Start der bisher größten Litcologne Lesen und gelesen werden

Von Fabian Wahl

Seit Mittwoch (06.03.2013) ist Köln zum 13. Mal Schauplatz des größten Literaturfestivals Europas. Elf Tage lang tummeln sich Bestseller-Autoren und Literaturpreisträger auf mehr als 200 Veranstaltungen. Die Höhepunkte markieren aber keine Literaten, sondern Politiker a.D.


Montage: Buchseiten, lit.Cologne Logo
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2013: Bislang größte Litcologne

Mit dem letzten sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow und dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan kommen diesmal zwei wahre Politgrößen an den Rhein. Beide stellen erstmals ihre druckfrischen Autobiografien in Deutschland vor. "Das sind zwei herausragende Namen", schwärmt Rainer Osnowski, einer der Litcologne-Geschäftsführer im Gespräch mit WDR.de. Gorbatschows Buch erscheint erst am Tag nach seiner Lesung. Annans Werk steht am Tag seines Auftritts erst sechs Tage in der Buchhandlung.


Der Abend mit Gorbatschow wird vom früheren WDR-Intendanten Fritz Pleitgen moderiert. Bei Annan sitzt Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) mit auf dem Podium. Längst sind die Karten vergriffen. "Es hat etwa drei bis vier Stunden gedauert", sagt Osnowski. "Für Annan hätten wir 2.000 Tickets verkaufen können." Bei beiden Events sind mehr als 1.000 Zuhörer dabei.

Wie Berlinale - nur mit Büchern?

Es ist die größte Litcologne aller Zeiten. Auf dem Programm stehen 206 Lesungen, Podiumsdiskussionen und literarische Experimente. So viele Veranstaltungen - die Hälfte ist für Kinder - hat es bisher noch nie gegeben. Verliert das Literaturfestival durch die Größe nicht an Charme? Osnowski wiegelt ab. "Wir waren nie ein kleines Literaturfest", sagt er. "Wir wollten immer zeigen, dass es auch im Literaturbereich ein großes und glamouröses Festival geben kann wie etwa die Berlinale beim Film." Das jüngste Wachstum sei vor allem auf zusätzliche Lesungen für Schulklassen zurückzuführen.


Erstmals soll die Besuchermarke von 90.000 gerissen werden. 91 Prozent der Tickets seien schon vor dem Start der 13. Auflage verkauft, berichtet Osnowski. WDR-Literaturredakteurin Simone Thielmann sagt: "Die Litcologne ist ein Schwergewicht geworden." Seit seiner Gründung habe das Festival deutlich an Relevanz gewonnen, sagt die Hörfunkjournalistin. Die Macher könnten sich inzwischen die Teilnehmer aussuchen. Selbst Rainald Goetz ("Johann Holtrop"), der die Öffentlichkeit partout meide, sei in diesem Jahr dabei.

Von Martin Walser bis Julian Barnes

Tatsächlich ist die Liste der bekannten Namen lang. Buchpreisträgerin Ursula Krechel stellt ihr prämiertes Werk "Landgericht" vor. Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat sich ebenso angekündigt wie Altmeister Martin Walser. Dazu kommen internationale Bestsellerautoren wie Julian Barnes, Amos Oz und David Mitchell. Schriftsteller Navid Kermani, der im November 2012 für sein literarisches und essayistisches Werk mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde, liest aus seinem Reportageband und steht ein anderes Mal als Moderator auf der Bühne.


Einen handfesten Literaturskandal, der Debatten auslösen könnte, gibt es derzeit aber nicht. Im Vorfeld der vergangenen Litcologne sorgte der Schweizer Christian Kracht mit "Imperium" für Furore, für das ihm vom "Spiegel" eine rassistische Weltsicht unterstellt worden war. Bei der Kracht-Lesung erwarteten dann viele Zuhörer einen Kommentar des Autors. Doch Kracht kam, las und schwieg.

Von Blamagen und Niederlagen

Neben den üblichen Lesungen wird bei der diesjährigen Litcologne auch einiges ausprobiert. Eine Abendvorstellung befasst sich mit den Blamagen der Schriftsteller. Die Weltliteratur sei voll von gigantischen Dummheiten, erbärmlichen Liebesgeständnissen und verzweifelter Suche nach dem anständigen Benehmen, heißt es im Programmheft. Bei der Zeitreise geben Schauspieler wie Senta Berger und Bjarne Mädel ("Der Tatortreiniger") literarische Ausrutscher, Outings und Skandale von Autoren wie Heinrich Heine, Dorothy Parker und David Sedaris zum Besten.

In eine ähnliche Richtung geht "Der große Abend der Niederlage" mit Roger Willemsen, Jürgen Tarrach und Carolyn Breuer. In der Ankündigung heißt es: "Die Geschichte wird aus dem Blickwinkel von Siegern geschrieben. Den Verlierern bleibt die Literaturgeschichte."

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Die Litcologne

Die Litcologne feierte im Jahr 2001 Premiere und hat sich seitdem als größtes europäisches Literaturfestival etabliert. Jedes Jahr lockt die Lesereihe Bestsellerautoren aus der ganzen Welt in die Domstadt. Nicht nur Autoren kommen zu Wort: Häufig stehen auch Schauspieler und andere Prominente auf der Bühne, um bekannten oder noch unbekannten Texten ihre Stimme zu leihen.

Organisiert wird das Festival von Privatpersonen und literaturbegeisterten Kölnern. Bis heute kommt das Event ohne direkte öffentliche Subventionen aus, ist also privat finanziert. Das Budget von rund einer Million Euro stammt aus Eintritts- und Sponsorengeldern. In den ersten Jahren waren für das Literaturspektakel nur fünf Tage angesetzt, seit 2007 sind es elf.

Die klassischen Lesungen werden um Diskussionen, Gespräche, Schauspiel und Kabarett ergänzt. Schauplätze sind Theater, Schiffe, der Zoo und auch das Polizeipräsidium. 2013 sind ein Viertel der Veranstaltungen barrierefrei. Nach Angaben der Veranstalter wurde erstmals die Marke von 90.000 Besuchern überschritten.


Stand: 06.03.2013, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 07.03.2013, 11.15 Uhr

WDR.de schrieb am 07.03.2013, 11.15 Uhr:
@Anna G.: Im "WDR 5 Literatur-Sommer" werden wieder zahlreiche Mitschnitte von Veranstaltungen der Lit.Cologne gesendet. Die Sendetermine werden ab Mai unter WDR5.de zu finden sein. Viele Grüße WDR.de
Anna G. schrieb am 07.03.2013, 08.31 Uhr:
Lieber WDR, könntet ihr nicht eine Programmübersicht ins Internet stellen, welche Lesungen bei euch im Radio zu hören sind? Das wäre super! Viele Grüße Anna