Seminar für deutsche Geschäftsleute Der Niederlande-Knigge

Von Jenna Günnewig

Campen, Kiffen, Klompen - wenn Deutschland am Mittwoch (14.11.2012) gegen die Niederlande spielt, wird wieder tief in die Kaaskopp-Klischeekiste gegriffen. Wie anders die Niederländer wirklich sind, lernen deutsche Geschäftsleute im Seminar "Der Niederlande-Knigge". WDR.de war dabei.


Es ist eine Minute nach zehn Uhr, als der Erste mahnend auf die Uhr schaut: "Wann geht's los?" "Jetzt", die Seminarleiterin startet den "Niederlande-Knigge" in der IHK Arnsberg mit deutscher Pünktlichkeit und räumt gleich mal mit einem Mythos auf: Frau Antje ist eine Kreation der deutschen Werbung. Niederländer kennen die Proto-Holländerin mit den Klompen an den Füßen meistens gar nicht.

Prinzip: Wer das Fettnäpfchen kennt, tritt nicht rein

Aufräumen mit Vorurteilen, Aufdecken von kleinen und großen Andersartigkeiten, Do's and Don'ts vermitteln, damit es mit den Nachbarn klappt - das will der "Niederlande-Knigge". Angeboten wird das Seminar von der Deutsch-Niederländischen Handelskammer seit 2006 etwa viermal im Jahr. Die Zielgruppe sind deutsche Exportmanager, Vertriebsmitarbeiter und Unternehmer, die viel in den Niederlanden arbeiten.


"Jeder weiß, wenn ich nach China gehe, brauche ich ein interkulturelles Training. Doch bei den Niederländern werden die kulturellen Unterschiede unterschätzt", erklärt Seminarleiterin Janet Antonissen in einer kurzen Pause. Seinen direkten Nachbarn meint man sehr gut zu kennen. Doch auch wenn man ähnlich tickt, "gibt es sehr viele Unterschiede", so die gebürtige Niederländerin. Diese Unterschiede versucht die interkulturelle Trainerin in Rollenspielen, Gruppenarbeiten und Gesprächen bewusst zu machen.

"Halbe Stunde, dann sind die mit ihrer Frikandel fertig"

Viele der Teilnehmer erzählen vom Culture Clash mit dem direkten Nachbarn. Von ersten Treffen in Hotellobbys direkt an der Autobahn. Vom Geschacher um fest vereinbarte Preise und von chaotischen Meetings. Die niederländischen Geschäftspartner würden überhaupt keinen Wert auf Geschäftsessen legen. "Halbe Stunde, dann sind die mit ihrer Frikandel fertig", erklärt Dieter Tebbe. Zwei bis dreimal im Monat ist Tebbe in den Niederlanden unterwegs, um für ein mittelständisches Unternehmen aus Haltern am See Baustoffe zu verkaufen.


Seine Sitznachbarin Ortrun Franchy soll den niederländischen Markt für ihre Firma, die Technologien für Wasser- und Versorgungswirtschaft herstellt, neu erschließen. "Das ist eine andere Kultur, ein Land, in dem ich noch nicht so viel Erfahrung gemacht habe." Sie will beim Seminar Niederlande-Knigge praktische Tipps und ein Gespür für diese kulturellen Unterschiede vermittelt bekommen.

"Bitte, danke, gern geschehen - können Sie alles weglassen"

"Kommunizieren Sie in den Niederlanden direkter", ist einer von Antonissens Tipps. Auch der Status sei weniger wichtig, die Hierarchien flacher als in Deutschland. Was die Deutschen gerne aufschreiben, regeln die Niederländer im Gespräch. Und ganz wichtig: "Lassen Sie Verhandlungsspielräume - Niederländer lieben es nachzuverhandeln." Meist gehe es gar nicht unbedingt um den Preis, hier eine Palette mehr, da etwas oben drauf, irgendein kleines Extra reiche. Die Niederländer seien gewiefte Händler, gute Verkäufer und - anders als die Deutschen - stolz drauf. "Selbst kleine Kinder bekommen früh einen gesunden Geschäftssinn eingetrichtert", erzählt Antonissen. Da komme die niederländische Landesgeschichte als Seefahrer- und Handelsnation durch.

Die Clingendael-Studie ist überholt

Der Deutsche wolle früh etwas fix machen, er sei weniger flexibel als der Niederländer, berichtet Antonissen. Der Niederländer hingegen hinterfrage gerne Regeln, sei pragmatischer in seiner Mentalität: "Dieses Lockere und Liberale wird immer gelobt." Dabei habe sich das Selbstbild der Niederländer laut Antonissen in den vergangenen Jahren gewandelt. "Es ist nicht mehr so liberal. Geert Wilders hat doch lange die Politik geprägt." Seit Anfang November haben die Niederlande nun eine neue Regierung. "Ich hoffe, dass es in eine neue Richtung geht und rechtes Gedankengut nicht mehr so leicht akzeptiert wird", so die Seminarleiterin.

Anders als das Selbstbild habe sich das Bild der Niederländer in Bezug auf die Deutschen zum Positiven gewandelt. 1993 löste die sogenannte Clingendael-Studie noch eine Diskussion über das Verhältnis der beiden Nachbarländer aus. In der Befragung hatten niederländische Schüler Deutsche als "dominant, arrogant und eine kriegslüsterne Nation" beschrieben. Das habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt, wie Studien und Medien belegen, sagt Antonissen: "Deutschland wird mittlerweile als Vorbild wahrgenommen."

Kann man interkulturelles Fingerspitzengefühl im Seminar lernen?


Seit Jahren ist Deutschland der wichtigste Handelspartner der Niederlande, sowohl was den Import, als auch den Export betrifft. Knapp 3.750 niederländische Tochterbetriebe sitzen in Nordrhein-Westfalen - so eine aktuelle Statistik der Deutsch-Niederländischen Handelskammer. Der Bedarf an interkulturellem Training steige, erklärt Antonissen. 80 Seminare gebe die Handelskammer, die ihren Hauptsitz in Den Haag hat, im Jahr.

Bleibt die Frage: Kann man interkulturelles Fingerspitzengefühl in einem Seminarraum lernen? "Ich kann ein Bewusstsein für die Unterschiede vermitteln. Wie das dann umgesetzt wird, ist den Teilnehmern selbst überlassen", erzählt Antonissen. Das Miteinander entscheide über Erfolg und Misserfolg. Und wenn am Ende das, was trennt, zum gemeinsamen Erfolg führt, also "eins und eins drei ergebe", dann sei das doch super.

Übrigens ...
Jenna Günnewig

Wer an der Grenze aufgewachsen ist, fährt rüber. In die Amsterdamer Museen, am Sonntag zum Shoppen nach Arnheim und auf einen Koffie verkeerd nach Nijmegen. Jahrelange Vorort-Recherche also. Ein Vorurteil hat sich immer wieder bestätigt: Niederländer lieben Haargel.


Stand: 14.11.2012, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (8)

letzter Kommentar: 14.11.2012, 20.23 Uhr

Anonym schrieb am 14.11.2012, 20.23 Uhr:
Ich habe nicht den Eindruck, dass die Niederländer Deutschland als Vorbild sehen. Das verbesserte Image der Deutschen hat meines Erachtens einen eher traurigen Hintergrund: Nach deutscher Einheit, Hartz IV und jahrelangem Lohndumping in Deutschland geht es den niederländischen Nachbarn im Durchschnitt heute wirtschaftlich besser. Für Neid gibt es daher kaum noch einen Grund - daher das entspanntere Verhältnis.
NRW schrieb am 14.11.2012, 18.23 Uhr:
Wer mit Holländern Geschäfte macht, verkauft auch seine Oma. Vorsichtig formuliert, mag ich diese Menschen nicht und die uns erst Recht nicht. Na ja, es kommt die Zeit, in der das Wasser wieder steigt.....
cb schrieb am 14.11.2012, 15.36 Uhr:
Niederländer sind i.d. Regel umgänglicher aber auch keine Übermenschen. Ich komme aus einem Grenzgebiet und dort wird über die "Holländer" gelästert, genau wie die über Deutsche lästern-vorallem, wenns um Fußball geht:-) In meiner Kindheit wurde ich dort von Jugendlichen auch schonmal mit einem Sieg Heil begrüßt. Die Niederländer, die sich bei uns niedergelassen haben, fügen sich in die Dorfgemeinschaft nahtlos ein-anders, als andere Kulturkreise. Im großen und ganzen würde ich aber schon sagen, daß unsere kulturen nicht allzuweit auseinandergehen.
Meisje schrieb am 14.11.2012, 12.27 Uhr:
Ich liebe die Niederländer!!! Die Niederländer sind viel umgänglicher und freundlicher als die Deutschen. Wenn ich könnte, würde ich sofort dorthin auswandern! Durch die Arbeit hier geht das aber leider nicht, denn wer gibt in der heutigen Zeit schon einen sicheren Job auf?
JuPP schrieb am 14.11.2012, 10.22 Uhr:
@Franz....dann gib doch mal bei einer großen, uns allen bekannten, Suchmaschine den Begriff niederländische Sitten ein. Dann erfährst Du schon unter dem ersten Link wissenswertes!

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