5. Todestag Herbert Reineckers: "Antidemokratisch bis zum Schluss"
Mit TV-Klassikern wie "Der Kommissar" oder "Derrick" wurde Herbert Reinecker in den 60er und 70er Jahren zum populärsten Drehbuchautor Deutschlands. Seine publizistischen Wurzeln aber liegen in Westfalen – und im Nationalsozialismus. WDR.de sprach mit den Reinecker-Biografen Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen.

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"Derrick"-Autor Herbert Reinecker 1994
Herbert Reinecker wurde 1914 im westfälischen Hagen geboren. Bevor er im Nachkriegsdeutschland als Autor von weit über 100 Filmen - darunter Straßenfegern wie "Der Hexer" (1964) und "Der Tod läuft hinterher" (1967) - bekannt wurde, war er in Münster Hauptschriftleiter von "Unsere Fahne", einer Zeitschrift der Hitlerjugend. Als Kriegsberichterstatter der Waffen-SS berichtete er im "Völkischen Beobachter" und in "Das schwarze Korps" von der Front. Zudem schrieb er Dramen, die als Musterstücke des nationalsozialistischen Theaters galten, und von Joseph Goebbels gelobte Drehbücher, etwa zum Propagandafilm "Junge Adler" (1944).
WDR.de: Anders als die anderen Stationen seines Lebens sei ihm Hagen "nie fremd" geworden, hat Reinecker im hohen Alter gesagt. Warum hat er so gerne an seine Jugendzeit zurückgedacht?
Rolf Aurich: Das kann ich mir nur dadurch erklären, dass er sich als Kind im familiären Umfeld und in der Schule, in der ein Lehrer sein Schreiben gefördert hat, gut aufgehoben und beschützt gefühlt hat. Alles andere, was von Außen kam, hat er ja als düster und grau empfunden.
- Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen
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Rolf Aurich (rechts) und Wolfgang Jacobsen sind Filmhistoriker der Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin, die auch den Drehbuch-Nachlass Herbert Reineckers verwaltet. 2010 erschien ihr Buch "Reineckerland".
WDR.de: Was war so grau und düster?
Wolfgang Jacobsen: Die Industriestadt Hagen war stark polarisiert. Aus den Wahlen 1932 war die NSDAP als stärkste Partei hervorgegangen, gefolgt von der KPD. An die Auseinandersetzungen zwischen den SA-Korps und den Kommunisten direkt vor seiner Haustür hat sich noch der 90-jährige Reinecker erinnert.
Diese gefährliche Grundstimmung prägt schon die frühe Erzählung "Der Mörder"...
WDR.de: ...eine Kurzgeschichte, die der gerade in die Hitlerjugend eingetretene Autor 1932 in der "Hagener Zeitung" publiziert hat.
Wolfgang Jacobsen: Genau. Wie kann denn ein 17-Jähriger über einen Mörder schreiben – außer er fühlt sich stark bedroht durch seine Umwelt? Er hat ja von der damaligen Atmosphäre in Hagen selbst gesagt: "Man spürte, da lag Mord in der Luft".
WDR.de: Klingt in "Der Mörder" schon etwas vom späteren Reinecker an?

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Heimat Hitlerjugend: "Junge Adler" (1944)
Rolf Aurich: Ja, die Figur agiert ganz ähnlich wie die Mörder in den späteren Drehbüchern Reineckers für "Der Kommissar" und "Derrick": ein fehlgeleiteter, aus dem Leben gefallener Mensch, der nicht zu verstehen ist und sich selbst nicht versteht.
Aber auch die Lebensenge der Jugendzeit hat Reinecker mitgenommen. Das Politische konnte er damals kaum verstehen, und die Wandlungen in der Bundesrepublik hat er später auch nicht verstanden, weil er in seiner "Fabulierstube" in seinem Haus im bayerischen Kempfenhausen wie besessen geschrieben hat. Die Realität hat er da nur über Zeitung und Fernsehen hereingelassen und für seine Drehbücher ausgewertet. Lebenslang ein eingeschränkter Blick auf die Welt – von Hagen bis zum Starnberger See.
WDR.de: Gab es denn keine "Stunde Null" im Denken Reineckers?
Wolfgang Jacobsen: Nach unserem Eindruck hat es eine ernsthafte persönliche Abrechnung mit seiner eigenen Rolle im Nationalsozialismus nicht gegeben. Die antidemokratische Haltung, die er in einem national und anti-französisch geprägten Elternhaus erfahren hat – eine ganz normale Lebenserfahrung von Jugendlichen dieser Zeit – ist sozusagen ein unsichtbarer Lebensfaden geblieben.
WDR.de: Kann man das auch im Werk festmachen?

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Nationaler Widerstand: "Canaris" (1954)
Rolf Aurich: Ja, zum Beispiel in seinen großen historischen Spielfilmen wie "Canaris" (1954), in dem sich Reinecker ausgerechnet mit dem deutschen Widerstand beschäftigt. Selbst hier ist eine grundnationale und konservative Haltung zu spüren – um es zurückhaltend zu formulieren.
Das ändert sich etwas in den Fernsehfilmen und TV-Serien wie "Der Kommissar" und "Derrick". Aber auch diese intuitiven Kriminalisten sind als moralische Vaterfiguren im Grunde zurückzuführen auf jene Führergestalten, denen Reinecker bis 1945 erlegen war.
WDR.de: Sie sagen, das die gefährdete Jugend lebenslanges Thema Reineckers ist: von "Junge Adler" mit der Hitlerjugend als Alternative bis hin zu den verlorenen Hippies bei "Derrick"...
Wolfgang Jacobsen: Ja, das Thema hat ihn immer interessiert: das Abdriften der Jugend in den Drogenkonsum, die Gefährdung durch Discothekenbesuche. Das gibt es als Kuriosa in den TV-Serien, aber auch in Romanen wie "Feuer am Ende des Tunnels" (1974): ein Versuch, sich der Wirklichkeit Deutschlands in den 70er Jahren zu stellen, namentlich dem RAF-Terror um Ulrike Meinhoff und Andreas Baader, deren Gang in den Untergrund verurteilt wird.

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Mörderische Jugend: Derrick-Verhör (1985)
Das Buch vertritt hier eine absolut abgehobene moralische Position, die auf die späteren Traktate Reineckers verweist, die er nur noch in einem kleinen bayerischen Verlag hat veröffentlichen können. Da steht einer auf der Kanzel und sagt der Jugend, wie das Leben zu verstehen ist.
Im Roman gibt es aber auch eine kurze Passage über das Ruhrgebiet – die literarisch vielleicht beste aus der Feder Reineckers, in der er das arme und niederdrückende, noch vom Bergbau geprägte Arbeitermilieu beschreibt, dem er selbst entstammte – und aus dem der Romanheld Richtung München ausbricht: noch ein Beleg dafür, wie stark Hagen ihn lebenslang geprägt hat.
WDR.de: Gibt es denn noch etwas bei Reinecker, was Sie nachhaltig beeindruckt hat?
Rolf Aurich: Da gibt es einiges. Bereinigt von der Ideologie betrachtet ist selbst "Junge Adler" ein Film, der ausgezeichnet funktioniert. Und auch bei "Der Kommissar" und "Derrick" findet man dutzendfach herausragende Folgen – was aber nicht immer am Drehbuch liegt, sondern daran, was der jeweilige Regisseur daraus gemacht hat.
Das Interview führte Thomas Köster.
Stand: 27.01.2012, 00.00 Uhr
Kommentare zum Thema (2)
letzter Kommentar: 27.01.2012, 16:56 Uhr
- Klaus Lohmann schrieb am 27.01.2012, 16:56 Uhr:
- @Anonym: Dass Sie aus Dummheit im Dienst hier den Falschen dissen wollen, steht wahrscheinlich schon auf Ihrer anonymen Stirn geschrieben. Schon mal den Unterschied zwischen Artikel und Interview kennengelernt? Bildung macht auch vor brauner Ideologie nicht halt, sollten Sie sich mal drum kümmern.
- Anonym schrieb am 27.01.2012, 12:50 Uhr:
- Hallo WDR: Hier noch mal was zum Löschen! Aber den Vorwurf, daß ihr leider zu links orientiert seid, müß ihr euch gefallen lassen!!
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