproduzieren und Scharen von Schülern auszubilden, so dass seine Werkstatt Rubensbilder hervorbringt, obwohl er selbst abwesend ist. Außerdem sorgt er dafür, dass er durch eine noble Erscheinung nicht als niederer Maler wahrgenommen wird.
WDR.de: Bei all dem, was Rubens gesellschaftspolitisch umtrieb: Warum verbinden die Menschen Rubens heute vor allen mit der Darstellung üppiger Damen?
Büttner: Dass Rubens zu fleischige Frauen malte, ist ein Vorurteil, das erstmals im 18. Jahrhundert um sich greift, ihn abqualifiziert und - zum Beispiel auch durch Goethe - immer weiter verbreitet wird. Das Reden über Bilder hat sich immer schon an den Worten berühmter Männer orientiert. So gehen auch Rubens Frauen in den allgemeinen Bildungskanon ein. Dass es heute noch so ist, hat aber auch damit zu tun, dass es in den 60er Jahren eine Bierwerbung gab, die mit einem Bild von Rubens warb. Rubens wird auf eine bestimmte Form von Körperlichkeit reduziert. Man hat einfach gerne für jeden Maler eine Schublade. So ist van Gogh auch immer der, der sich das Ohr abschnitt. Und bei Rubens sind es nun mal die dicken Frauen.
WDR.de: Sie haben mehrere Bücher über Rubens geschrieben. Was fasziniert sie persönlich so an diesem Künstler?
Büttner: Er ist ein Maler, der mit ganz wenigen Pinselstrichen und ganz wenig unterschiedlichen Farben ganz viel ausdrückt. Er ist einfach ein Maler, der unglaublich gut malen kann. Außerdem hat er sein Publikum auf ganz verschiedenen Ebenen angesprochen. Und das funktioniert auch heute noch. Man sollte von seinen Bildern belehrt, erfreut und emotional angesprochen werden.
Die Fragen stellte Katja Goebel.
Stand: 16.10.2012, 06.00 Uhr
- Audio: Peter Paul Rubens im Von der Heydt-Museum [WDR 3] Thomas Frank und Christiane Vielhaber, WDR 3 Mosaik
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