Wallfahrt und Treffpunkt der Tamilen in Kevelaer Tamilisches Familienfest mit Madonna

Von Christian Herrmanny

Sie kommen seit Jahren aus halb Europa ins niederrheinische Kevelaer: Rund 15.000 Tamilen kamen in den kleinen Wallfahrtsort - und das nicht nur zum Beten.


Gnadenkapelle in Kevelaer
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Nicht nur Christen, auch Hinduisten beten an der Gnadenkapelle

Großer Andrang in Kevelaer: Spätestens ab zehn Uhr morgens wird es schwierig, in dem niederrheinischen Wallfahrtsort noch einen Parkplatz zu bekommen. Familie Hillary kennt den enormen Ansturm schon aus den vergangenen Jahren und ist deshalb frühzeitig angereist. Vor 17 Jahren kam Manuel Hillary aus Sri Lanka nach Deutschland, seitdem hat er jedes Jahr die Tamilen-Wallfahrt besucht. "Die Madonna hier bedeutet uns viel", sagt der inzwischen in Bochum lebende Katholik. Doch bei der Wallfahrt wird er nicht nur beten und meditieren, sondern auch viele Bekannte und Verwandte treffen. "Hierher kommen heute viele, viele Leute. Da haben wir uns nicht verabredet, wir lassen uns überraschen, wen wir sehen."

Jährlich zwischen 10.000 und 15.000 tamilische Gäste


Seit 21 Jahren versammeln sich die Tamilen zur Wallfahrt in Kevelaer. Pkw und Busse aus ganz Deutschland und halb Europa sind zu sehen. Auch am nahe gelegenen Flughafen Weeze kommen einige Familien an. Mit Picknickkörben und in traditioneller bunter Kleidung bevölkern sie die Innenstadt Kevelaers, verleihen dem Städtchen eine exotische Atmosphäre. Mädchen erscheinen in ihren festlichen Kommunionkleidern. Gefragt ist auf jeden Fall Geduld: Wer das Gnadenbild der Gottesmutter sehen will, muss sich in einer langen Schlage einreihen. Wer beim großen Gottesdienst einen Sitzplatz haben möchte, muss frühzeitig erscheinen. Die Gäste nehmen das gelassen. Die Mehrheit der Tamilen in Sri Lanka ist hinduistisch, doch es gibt auch eine große christliche Minderheit. Im katholischen Kevelaer versammeln sich zur Wallfahrt aber auch durchaus viele Hindus, denn sie verehren Jesus Christus und seine Mutter Maria ebenfalls.

Viele ehrenamtliche und professionelle Helfer

"Hindus haben viele Götter und verehren auch bedeutende Menschen, sie haben Jesus und Maria quasi mit aufgenommen" sagt Pfarrer Stefan Zekorn. Der Geistliche schätzt die meditativen Gesänge und die für europäische Ohren sehr ruhige und fremde Musik. Da kann ein Gottesdienst durchaus mal drei Stunden dauern. "Manchmal lassen sich auch Hindus segnen: Dazu kommen sie mit verschränkten Armen zur Kommunion, das ist sehr schön", sagt Stefan Zekorn. "In dieser Farbenpracht und Internationalität ist das wirklich ein tolles Fest des Glaubens." Dafür, dass alles ruhig abläuft, sorgen neben dem Wallfahrtsbüro auch Stadt und Polizei. Die Beschilderung wird teilweise um Begriffe in verschnörkelter tamilischer Schrift ergänzt, ehrenamtliche Verkehrshelfer weisen zusätzlich den Weg. "Das ist die mit Abstand größte Einzelwallfahrt des Jahres", sagt Rainer Killich vom Wallfahrtsbüro. "Über die Jahre hat sich das aber gut eingespielt, alles läuft Hand in Hand."

Die große Gemeinschaft genießen

"Ich bin hierher gekommen, weil es eine spezielle Feier für uns Tamilen ist", sagt Sharanya Thangaratnam. Die 19-Jährige besucht auch in ihrer Heimatstadt Essen die Gottesdienste der tamilischen katholischen Gemeinde, aber sie freut sich besonders auf Kevelaer: "Einmal im Jahr versammeln wir uns halt alle und beten gemeinsam, das ist wunderbar." Auch ihre Freundin Niropa Mohanathasan genießt das gemeinsame Beten, während sich Hatice Gökdonlu die Wallfahrt "nur mal angucken" will. "Ich bin halb Deutsche und halb Türkin und Muslimin", sagt die 24-Jährige. In Kevelaer kommen so die verschiedensten Religionen zusammen. Familie Srikanthan aus Nürnberg sieht es so: "Wir passen uns der deutschen Kultur und eben auch der Religion an."

Beten, Bitten, Wiedersehen

Rund 15.000 Kerzen sind im vergangenen Jahr verkauft und entzündet worden. Sobald die kleineren Exemplare zur Hälfte heruntergebrannt sind, werden sie von den Helfern auch schon wieder von den Ständern genommen - es muss Platz geschaffen werden, schließlich verbinden die Wallfahrer mit ihrer Kerze auch einen persönlichen Dank oder eine Bitte. "Ich bete, dass die Kinder gut lernen und dass die Familie ein gutes Leben hat", sagt Yogaraja Ravi. Die Kerze, die er ansteckt, überragt sogar seine beiden Söhne. Noch während der Tamile erzählt, wie er vor 11 Jahren nach Deutschland kam, treffen Verwandte vor der Kirche ein - die Freude ist groß. Bis zur abschließenden Lichterprozession um 21:30 Uhr wird noch entsprechend viel gefeiert: Der Glaube und das Wiedersehen


Stand: 09.08.2008, 12.33 Uhr