Erste Kulturkonferenz Ruhr: Wie viel Kultur braucht die Region?
Die Zukunftsperspektiven für das Ruhrgebiet standen bei der ersten Kulturkonferenz Ruhr in Essen zur Diskussion. Die Premiere begann mit einem verbalen Paukenschlag. Mutig hatten die Macher einen Redner eingeladen, der den Kulturpalästen gerne den Krieg erklärt.

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Rund 450 Teilnehmer kamen zur ersten Kulturkonferenz Ruhr auf Zollverein
Was hat sich nach dem Kulturhauptstadtjahr 2010 im Ruhrgebiet getan? Wie nachhaltig war das große Kulturspektakel? Wie könnte Nachhaltigkeit in Sachen Kultur aussehen? Fragen, die die erste Kulturkonferenz Ruhr beantworten sollte. Rund 450 Kulturschaffende, Theaterdirektoren, Politiker, Stadtplaner und Touristiker hatten der Regionalverband Ruhr und das Kulturministerium NRW zur Diskussion geladen. Sie wollten sprechen über eine "Nachhaltigkeits-Architektur", über gelungene Kooperationen, aber auch über das, was möglicherweise schief läuft in der ehemaligen Kulturhauptstadt.
"Gebaute Kultur hat Maximum erreicht"

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Kritischer Redner: Der schweizer Autor Pius Knüsel
"Wandel durch Kultur" hieß das Motto der Kulturhauptstadt damals. Doch der erste Redner des Tages forderte provokativ einen ganz anderen Wandel ein. Der Schweizer Autor Pius Knüsel hat mit seinem Buch "Der Kulturinfarkt" ein streitbares Manifest geschrieben und damit ein Tabu gebrochen. Seine Kritik zielt vor allem auf feste Kulturinstitutionen. Die These: Es gibt von allem zu viel und überall das Gleiche. "Gebaute Kultur hat eine bestimmte Reichweite und darüber kommt sie nicht heraus." Museen, Konzerthäuser oder Theater hätten ihr Maximum erreicht. Wer noch mehr baue, erreiche damit auch nicht mehr Menschen - zumal sich nachfolgende Generationen eh längst für andere Medien interessierten. Deshalb falle es auch so schwer, junge Leute in Museen oder Theater zu kriegen.
Knüsels Vorschlag: "Den institutionellen Sektor langfristig um die Hälfte zurückbauen, eine Qualitätsoffensive im informellen Sektor lancieren und lieber nach neuen Formen suchen, die Menschen bewegen." Auch Richtung Kulturpolitik trat Knüsel genüsslich nach: "Ein tolles neues Museum zu bestellen, gilt als Akt der Größe. Man hat ein Zeichen gesetzt gegen die Konsumgesellschaft und ihre Verflachung. Ob es aber einen wirklichen Bedarf gibt, zählt vorerst nicht. Kosten spielen keine Rolle." Die Allgemeinheit käme schließlich auf. Knüsel forderte stattdessen viele Kulturen für viele statt eine Kultur für alle.
"Wozu diese Erinnerungskultur?"
Und dann knöpfte sich der Schweizer gleich noch die Kulturhauptstadt vor. "Glauben Sie wirklich, das Ruhrgebiet sei bedeutend geworden durch die Kulturhauptstadt? Was als Nachhaltigkeitsarchitektur bezeichnet wird, beschränkt sich auf verstärkte Zusammenarbeit und einem verstärkten Gefühl von großer Problemzone." Die kulturelle Biografie des Einzelnen werde außerdem durch die soziale Biografie bestimmt. Daher müsse im Ruhrgebiet eher ein Sozialumbau her und der setze eine funktionierende Ökonomie voraus. Knüsels Vorschlag: "Ich würde auf das Projekt Metropole verzichten. Lassen Sie den Leuten ihre Kirchtürme." Außerdem: Keine neuen Kapazitäten schaffen, um damit dem Nachbarn Konkurrenz zu machen. "Wenn die Nachfrage nicht wächst, muss man das Angebot reduzieren." Industriedenkmäler würde Knüsel zur Hälfte privatisieren. "Wozu diese Erinnerungskultur?", fragte der Schweizer, der am Ende unter Applaus die Bühne verließ.
"Glauben an die Kunst nicht verloren"

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Heiner Goebbels, Intendant der Ruhrtriennale
Heiner Goebbels hatte es nach Knüsels Auftritt sichtlich eilig, ans Mikrofon zu kommen. Der Ruhrtriennale-Chef war für die Gegenrede verpflichtet worden. "Die zu halten ist allerdings schwierig", gestand Goebbels, "weil ich gestern Erinnerungskultur betrieben habe." Man habe am Vorabend ein 3000 Jahre altes Stück geprobt. "Da ist man in einer ganz anderen Zeitzone und noch nicht so richtig angekommen." Doch auch der vielfach ausgezeichnete Theaterregisseur, Musiker und Autor hielt die Dichte des Kulturprogramms "nicht für unantastbar", denn sie sei "der Hauptgrund für den ewigen Zeitmangel am Theater, für die Schlampigkeit der Inszenierungen, für den Probemangel der Orchester. Vom Zuschauermangel ganz zu schweigen." Singularität sei Goebbels wichtiger als die Nachhaltigkeit eines Abonnements. "Ich glaube, dass wir eine andere Art der Arbeit brauchen. Kunst sollte eine starke Erfahrung sein. Künstler arbeiten oft dafür, was die Häuser brauchen. Es geht nie darum, wie Kunst entsteht." Und an Knüsel gewandt: "Ich vermisse in Ihrem Plan, dass es neue, flexible Strukturen gibt, die kein Haus brauchen. Lassen Sie uns Oper, Konzert und Theater nicht einfach abhaken."
Auch mit dem Regulativ des Marktes mochte sich der Intendant nicht anfreunden. "Das Kalkül des Marktes hat nicht das ungesehene Bild oder den ungehörten Klang im Sinn, sondern ist auf den Profit gerichtet", so Goebbels weiter und warnte davor, einer Gesellschaft des Spektakels ausgeliefert zu sein. "Wir dürfen uns nicht nur in großen Stars auf der Bühne spiegeln." Das Theater könne auch ein Schutzraum sein, für das, was die bildende Kunst stark macht - nämlich die Konfrontation mit dem Anderen, die Begegnung mit dem Fremden. "Im Gegensatz zu Ihnen, habe ich den Glauben an die Kunst nicht verloren."
"Gasometer nicht verknüseln"

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Oberhausener Theaterintendant Peter Carp
In anschließenden Diskussionsrunden versuchten dann auch andere Kulturschaffende Knüsels Thesen zu widersprechen - wenn auch zaghaft. So wie Christine Vogt, Sprecherin der RuhrkunstMuseen - einer Initiative, die erst durch die Kulturhauptstadt entstanden ist. Dabei kooperieren 20 Museen des Ruhrgebiets miteinander. "20 Museen in einer Region mit fünf Millionen Menschen - das finde ich nicht zu viel. Wir können die Bilder ja nicht draußen an den Baum hängen", so Vogt. Auch Knüsels These, dass Jugendlichen scheinbar keine Museen brauchten, wollte Christine Vogt so nicht stehen lassen. "Wir bringen der Jugend das Bilderlesen bei."
Das sah auch Günter Golinski, Leiter des Kunstmuseums Bochum, ähnlich. "Wir leben in Zeiten technischer Bilderfluten und es herrscht visueller Analphabetismus. Wir haben das Instrumentarium zum selbstbestimmten Sehen." So sei der Gang ins Museum auch ein Weg zur Mündigkeit." Einen Zuwachs gerade jugendlicher Besucher vermeldete auch Diskussionsteilnehmer Peter Carp, Intendant des Theaters Oberhausen. Institutionen müssten sich in der jetzigen statischen Form verändern, war sich der Theatermann sicher. "Häuser aufzugeben, fände ich aber dumm." Und wie fände es der Kulturdezernent Apostolos Tsalastras, wenn sich der Gasometer plötzlich selbst überlassen würde, um laut Knüsel ein teures Industriedenkmal weniger zu haben? Da antwortete der Oberhausener passend im schönsten Ruhrgebietsdeutsch: "Den Gasometer lassen wir nicht verknüseln."

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Programmheft der Kulturkonferenz in Essen
Und was also hat die Kulturhauptstadt am Ende gebracht? "Sie hat den Bewohnern der Region gezeigt, was für eine Kulturdichte es hier gibt", so Golinski. Der Bochumer Kulturdezernent Michael Townsend musste am Ende aber auch zugeben, dass gerade die Freie Szene im Kulturhauptstadtjahr zu kurz gekommen war. "Die sind jetzt dran." Antworten blieb der eingeladene Vertreter eben dieser Freien Szene den Teilnehmern der ersten Kulturkonferenz Ruhr allerdings schuldig. Er hatte den Termin peinlicherweise vergessen.
Stand: 15.09.2012, 20.48 Uhr
Kommentare zum Thema (2)
letzter Kommentar: 16.09.2012, 10:05 Uhr
- Erpeha schrieb am 16.09.2012, 10:05 Uhr:
- "Museen, Konzerthäuser oder Theater hätten ihr Maximum erreicht". Siehe das geplante Musikzentrum in Bochum = 16,5 Mio Fördermittel und 2,4 Mio von der Stadt. Noch Fragen...?
- Rameau schrieb am 16.09.2012, 08:59 Uhr:
- Für mich ist die Barockmusik Kultur.
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