Interview zum braunen Erbe "Wir werden mit NS-Propaganda bombardiert"

Hitlers "Mein Kampf" darf weiterhin nicht gedruckt werden. Sogar eine geplante Ausgabe mit kritischen Kommentaren bleibt umstritten. Der Bochumer Historiker Constantin Goschler hält das Verbot angesichts der Verbreitung im Internet für überholt.


Unlesbar gemachte Stellen in "Mein Kampf"-Beilage
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Unlesbar gemachte Stellen in einer Ausgabe von "Mein Kampf"

In Aachen diskutieren Historiker und Medienexperten noch bis Freitag (30.11.2012) auf einer Tagung über die Frage, ob bestimmtes Nazi-Propagandamaterial weiterhin verboten bleiben soll. Adolf Hitlers "Mein Kampf" darf zurzeit deshalb nicht verbreitet werden, weil der Freistaat Bayern die Urheberrechte daran hält. Sie enden jedoch mit dem Jahr 2015, weil dann seit Hitlers Tod 70 Jahre vergangen sind. Deshalb läuft zurzeit eine Diskussion darüber, wie es danach mit dem Buch weitergehen soll. Das Institut für Zeitgeschichte in München arbeitet an einer kommentierten Ausgabe, doch auch daran gibt es Kritik. Das Argument lautet, dass Hitlers Hasstiraden auch mit einem kritischen Begleittext letztlich weiter verbreitet würden.

WDR.de: Herr Goschler, soll Adolf Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" freigegeben werden?

Constantin Goschler: Ja, das Verbot mag vor längerer Zeit mal durchaus sinnvoll gewesen sein. Mittlerweile ist es ohnehin überhaupt kein Problem mehr, Zugriff auf diesen Text zu bekommen. Früher musste man ein Exemplar in Antiquariaten teuer erstehen, heutzutage kann das Buch im Internet gelesen werden. In vielen Ländern kann man "Mein Kampf" ganz legal kaufen. In Deutschland sollte das auch möglich sein. Wobei dies nicht als Schlussstrich verstanden werden darf.

WDR.de: Ist "Mein Kampf" durch die Downloads im Netz bereits entmystifiziert worden?

Goschler: Sicher, das Geheimnis um dieses Buch besteht nicht mehr. Wer es lesen will, kann es im Internet finden. Die Aura des Werks würde wahrscheinlich weiter trivialisiert durch eine legalisierte Buchveröffentlichung.

Constantin Goschler

Der Historiker Constantin Goschler ist Inhaber des Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Der Zeithistoriker hat unter anderem über "Public History. Öffentliche Darstellungen des Nationalsozialismus jenseits der Geschichtswissenschaft" geforscht.

WDR.de: Wie sollte man mit Nazi-Propagandafilmen verfahren, die ja auch noch auf der Giftliste stehen und nicht verbreitet werden dürfen?

Goschler: Diese Filme sind ohnehin verbreitet, wiederum durch das Internet. Ich habe auf obskuren Internetseiten alle Formen von Nazi-Broschüren und – filmen gefunden. Es kann nicht darum gehen, diese Medien sinnloserweise zu verbergen, sondern den Umgang damit zu schulen. Die Kompetenz beim Thema Nationalsozialismus muss besser werden.

WDR.de: Hilft das bei antisemitischen Hetzfilmen wie "Der ewige Jude"?


Constantin Goschler
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Historiker Goschler

Goschler: Auch für diesen Film gilt: Er ist leicht zugänglich, es hat also keinen Zweck mehr, diesen Hetzstreifen zu zensieren. Zugleich hat dieser Film eine gewisse suggestive Wucht, die auch durch volkspädagogische Kommentare nicht gebrochen wird. Ich kann mir vorstellen, dass sich manche Leute von solchen Filmen beeindrucken lassen – im Gegensatz zu „Mein Kampf“, das eher Langeweile bei vielen Lesern auslösen dürfte. Es gibt keine einfache Lösung. Letztlich hilft in einer Demokratie nur mehr Medienkompetenz.

WDR.de: Wie sehen Sie die Präsenz von Nazi-Filmaufnahmen im Fernsehen?

Goschler: Wir werden leider in den Medien mit Nazi-Propaganda bombardiert. Die Wirkungsabsicht dieser Bilder kann nicht einfach durch einen distanzierten Off-Kommentar gebrochen werden. Medienmacher sollten viel vorsichtiger beim Einsatz dieser Bilder sein. Im Grunde sind alle Filmaufnahmen und Fotos von Adolf Hitler Nazi-Propaganda.

Das Interview führte Martin Teigeler.


Stand: 29.11.2012, 16.30 Uhr


Kommentare zum Thema (11)

letzter Kommentar: 30.11.2012, 20:00 Uhr

Bert Brech schrieb am 30.11.2012, 20:00 Uhr:
@ der marc: Aus der Tatsache heraus, dass der (internationale) Sozialismus gemeinsam mit dem Kapitalismus des Westens den deutschen Nationalsozialismus gewaltsam vernichteten, kann kein abschliessendes Urteil ueber "was waere wenn" gefunden werden. Fakt ist, dass der Sozialismus an seinen eigenen Widerspruechen implodierte, waehrend der Kapitalismus dabei ist, an der Gier seines eigenen internationalen Finanzxxxxxtums zu ersticken. Es ist fuer die bundesdeutschen Satrapen der international Maechtigen eine mehr als unangenehme Tatsache, dass, nicht nur in "Mein Kampf", sondern auch in vielen anderen Publikationen und Filmen aus der Zeit vor und waehrend des III. Reiches, warnend auf unsere gegenwaertige "ist"- Situation hingewiesen wird. "Der Untergang des Abendlandes" von Oswald Spengler aus den 20ern z.B., ist ein sehr gutes Beispiel fuer eine Zukunftsdeutung von damals, welche fast zu 100% eingetroffen ist.
der_marc schrieb am 30.11.2012, 19:32 Uhr:
@Bert Brech: Genau darauf wollte ich anspielen. Es scheinen sich einerseits einige "Horrorszenarien" aus besagtem Buch zu bewahrheiten, andererseits sehen wir fast täglich, wie Politiker die Lust an Demokratie verlieren und sich selbst abschaffen. Wie in Weimar. Wenn ich bedenke, dass sogar ein Theodor Heuss wegen des Fraktionszwangs für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Heute gibt es eben den ESM usw. Es sind so viele Parallelen, dass einem Angst und Bange wird. Stelle ich mir heute die Frage: "Kann das alles wieder passieren?" - muss ich sagen - wenn es so weiter geht - "Ja!"
Bert Brech schrieb am 30.11.2012, 18:57 Uhr:
@ der marc 2: Besonders, wenn man sich des ethnischen Hintergrundes dieser Leute bewusst wird... @ Knolli: DU bist der beste Beweis dafuer, dass man nach 60 Jahren Gehirnwaesche auch MIT Schere im Kopf weiter existieren kann. Herzlichen Glueckwunsch.
Am Vormittag schrieb am 30.11.2012, 11:32 Uhr:
Der Inhalt dieses Buches wurde in der damaligen schweren Zeit von der breiten Masse nicht besonders beachtet. Die Erstauflage verkaufte sich schlecht. Als Geschenk des Staates an frisch Vermählte usw., musste es verbreitet werden. Nein, für die Stimmung in der Bevölkerung sorgten Zeitungsschreiberlinge und die alleswissenden Karrieristen, wie zu allesbesserwissenden Zeiten kein Blatt Papier zwischen Machthabern und Entmachteten Platz zu haben scheint. Ansonsten wird gemunkelt, dass die Soldateska der sog. Weimarer Republik auf ihre Weise aggressive Pläne entwickelte, für die ein sog. ,,Durchreißer'' noch willkommen erschien. Das Argument mit unseren Dichtern und Denkern stößt an Grenzen wenn man weiß, dass zu Goethes Zeiten noch ein gerichtliches Todesurteil durch Rädern verhängt werden durfte. Es ist aber nicht nur unser eigenes Volk, das Dicher und Denker in ihren Herzen und auf Sockeln erhebt, auf denen vermeintliche Sieger verlorener Schlachten nicht mehr gehören. - Straßennamen.
der_marc schrieb am 30.11.2012, 09:55 Uhr:
(Teil 2) Gleichzeitig ist es erschreckend: Bei der Lektüre von "Mein Kampf" kommt es angesichts der Euro-Krise zu dauernden deja-vu-Erlebnissen. Es ist schon interessant, dass nach Greenspan ein Herr Bernanke die Geldpolitik bestimmt. Ein Herr Geithner fährt an den Urlaubsort des deutschen Finanzministers, um in unter Druck zu setzen, der EZB-Präsident Draghi ist Söldner von Goldman-Sachs, Juncker war Jesuitenschüler und aus der zusammengebrochenen Sowjetunion wachsen Beresowski, Chodorowski, Abrahmowitsch etc. hervor. Man reibt sich verwundert die Augen und bekommt ein sehr flaues Gefühl in der Magengegend.

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