Richtungsstreit um den Moscheeverein: Zweifel am "Wunder von Marxloh"
Seit anderthalb Jahren steht Deutschlands größte Moschee in Duisburg-Marxloh. Anfangs gab es viele, die die Ditib-Merkez-Moschee als weltoffenes Gotteshaus lobten, manch einer sprach sogar vom "Wunder von Marxloh". Doch nun ist von zunehmender Abschottung die Rede.

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Blick auf die Zentralmoschee in Duisburg-Marxloh
Mustafa Kücük war bis vor einem halben Jahr Pressesprecher der Moschee und der angeschlossenen Begegnungsstätte in Marxloh, bevor er rausflog. Er hatte den neuen Vorstand des Moscheegemeindevereins kritisiert, der seiner Meinung nach zu konservativ ist und dem Ziel der Transparenz durch seine Nähe zur türkischen Regierung schade. Kücük forderte: "Politik hat in der Moschee nichts zu suchen." Am Ende wurde ihm gesagt, er würde "für die Deutschen" arbeiten. Jetzt hat Kücük seine Mitgliedschaft im Moscheegemeindeverein gekündigt.
Konzept von zwei Trägervereinen
Die Begegnungsstätte an der Moschee in Duisburg-Marxloh wurde mit Mitteln der EU und des Landes Nordrhein-Westfalen bezuschusst, um damit eine einzigartige Integrations- und Dialogarbeit aufzubauen. Das Geld ging nicht an den Moscheegemeindeverein unter dem Dach der Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt der Religionen), sondern an den Trägerverein der Begegnungsstätte. Der Moscheegemeindeverein soll sich um die Belange innerhalb der Moschee kümmern. Aufgabe der Begegnungsstätte ist es, sich um den Dialog mit den Menschen zu kümmern und Integrationsarbeit zu leisten, wie zum Beispiel Deutschkurse für türkische Frauen anzubieten und das Café in der Begegnungsstätte als Treffpunkt aufzubauen. Zusätzlich kümmert sich ein Beirat um die Begegnungsstätte.
Streit hinter den Kulissen
Doch seitdem der Vorstand des Moscheegemeindevereins vor einem halben Jahr gewechselt hat, scheint die Zusammenarbeit zwischen Moscheegemeindeverein und dem Verein der Begegnungsstätte nicht mehr reibungslos zu funktionieren. Seit Monaten gibt es einen Streit hinter den Kulissen der Marxloher Moschee. Bisher wurde die Kritik nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Anscheinend geht es darum, wer die Richtung vorgibt: die weltoffene Begegnungsstätte oder der konservative Vorstand des Moscheegemeindevereins.
Wechsel im Vereinsvorstand
Was der ehemalige Pressesprecher Mustafa Kücük kritisiert, bestätigt jetzt auch die Duisburger Polizei. "Die Leute sind nicht mehr so offen wie sie vorher waren. Man merkt, es werden Dinge, die intern bekannt sind, zurückgehalten", sagt Jürgen Kiskemper. Er war einer der ersten Islambeauftragten der nordrhein-westfälischen Polizei. Seit fünf Jahren kümmert sich der Polizeibeamte um den intensiven Kontakt zu den muslimischen Gemeinden und Vereinen in Duisburg, auch um die Ditib-Merkez-Moschee in Marxloh. Sein Job: Vertrauen gegenüber der Polizei aufzubauen. Doch seitdem es den Wechsel im Moscheegemeindevereinsvorstand gegeben hat, sei das Vertrauen verschwunden.
Polizist wird als Spitzel gesehen
Ein Beispiel für die Abschottung ist für Jürgen Kiskemper der Besuch des türkischen Staatsministers Faruk Celik Ende Februar in der Moschee: "Die türkischen Medien waren vor Ort, die deutschen Medien nicht eingeladen und nicht informiert. Da sind Dinge anders geworden." Hinter verschlossenen Türen wurde über die Abschaffung von Visumspflicht und Deutschtest für die Türken geredet. Da wäre Kiskemper auch gerne dabei gewesen. Für ihn ein Grund, warum sich das Verhältnis in letzter Zeit zum Schlechten hin gewandelt hat: "Das Misstrauen ist schon längst da. Wenn man mir nach fünf Jahren sagt, dass sich einige Leute mit mir nicht mehr unterhalten können, weil ich sowieso ein Spitzel sei, tut mir das weh."
Der neue Pressesprecher des Moscheegemeindevereins, Huseyin Cetin, wehrt sich gegen die Vorwürfe. In der Moschee gebe es keinen Streit, alles würde reibungslos funktionieren: "Es gibt Menschen, die versuchen, zwischen Begegnungsstätte und Moscheegemeinde eine dicke Mauer zu bauen." Es gebe nach wie vor unter einem Dach zwei Vereine, die friedlich miteinander arbeiten könnten.
Finanzielle Probleme der Begegnungsstätte
Die Begegnungsstätte sieht das anders, will sich aber nicht offiziell äußern. Man wolle den guten Ruf der Moschee nicht gefährden, heißt es. Mitglieder des Beirates der Begegnungsstätte, die nicht genannt werden wollen, sprechen jedoch von Versuchen, die Geschäftsführerin der Begegnungsstätte, Zülfiye Kaykin, wegzumobben. Von Machtspielen ist die Rede. Der Vorstand des Moscheegemeindevereins warf Kaykin finanzielle Unregelmäßigkeiten in den Vereinsgeschäften vor. Die wurden zwar vom Dachverband der Ditib in Köln ausgeräumt. Aber die Angebote in der Begegnungsstätte laufen auch wegen des lähmenden Streits zur Zeit schlecht. Gerade erst musste die Begegnungsstätte zwei Mitarbeiter entlassen, weil sie mit 100.000 Euro im Minus steht. Das Paradoxe daran: Das waren Stellen für die Integrationsarbeit, u.a. für die Deutschkurse der muslimischen Frauen. Jetzt ist erst einmal die Stiftung Mercator aus Essen mit 30.000 Euro eingesprungen, damit die Arbeit weitergehen kann.
Land signalisiert Hilfe
"So wie der Zustand jetzt ist, ist er für mich nicht lösbar", urteilt Jürgen Kiskemper über den Streit um die Moschee. Für den Islambeauftragten der Polizei müssten jetzt notwendige Informationen nach innen in die Gemeinde dringen: "Vom einfachen Thyssen-Mitarbeiter bis zum Akademiker müssen alle wissen, welche Grundlage die Moschee hat." Damit meint er das Konzept der zwei Vereine unter einem Dach. Das hatte auch die Landesregierung gewollt. Die hat sich bisher zum Streit zwischen der Begegnungsstätte und dem Moscheegemeindeverein nicht offiziell geäußert. Aber der Integrationsbeauftragte Thomas Kufen (CDU) gab zu verstehen, dass man der Begegnungsstätte bei den finanziellen Schwierigkeiten helfen wolle.
Stand: 07.04.2010, 06.00 Uhr
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