Aus Militärakademie wurde Europas Buddhistenzentrum Meditation vor Nazi-Mosaiken

Von Marion Linnenbrink

Es kann eigentlich keinen größeren Widerspruch geben: Friedvolle Buddhisten leben in einem ehemaligen Nazi-Erholungsheim, das später jahrzehntelang als Militärakademie diente. Das Ganze spielt im tiefsten Bergischen Land.


Das Hauptgebäude des Instituts
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Erst Militärakademie, dann Buddhismuszentrum

Was kurios klingt, ist in diesen Tagen Wirklichkeit geworden: In Waldbröl, einer Stadt mitten im Oberbergischen, circa 40 Kilometer östlich von Köln, bezieht die Buddhistengemeinschaft um den geistlichen Führer Thich Nhat Hanh seit Montag (31.05.2010) ihr neues Zuhause: die ehemalige Bundeswehrakademie im Herzen des Ortes.

Und vielleicht ist es eben der Reiz des Gegensätzlichen, der Thich Nhat Hanh, auch Thây genannt, vor gut zwei Jahren veranlasst hat, das rund hundert Jahre alte Gebäude mit seiner dunklen Geschichte zu kaufen. "Hier ist das Herz Europas", soll der Lehrer damals entschieden haben, und so ließ Thây hier das Europäische Institut für angewandten Buddhismus, kurz EIAB, ins Leben rufen.

Locken Mönche Investoren?


Schuhe stehen vor einem Zelt
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Schuhe vor dem Meditationszelt

"Es gab viele große Städte, die sich auch um die Buddhisten beworben haben. Wir haben wirklich für sie gekämpft", erinnert sich der Waldbröler Bürgermeister Peter Koester. Die Bundeswehr hatte das Akademiegebäude vor Jahren geschlossen, und niemand wusste, was aus dem 150 Meter langen, vierstöckigen Monument und der riesigen Parkanlage werden könnte. "Mit den Buddhisten kommen auch Investoren", so begründet Koester das große Interesse. "Außerdem leben in Waldbröl über 70 Nationalitäten in einer großen Ökumene, die Buddhisten passen hier gut rein."

Aus Plum Village in Südfrankreich nahe Bordeaux waren zwanzig Nonnen und Mönche 2008 nach Waldbröl gezogen. "Das Gebäude war im Untergeschoss mit Gittern verschlossen, es gab keine Heizung", erinnert sich Schwester Song Ghiem. "Wir haben scherzhaft gesagt, wir sind Prinzessinnen und Prinzen im Eispalast." Meterhohe Mosaiken mit den Abbildungen aus der Nazi-Zeit, mit nackten arischen Männern und rassigen Pferden, mit arbeitenden Frauen befinden sich im Eingangsbereich. Davor wirken die asiatischen Mönche und Nonnen mit ihren kahl geschorenen Köpfen und den braunen Roben klein und verletzlich.

Baugenehmigung fehlte

Schon bald stellte sich heraus, dass die Gemeinschaft das Gebäude so schnell nicht würde nutzen können. Denn es gab keine Baugenehmigung, und auch die Brandschutzvorschriften wurden nicht eingehalten. "Das hat uns am meisten überrascht", erklärt Wilhelm Busch. Der Mönchengladbacher Architekt ist mit dem millionenschweren Umbau des Gebäudes in ein Seminarhaus mit 400 Beherbergungsbetten betraut. Als ihm die Baubehörde des Oberbergischen Kreises die Probleme erläuterte, musste er erst bei der Gemeinschaft um Verständnis werben.

"Wir haben in Plum Village auf einem Bauernhof gelebt, in einfachen Scheunen. Dieses Gebäude war aus unserer Sicht viel komfortabler und eigentlich auch sicher", erinnert sich Schwester Song Ghiem, die mittlerweile fließend Deutsch spricht. Die zweijährige Umbauphase überbrückte die Gemeinde in der ehemaligen Zivildienstschule der Region, direkt nebenan.

"Wir wollen nicht missionieren"

Der pensionierte Lehrer Ivo Schepers kam vor über einem Jahr nach Waldbröl. Er war neugierig und wurde von der Gemeinschaft eingeladen, mit ihr zu essen, zu meditieren und zu leben. "Meine Frau lebt seit zwölf Jahren nach Regeln des Buddhismus, ich habe das nur freundlich begleitet. Aber die Art, wie die Buddhistengemeinschaft hier lebt, hat mich gepackt", sagt Schepers weiter.

"Wir wollen hier nicht missionieren", erklärt Abt Phap An auf Englisch. "Wir wollen mit dem Institut einfach den Menschen unsere Lebensweise vorleben und zum Mitmachen und Nachahmen animieren."

"Das Friedvolle nimmt dem Gebäude das Schreckliche"

Eine Gruppe von ehemaligen Gemeindedirektoren aus der Region kommt mit Bürgermeister Peter Koester vorbei, um sich ein Bild von den neuen Nachbarn zu machen. "Ich bin ein bisschen durcheinander", beschreibt Sylvia Pieper, eine der Besucherinnen, ihre ersten Gefühle. "In dem Gespräch mit den Mönchen und Nonnen habe ich viel Neues über den Buddhismus erfahren. Andererseits hat dieses Gebäude die Nazivergangenheit. Es war ja ein so genanntes Kraft-durch-Freude-Hotel", sagt die Kölnerin, deren Mann im Oberbergischen gearbeitet hatte. "Aber vielleicht muss das auch so sein? Das Friedvolle nimmt dem Gebäude dieses Schreckliche."

"Mir wäre lieber, wenn eine christliche Einrichtung, vielleicht die Caritas, hier aktiv geworden wäre, denn ich bin ja Christin", bekennt Besucherin Ingrid Noss. Sylvia Pieper dagegen ist beeindruckt. "Ich hätte nie gedacht, dass man 15 Minuten ohne Reden in Gemeinschaft essen kann und sich nur auf das Kauen konzentriert, das war beeindruckend."

Thich Nhat Hanh ist in Waldbröl

Den Umzug in einen Trakt des Gebäudes, der jetzt fertig ist, feiert die Gemeinde übrigens auf ganz besondere Art. Denn Thich Nhat Hanh, nach dem Dalai Lama einer der bedeutensten Buddhist weltweit, ist seit Freitag für vier Wochen zu Besuch und wird unter dem Motto "Glücklich zusammen leben" in Köln und Waldbröl mit seinen Anhängern meditieren. Über 750 Buddhisten werden erwartet, ein Teil kann dann schon im neuen Gebäude leben, die anderen schlagen auf dem großen Gelände ihre Zelte auf.


Stand: 31.05.2010, 09.33 Uhr