Autorin Gisa Klönne zum ersten Krimitag: Lauter literarische Leichen
Der 8. Dezember ist ab jetzt Krimitag. Deswegen geht es am Donnerstag (08.12.2011) in vielen Städten mörderisch zu. In NRW lesen in Köln und Essen Schriftsteller aus ihren finsteren Werken vor. Erfolgsautorin Gisa Klönne ist auch dabei und erklärt im Interview, was am deutschen Krimi so besonders ist.

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Krimiautorin Gisa Klönne
Kurz vor ihrem 40.Geburtstag hat Gisa Klönne vor sieben Jahren ihren ersten Krimi fertiggestellt. "Denn schreiben wollte ich schon immer", sagt die ehemalige Journalistin. Mittlerweile kann sie von ihren Einnahmen als Schriftstellerin leben. Im Oktober ist ihr jüngster Krimi "Nichts als Erlösung" erschienen. Das ist der fünfte Fall ihrer Romanfigur Judith Krieger. Für das dritte Buch der Serie "Nacht ohne Schatten" erhielt Klönne 2009 den Friedrich-Glauser-Preis, den am höchsten dotierten deutschen Krimipreis.
WDR.de: Warum brauchen wir einen Krimitag?
Gisa Klönne: Wir brauchen ihn, weil die Leute Krimis lieben. Wir wissen von unseren Krimifestivals und dem jährlichen Festival "Criminale", dass die Leute begeistert sind, wenn mehrere Autoren lesen. Deswegen haben wir den Krimitag ins Leben gerufen. Auch, um Friedrich Glauser zu ehren, denn der 8. Dezember ist sein Todestag. Die Autorenvereinigung Syndikat, die den Krimitag veranstaltet, hat es mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit geschafft, dass die deutschen Krimis heute viel stärker wahrgenommen werden als früher. Vor zehn Jahren galt noch: Man liest die Amerikaner und die Skandinavier. Die Deutschen schreiben auch etwas, aber das muss man nicht lesen. Heute gilt der deutsche Krimi ebenso als Unterhaltung wie die amerikanischen und skandinavischen Romane.
WDR.de: Köln veranstaltet gleich ein viertägiges Festival. Liegt das an der rheinischen Lust zum Feiern?
Klönne: Natürlich feiern wir Krimiautoren gerne zusammen. Unsere Werke sind ja schon finster genug. Aber das Kölner Festival resultiert daher, dass wir im Rheinland so viele Autoren sind. Die Idee war auch, dass wir mit dem Krimitag etwas Gutes tun. Die Schriftsteller lesen ohne Honorare, so dass die Eintrittsgelder gespendet werden können. In Köln gehen die Erlöse beispielsweise an die Obdachlosenhilfe. Als im Rheinland gefragt wurde, wer bereit ist für einen guten Zweck zu lesen, haben sich so viele gemeldet, dass diese nicht mehr an einem Tag unterzubringen waren.
WDR.de: Was unterscheidet denn einen deutschen Krimi von einem skandinavischen oder amerikanischen?

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Kommissar Maigret ermittelt
Klönne: Wir deutschen Krimiautoren sind genauso von den internationalen Klassikern geprägt wie das die Autoren in Skandinavien sind. England, Amerika und Frankreich haben natürlich mit Agatha Christie, Patricia Highsmith und Georges Simenon eine längere Tradition. Die Amerikaner sind führend mit Privatdetektiv-Geschichten, die kommen bei uns nicht so gut an. In deutschen Krimis ermitteln eher Kommissare.
WDR.de: Gibt es also keine typisch deutschen Krimimerkmale?
Klönne: Ich glaube, das Regionale ist etwas typisch Deutsches. Wenn in Deutschland ein Krimi erscheint, sagt man gerne den Ort dazu. Wenn in Amerika dagegen ein neues Buch veröffentlicht wird, dann ist das nicht ein "Boston-Krimi" oder ein "New-York-Krimi". Oder bei Wallander in Schweden würde niemand sagen, das sind Göteborg-Krimis. Es ist vielleicht so etwas wie unsere nachgeholte Heimatliteratur. Wir hatten in Deutschland lange ein Problem mit Heimat und der Identifikation. Das ist aber nur eine vage These von mir.
WDR.de: Wie ist der deutsche Krimi im internationalen Vergleich?
Klönne: Grundsätzlich hinken wir in Deutschland mit der Kriminalliteratur hinterher. Wir sind relativ spät auf den Krimi gekommen, was an unserer Geschichte liegt. Denn man braucht schon eine stabile Demokratie, um gerne etwas über Ermittler zu lesen, die dem Staat zuzuordnen sind. Im Nationalsozialismus Romane mit Polizisten zu lesen war schießlich undenkbar. Ähnlich war es in Spanien. Auch dort ist man wegen der Diktatur relativ spät auf Kriminalliteratur gekommen. Da war man in England und Frankreich unbeschwerter.
WDR.de: Ihre Bücher sind auch in Dänemark und Spanien sehr erfolgreich. Ist das eher die Ausnahme, dass deutsche Krimis im Ausland gelesen werden?
Klönne: Ich glaube schon. Gerade der englisch-amerikanische Markt ist für deutsche Autoren sehr schwer zu betreten. Die Länder haben einfach selbst sehr viel Literatur. Da muss man schon ganz oben auf der Bestseller-Liste stehen, um übersetzt zu werden. Ich kenne zwar einige Kollegen, deren Bücher übersetzt werden, aber es sind nicht sehr viele. Das ist gerade auch für den Kriminalroman noch etwas Außergewöhnliches.
WDR.de: Ihre Krimis mit der Kommissarin Judith Krieger spielen in Köln, aber Sie legen Wert darauf, dass es keine Köln-Krimis sind. Warum?
Klönne: Ich wollte für meine Geschichten eine Großstadt haben als Schmelztiegel für ganz viele verschiedene Milieus und Lebensstile. Ich habe mir dann Köln ausgesucht, weil ich hier lange lebe und die Stadt gut kenne. Meine Bücher kann man aber nicht als Stadtführer nehmen wie einen echter Köln-Krimi. So nehme ich mir die Freiheit, einmal eine S-Bahn-Station zu erfinden und ein Gebäude dahin zu setzen, wo es gar nicht steht. Das ist bei einem Köln-Krimi anders. Da müssen die Orte stimmen. Bei mir kommen auch keine reale Personen vor. Während es in einem Stadt-Krimi durchaus üblich ist, dass es beispielsweise den Wirt in einer Eckkneipe tatsächlich gibt.
WDR.de: In Ihrem jüngsten Buch stößt die Kommissarin bei ihren Ermittlungen auf die katastrophale Situation in Kinderheimen in der Nachkriegszeit. Warum haben Sie das Thema aufgegriffen?

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Klönne arbeitet nun an einem Familienroman
Klönne: Es ist immer schwer zu sagen, warum einen ein Thema so sehr fesselt. Ich bin zu Recherchen für einen anderen Roman immer wieder mit der Situation in den Kinderheimen zur NS-Zeit und in der Nachkriegszeit konfrontiert wurden. Ich fand dieses große Unrecht, das seinerzeit fast einer Millionen Kindern angetan wurde, sehr erschütternd. Das passte aber nicht zu meinem Roman. Als ich dann überlegt habe, wie geht es mit Judith Krieger weiter, dachte ich, die Heimsituation wäre etwas. Ich mag es immer, wenn nicht nur die Geschichte erzählt wird, sondern man noch etwas aus der Gesellschaft zeigt.
WDR.de: Auch in den vorherigen Fällen Ihrer Kommissarin spielten Missstände wie Gewalt gegen Frauen, Doppelmoral in der Katholischen Kirche oder Mobbing eine Rolle. Verstehen Sie Ihre Romane auch als Gesellschaftskritik?
Klönne: Ich nenne es Gesellschaftsroman, nicht Gesellschaftskritik. Denn ich habe keine Mission, indem ich sage, was falsch läuft und habe dann die Hoffnung, dass sich danach etwas ändert. Es geht mir schon primär um die Figuren. Sie müssen stimmig sein mit ihrer Psychologie und Dramaturgie. Aber meine Personen agieren eben nicht im luftleeren Raum, sondern in unserer Gesellschaft. Und da es Krimis sind, geht es meistens um Missstände und die düstere Seite des Lebens.
WDR.de: Ihr nächster Roman wird ein Familienroman sein. Haben Sie die Nase voll von Leichen?
Klönne: Ich brauche 'mal eine Pause. Ich denke es ist nicht optimal, immer nur in einem Genre und dann auch noch mit einer Figur zu schreiben. Für die schriftstellerische Entwicklung ist es ganz gut, sich eine Auszeit zu gönnen, um in einem ganz anderen Stil neu an den Start zu gehen. Man kann ja immer wieder zurück zum Krimi. Ich habe nie gesagt, ich schreibe auf jeden Fall zehn Bücher mit Judith Krieger, sondern ich erzähle so lange Romane mit ihr, solange mir noch etwas Neues einfällt. Nach dem letzten Buch steht Judith Krieger an einem guten Punkt und kann auch einmal eine Weile ohne mich auskommen.
Das Gespräch führte Anke Fricke.
Stand: 08.12.2011, 00.00 Uhr
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