Verdienstkreuz für Wolfgang Niedecken Aus Empörung etwas Handfestes machen

Der Kölner Künstler Wolfgang Niedecken ist am Donnerstag (21.02.2013) für sein Engagement in Afrika mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. Von seiner Motivation und seinen Projekten erzählt der Sänger von BAP im Gespräch mit WDR.de.


Seit den 80er Jahren engagiert sich Wolfgang Niedecken für Kinder und Jugendliche in Afrika. Sein besonderer Einsatz gilt dabei Kindersoldaten und zwangsprostituierten Mädchen. Mit WDR.de spricht er über Schicksale dieser Kinder, seine Rolle als Bote der schlechten Nachrichten und das Sicherheitsabkommen mit seiner Frau.

WDR.de: Heute bekommen Sie in Berlin das Verdienstkreuz 1. Klasse. Es ist aber nicht Ihr erstes Bundesverdientskreuz ...


Wolfgang Niedecken: Nein, vor 20 Jahren habe ich es stellvertretend für die "Arsch huh"-Initiative entgegen genommen. Damals hab ich gedacht, ok, ich bin der überregional Bekannteste, dann nehme ich das für "Arsch huh" an. Die Ehrung galt damit natürlich allen "Arsch huh"-Aktiven. Und so ist es auch mit diesem Verdienstkreuz heute. Das steht genauso Manfred Hell und allen Helfern vor Ort in Afrika zu, die dafür gesorgt haben, dass aus unserer Empörung was Handfestes wurde. Ich bin froh, dass wir durch das Bundesverdienstkreuz nun wieder mehr Medienaufmerksamkeit haben, um die Projekte voranzutreiben.

WDR.de: Wie sehr hilft solch eine Auszeichnung beim weiteren Engagement?

Niedecken: Das hilft schon. Afrika ist ja eigentlich ein Weg-Zapp-Thema, bei dem die Leute sagen, "Afrika? Och nee, nicht schon wieder ..." Da muss man erreichen, dass sie einem zuhören. Und wenn sie dann zugehört haben, wissen sie, dass man etwas tun muss und die Umstände nicht unwidersprochen lassen darf.

Man muss sich nur einmal vorstellen, dass das, was in Afrika passiert, würde mit den eigenen Kinder geschehen. Das war für mich genau der Knackpunkt, als ich die Kinder in Uganda gesehen und mir vorgestellt habe, das müssten meine Kinder durchmachen. Als mich ein kleines Mädchen am Arm zog und sagte, "please, Mister, promise not to forget", war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Da konnte ich nicht einfach nach Hause fahren und zum Normalbetrieb zurückkehren.

WDR.de: Und hierzulande bringen Sie das Thema immer wieder neu ins öffentliche Bewusstsein?

Niedecken: Ja, aber dabei muss man auch aufpassen, dass man nicht nur als gutes Gewissen rum rennt und doch niemand etwas tut. Ich versuche auch Hilfe der Politik zu fordern. Schon seit Jahren wird im Ost-Kongo illegal Coltan abgebaut und in der so genannten Ersten Welt werden damit viele Menschen reich. Coltan findet sich in sämtlichen Handys und Spielekonsolen. Wenigstens diese Industrie könnte auch mal versuchen, zu helfen, wenn sie das Zeug schon illegal abbaut. Aber wahrscheinlich bin ich zu naiv - das würde ja an ein Schuldgeständnis grenzen.

WDR.de: Ist es nicht oft deprimierend, dass der hohe Einsatz mit vergleichsweise kleinem Erfolg belohnt wird?

Niedecken: Das ist eben so. Wenn man sich davon ins Bockshorn jagen lässt, muss man gar nicht erst antreten. Ich bin froh über jedes Kind, dem wir ermöglicht haben, zurück ins Leben zu finden. Viele Schicksale sind so unfassbar, dass ich beim Erzählen denke, das kann doch kein Mensch glauben. Von Kindern zum Beispiel, die ihre Eltern umbringen mussten, damit sie niemand mehr hatten, zu dem sie von den Soldaten weglaufen konnten.

Nun ist in Nord-Uganda kein Bürgerkrieg mehr - dafür konzentrieren wir uns mit dem Projekt Rebound II. im Ost-Kongo auf die Hilfe für zwangsprostituierte Mädchen. Das ist bodenlos und da muss man schon Nerven haben, um am Ball zu bleiben. Das ist nicht einfach.

WDR.de: Kann man Kinder und Jugendliche hier bei uns mit diesen Geschichten konfrontieren und ihr Bewusstsein dafür wecken?

Niedecken: Das kann man. Kinder verstehen das ungeheuer schnell und sind sehr empathiefähig.

WDR.de: In den nächsten Monaten sind Sie erst solo und dann mit BAP unterwegs. Was steht für Ihr Afrika-Engagement auf dem Plan?

Niedecken: Ich warte drauf, dass ich wieder nach Afrika kann. Aktuell ist die Sicherheitslage im Ost-Kongo nicht so, dass meine Frau mir das erlauben würde. Wir haben ein Abkommen: Wenn die Hilfsorganisationen Laien von der Reise dorthin abraten, richte ich mich danach. Ich hoffe aber, dass ich noch dieses Jahr hinkomme. Ich möchte ja auch sehen, was wir da tun. Und ich will natürlich auch wieder mit Medien dorthin kommen, die die Botschaft hier weitertragen können. Ich bin ja letztlich derjenige, der die schlechten Nachrichten verbreiten muss - das ist mein Job.

WDR.de: Winken nicht viele bei diesen Nachrichten direkt ab?

Niedecken: Nein, die Leute wissen schon, dass ich mit diesen Themen komme. Ich weiß natürlich auch, dass ich in viele Fernsehsendungen nicht mehr eingeladen werde, weil ich immer damit anfange. Auf der anderen Seite muss ich mich auf etwas Wesentliches konzentrieren. Ich werde für alle möglichen Projekte und Aktionen angefragt, für die ich mich in die Bresche werfen soll. Aber damit habe ich vor sieben, acht Jahren aufgehört. Ich will mich der Arbeit in Afrika widmen, und den Einsatz nicht inflationieren. Sonst haben die Leute doch irgendwann den Eindruck, "wat hat er denn jetzt schon wieder?"

"Arsch huh" im letzten Jahr war eine Ausnahme. Zum 20-jährigen Jubiläum konnte ich nicht sagen, das mach' ich nicht, ich konzentrier mich auf Afrika. Das wäre nicht gut gewesen. Aber ansonsten lasse ich mich nicht mehr zu jedem Thema abfragen.

WDR.de: Was passiert bei der Ordensverleihung? Wird man vorher vom Protokoll informiert, was man zu tun und zu lassen hat?

Niedecken: Da kümmert sich unser Mitarbeiter Didi drum. Es wird ein kleines Musikprogramm geben. Ich hab gehört, Clueso würde mir ein Ständchen spielen. Ich soll ja auch überrascht werden. So weit ich weiß werden auch unsere Geigerin Anne de Wolff und unser Keyboarder Michael Nass was spielen. Und Anne Will wird ein kleines Gespräch zum Thema mit mir führen. Jo, es wird ein ziemlicher Auftrieb, glaube ich. Ich freue mich drauf.

Das Gespräch führte Vera Kettenbach

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Manfred Hell

Manfred Hell ist Unternehmer und Sportfunktionär. Bis 2011 war Hell rund 17 Jahre lang Geschäftsführer des Outdoor-Unternehmens Jack Wolfskin. Gemeinsam mit dem Kinderhilfswerk World Vision und dem Kölner Künstler Wolfgang Niedecken gründete Hell das Kinderschutzprojekt Rebound zur Hilfe für Kindersoldaten in Uganda.


Stand: 21.02.2013, 16.24 Uhr


Kommentare zum Thema (14)

letzter Kommentar: 25.02.2013, 13.02 Uhr

bundesverdienst schrieb am 25.02.2013, 13.02 Uhr:
Man kann auch im eigenen Land etwas Gutes tun,aber Afrika sieht schöner aus!
RechtsDaumenLinks schrieb am 22.02.2013, 02.20 Uhr:
Hab meinen Kommentar noch einmal gelesen und dort nirgendwo einen Bezug direkt auf Herr Niedecken gefunden. Er(also der Kommentar) bezog sich generell auf Prominente und Ehrungen die diesen Zuteil werden. Leider gab es keinen anderen Artikel wo man entsprechend dazu hätte kommentieren können. Man könnte auch sagen Heer Niedecken befand sich zur falschen Zeit am falschen Ort :-)
Anonym schrieb am 21.02.2013, 19.40 Uhr:
Ich sage Gratulation. Herr Niedecken war erst kürzlich schwer krank.Er ist als Kind sogar von Mißbrauchserfahrungen nicht verschont geblieben. Daher kann er Beispiel und Hoffnungsträger für viele sein. Und zeigen dass Erfolg im Leben trotzdem möglich ist und Anerkennung ebenfalls. Und sein soziales Engagement ist bekannt und hervorragend. Längst nicht alle vom Erfolg verwöhnten denken auch nur ansatzweise so. Daher wie oben schon erwähnt Gratulation.
WDR.de schrieb am 21.02.2013, 20.26 Uhr:
- Kommentar wurde entfernt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Argumenten zum Thema des Artikels bei.
klaus schrieb am 21.02.2013, 16.47 Uhr:
Musikalisch scheint ja eher Heino die Nase vorn zu haben, schön er so wenigstens nochmal erwähnt wird.

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