NRW-Staatspreis für Monika Hauser "Feministische Arbeit wird selten gewürdigt"

Die Menschenrechtsaktivistin und Frauenärztin Monika Hauser aus Köln erhält im November den NRW-Staatspreis. WDR.de hat mit der 53-jährigen Gründerin der Frauenhilfsorganisation "medica mondiale" über ihr unermüdliches Engagement für Frauen in Krisengebieten gesprochen.


Ärztin Monika Hauser sitzt in ihrem Büro
Bild 1 vergrößern +

Die Kölner Ärztin Monika Hauser soll den Staatspreis des Landes NRW erhalten

Seit über zwanzig Jahren engagiert sich Monika Hauser mit ihrer Organisation "medica mondiale" für vergewaltigte und traumatisierte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten. In Ländern wie Bosnien, Afghanistan und Liberia unterstützt die Organisation die vom Krieg traumatisierten Frauen medizinisch, psychologisch und juristisch. Am 19. November soll Hauser in Düsseldorf mit dem NRW-Staatspreis ausgezeichnet werden, der mit 25.000 Euro dotiert ist. Die 53-Jährige hat bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 2008 den Alternativen Nobelpreis.

WDR.de: Wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, dass Sie in diesem Jahr den NRW-Staatspreis – die höchste Auszeichnung des Landes NRW - bekommen?

Monika Hauser: Als mich Frau Kraft vor circa vier Wochen angerufen hat, hab ich mich natürlich sehr darüber gefreut. Für uns und für mich ist ein solcher Preis nach zwanzig Jahren Arbeit eine tolle Anerkennung. Feministische Arbeit ist etwas, was sonst nicht unbedingt sehr gewürdigt wird. Daher ist ein Preis eine Anerkennung, die ich auch gerne mit den Kolleginnen von "medica mondiale" sowie den Kolleginnen in den Ländern, in denen wir arbeiten, teile. Und ich freue mich auch besonders, den Preis von einer Regierung zu bekommen, die von zwei Frauen angeführt wird.

WDR.de: Was bedeutet dieser Preis für Sie und Ihre Arbeit?

Hauser: Neben der Anerkennung ist es natürlich für uns eine Möglichkeit, vermehrt Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Denn es ist leider so, dass sich die Medien in erster Linie für uns interessieren, wenn gerade ein Krieg im Gange ist, oder man von einer Massenvergewaltigung hört oder – wie jetzt ins Positive gewendet – von einem solchen Preis. Dazwischen ist Dürre, da ist es schwierig, dieses auch in Deutschland gesellschaftlich schwierige Thema regelmäßig zu platzieren. Ein solcher Preis ist hilfreich für uns, um weiter Aufklärung zu betreiben und Aufmerksamkeit zu generieren.

WDR.de: Sie haben schon diverse Preise erhalten, unter anderem den Alternativen Nobelpreis. Welche Relevanz hat da ein NRW-Staatspreis für Sie?

Hauser: Natürlich hat der eine Relevanz: Wir leben in einem Bundesland mit 18 Millionen Einwohnern. Und auch hier herrschen gesellschaftliche Verhältnisse, wo wir noch nicht von Geschlechtergerechtigkeit sprechen können, wo Gewalt gegen Frauen und Mädchen ein großes Thema ist. Auch hier werden Frauen, die vergewaltigt wurden, isoliert und stigmatisiert.

WDR.de: "Sie hat vielen Frauen, die Entsetzliches erlebt haben, neuen Lebensmut gegeben", hat Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) in ihrer Begründung gesagt. Woher kommt Ihre Passion, sich für traumatisierte Frauen einzusetzen? Was treibt Sie an?

Hauser: Für andere Verhältnisse zu sorgen, Gerechtigkeit für Frauen zu fordern, das ist eigentlich mein Lebensthema. Solange ich denken kann, hat mich das immer schon berührt. Schon als ganz junge Ärztin habe ich in Kliniken erlebt, wie eben auch hierzulande Frauen mit Gewalt klarkommen müssen. Und ich habe von Chefs oder Kollegen ganz klaren Widerstand erfahren, dass ich dieses Thema nicht auf die Tagesagenda bringen soll. Weil die Frauen mit diesem Thema alleine gelassen wurden, habe ich angefangen, interdisziplinäre Projekte zu organisieren, um die Frauen adäquat zu unterstützen. Daraus entstand dann der Wunsch, das Ganze auch politisch zu machen: Dass nicht nur die Gewalt gegen Frauen so massiv ist, sondern dass eben auch die männlich dominierte Gesellschaft nicht darüber sprechen möchte.

WDR.de: Wo liegen derzeit die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Hauser: Wir unterstützen nach wie vor unsere Kolleginnen in Afghanistan, wo wir seit zehn Jahren an drei Standorten den Frauen psychosoziale Begleitung anbieten und medizinisches Personal vor Ort fortbilden. Vor allem aber unterstützen wir auch die Frauen juristisch, die wegen so genannter "moralischer Verbrechen" in die afghanischen Gefängnisse kommen. Wenn zum Beispiel ein zehnjähriges Mädchen von zu Hause wegläuft, weil sie einen 50-Jährigen nicht heiraten will, wird sie von der Polizei ins Gefängnis gebracht und weiß nicht, wie ihr Leben weiter geht. Die von uns fortgebildeten, afghanischen Anwältinnen konnten in den letzten zehn Jahren über 2.000 Frauen freibekommen. Zusätzlich machen wir hier in Deutschland politische Menschenrechtsarbeit, auch mit der Bundesregierung.

WDR.de: Wo soll es in Zukunft hingehen?

Hauser: Als Nächstes wollen wir ein großes Projekt in Liberia weiter unterstützen, was wir seit fünf Jahren dort in Kooperation mit der KfW und der Deutschen Welthungerhilfe betreiben. In Liberia sind 80 Prozent der Frauen in den Kriegsjahren vergewaltigt worden. Zusätzlich wollen wir uns um die Region der großen Seen kümmern, also Kongo, Uganda, Burundi, Ruanda – sowohl fachlich als auch finanziell. Und wir wollen auch in Brüssel vor dem Menschenrechtsrat das Thema Vergewaltigung und ihre Folgen immer wieder ansprechen.

Das Interview führte Julia Trahms


Stand: 25.10.2012, 15.46 Uhr


Kommentare zum Thema (6)

letzter Kommentar: 27.10.2012, 21:18 Uhr

Kölner schrieb am 27.10.2012, 21:18 Uhr:
Herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis. Frau Dr. Monika Hauser ich ziehe meinen Hut vor Ihrer Arbeit. Respektvoll möchte ich noch hinzufügen, dass Sie wunderschöne Augenbrauen haben.
MM schrieb am 26.10.2012, 12:15 Uhr:
@ andrea: ...das tut medica mondiale, zum Beispiel mit einer Fortbildung zum Umgang mit den Folgen von Kriegsgewalt und Traumatisierung. Denn auch in Deutschland leben kriegstraumatisierte Mädchen und Frauen aus Kriegs- und Krisenregionen, die hier professionelle Unterstützung brauchen. Zudem betreibt medica mondiale hier und international politische Lobbyarbeit zur Anerkennung der Opfer von Kriegsvergewaltigungen. Das zentrale Thema von medica mondiale ist nunmal Kriegsgewalt gegen Frauen. Mehr dazu erfahren Sie auf den Internetseiten der Organisation.
andrea schrieb am 26.10.2012, 11:56 Uhr:
Warum engagiert sich die Frau nicht im eigenen Land? Gibt es hier keine unterstützungswürdigen Frauen?
MM schrieb am 26.10.2012, 10:16 Uhr:
Ganz herzlichen Glückwunsch an Monika Hauser und ihre Kolleginnen hier und in den Projektregionen!! Sie leisten eine sehr wertvolle, gefährliche und in der Regel wenig gewürdigte Arbeit! Denn auch in Deutschland werden feministische Projekte und Institutionen von Vielen in Frage gestellt, belächelt oder sogar aggressiv angegangen. Gerade deshalb ist es so wichtig, Anlaufstellen zu schaffen, in denen Frauen und Mädchen verlässlich und nachhaltig Hilfe und Unterstützung bekommen können. Und in denen sie nicht nur als Opfer gesehen werden, sondern vorrangig als starke Persönlichkeiten, die ein Recht darauf haben, ihr Leben selbst zu gestalten! Herzlichen Dank an Monika Hauser und das Team von medica mondiale. Ich wünsche viel Kraft für die weitere Arbeit!
Kölnerin schrieb am 26.10.2012, 10:03 Uhr:
Glückwunsch zu diesem Preis. Frau Dr. Hauser und Medica Mondiale haben jede Unterstützung verdient. Öffentliche Anerkennung dieser unermüdlichen Arbeit für Frauen halte ich für sehr wichtig.

Alle Kommentare anzeigen



Kulturnachrichten

  • Göttinger Unibibliothek gibt NS-Raubgut zurück

    Die Göttinger Universitätsbibliothek hat NS-Raubgut nach Frankreich zurückgegeben. Dabei handelt es sich um drei Bände zur Kunstgeschichte in Indien und Siam sowie um mehr als 4.000 Landkarten. Bereits im Februar hatte die Universitätsbibliothek 38 Bücher an die polnische Stadt Posen zurückgegeben. Insgesamt haben Wissenschaftler in einem Forschungsprojekt rund 1.100 Bücher aus dem Göttinger Bestand als eindeutige oder verdächtige NS-Raubgutfälle identifiziert. Im Dritten Reich waren neben Kunstwerken auch Bücher in großem Umfang beschlagnahmt und geraubt worden.

  • Höhlenmalereien im Norden Mexikos entdeckt

    Forscher haben im Nordosten Mexikos fast 5.000 gut erhaltene Höhlenmalereien entdeckt. Dargestellt sind unter anderem Menschen, Hirsche, Eidechsen und Tausendfüßler. Nach Auffassung der leitenden Archäologin Martha García Sánchez belegt der Fund, dass in der Region drei Jäger- und Sammlerkulturen aus der Zeit vor der spanischen Eroberung gelebt haben müssen. Sie hätten sich offenbar 200 Jahre lang der spanischen Kontrolle entzogen.

  • Deutsche Theaterlandschaft als Weltkulturerbe

    Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft soll nach dem Willen des Deutsche Bühnenvereins zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt werden. Der Präsident des Bühnenvereins, Klaus Zehelein, sagte in einem Zeitungsinterview, eine Anerkennung von der UNESCO als Weltkulturerbe werde zwar keinen zusätzlichen Cent in die Kassen spülen. Die Aufmerksamkeit gegenüber der Theaterlandschaft werde aber dann eine andere sein. In Kiel treffen sich die Intendanten und Direktoren der deutschen Theater und Orchester zur Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins.

  • Nike Wagner wird neue Intendantin des Beethovenfestes

    Nike Wagner wird neue Intendantin des Bonner Beethovenfestes. Der Rat der Stadt wählte die Urenkelin von Richard Wagner einstimmig auf den Leitungsposten des Musikfestivals. Nike Wagner folgt auf die scheidende Intendantin Ilona Schmiel, die an die Tonhalle Zürich wechselt. Wagner tritt ihr Amt zu Beginn des kommenden Jahres an. Bekannt wurde die 1945 in Bayreuth geborene Kulturwissenschaftlerin unter anderem durch die kritische Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte. Nike Wagner leitet seit 2004 das Kunstfest "Pèlerinages" in Weimar.

  • Streichquartett des 14-jährigen Max Bruch entdeckt

    Eine Frankfurter Wissenschaftlerin hat ein verschollen geglaubtes Streichquartett von Max Bruch entdeckt. Der Komponist war 14 Jahre alt, als er sich damit 1852 um ein Stipendium der Frankfurter Mozart-Stiftung bewarb. Er gewann mit dem Streichquartett ein Vierjahres-Stipendium. Die Musikwissenschaftlerin Ulrike Kienzle fand die Handschrift bei Recherchen über die Geschichte der Mozart-Stiftung und ihrer Stipendiaten.

  • Emscherkunst-Projekt erhält UNESCO-Auszeichnung

    Die Freiluftausstellung Emscherkunst ist von der UNESCO als Beitrag zur UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgezeichnet worden. Das teilten die Veranstalter des Projektes in Essen mit. Premiere hatte die Emscherkunst im Kulturhauptstadtjahr 2010. Mit der Ausstellung sollte der Umbau des Abwasserflusses Emscher hin zu einer natürlichen Flusslandschaft künstlerisch begleitet werden. Ab dem 22. Juni folgt für genau 100 Tage eine Neuauflage des Kunstprojektes. Herzstück der Ausstellungsfläche ist wieder die Emscherinsel zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal.

  • Europaparlament: Kultur aus Freihandel mit USA ausnehmen

    Das Europaparlament hat sich dafür ausgesprochen, die Kultur aus dem geplanten Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA auszuklammern. Das Straßburger Plenum verlangte in einer Entschließung, dass die "kulturelle und sprachliche Vielfalt Europas" gewahrt bleiben müsse. Kulturschaffende fürchten, dass im Zuge einer Liberalisierung Möglichkeiten wegfallen könnten, Filme und andere Kulturgüter öffentlich zu fördern. Die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und den USA sollen im Sommer beginnen.

  • Fotografin Leibovitz erhält Prinz-von-Asturien-Preis

    Die amerikanische Fotografin Annie Leibovitz erhält den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Kommunikation und Humanwissenschaften. Zur Begründung hieß es, Leibovitz habe den internationalen Fotojournalismus dynamisiert. Der Prinz-von-Asturien-Preis gilt als die "spanische Version des Nobelpreises". Er wird alljährlich in acht Sparten vergeben und ist mit jeweils 50.000 Euro dotiert. Die Auszeichnungen werden den Preisträgern im Oktober vom spanischen Kronprinzen Felipe überreicht.

  • UNESCO Deutschland sorgt sich um kulturelle Vielfalt in der EU

    Die Deutsche UNESCO-Kommission sorgt sich um die kulturelle Vielfalt in der Europäischen Union. Anlass dafür ist das zwischen der EU und den USA geplante Freihandelsabkommen. Dieses Abkommen dürfe nicht zu einem Verbot öffentlicher Förderung von Kultur, Wissenschaft, Bildung und Medien führen, heißt es in einer Erklärung der deutschen Sektion der Weltkulturorganisation UNESCO. Vergangene Woche hatte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels erklärt, er sorge sich mit Blick auf das Freihandelsabkommen um die Buchpreisbindung in Deutschland. Der Verband forderte die Bundesregierung auf, der EU-Kommission nur dann ein Verhandlungsmandat für das Abkommen zu erteilen, wenn der Kultur- und Mediensektor ausgenommen werde.

  • Georges Moustaki ist tot

    Der französische Sänger und Komponist Georges Moustaki ist tot. Der Chansonnier starb am Donnerstagmorgen im Alter von 79 Jahren. Moustaki wurde als Sohn jüdisch-griechischer Eltern in Ägypten geboren. 1951 ging er nach Paris, wo er den Chansonnier Georges Brassens kennenlernte. Brassens ermutigte ihn, sich für eine Karriere als Musiker zu entscheiden. Moustaki schrieb rund 300 Chansons für Interpreten wie Edith Piaf, Yves Montand und Juliette Gréco. Zu seinen bekanntesten Kompositionen zählt der 1958 für Edith Piaf geschriebene Titel "Milord". Später sang er seine Lieder auch selbst. Vor zwei Jahren hatte Moustaki von unheilbaren Atemproblemen berichtet, die ihm das Singen unmöglich machten.

  • Schauspiel Düsseldorf stoppt Stück über RAF-Mord

    Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat ein Stück des chilenischen Autors Guillermo Calderón vom Spielplan gestrichen. Das Stück mit dem Titel "Schuss" sollte im März 2014 uraufgeführt werden. Calderón wollte darin auch auf die Ermordung von Detlev Karsten Rohwedder eingehen. Der Vorsitzende der Treuhandanstalt war 1991 erschossen worden, am Tatort lag ein Bekennerschreiben der RAF. Nachdem die Witwe Rowedders gegen die Pläne des Düsseldorfer Schauspielhauses intervenierte, will Intendant Manfred Weber nun Calderón mit einem Stück zu einem anderen Thema beauftragen.