Interview mit Konstantin Wecker "Ich nehme mich nicht mehr so ernst wie früher"

Kurz nach seinem 65. Geburtstag erhält der Liedermacher Konstantin Wecker den Prix Pantheon Ehrenpreis "reif und bekloppt". Über seine Wut auf die politischen Verhältnisse und die Höhe seiner Rente spricht er im Interview mit WDR.de.


Konstantin Wecker
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Konstantin Wecker ist "reif und bekloppt".

WDR.de: Sie erhalten in diesem Jahr den Prix-Pantheon-Ehrenpreis "reif und bekloppt". Gefällt Ihnen dieser Titel?

Konstantin Wecker: Als ich gelesen habe, ich bekomme den Preis "reif-und-bekloppt", habe ich mich im ersten Moment schon gefragt, was das eigentlich ist. Aber in gewisser Weise ist das ja genau der richtige Titel. Wenn man über so lange Zeit versucht, die Welt zu verändern, dann muss man schon ganz schön bekloppt sein. In dem Sinne passt es durchaus. Und über den Preis freue ich mich natürlich. Vor allem, weil es darum geht, dass ich am Ball geblieben bin, mich nicht unbedingt habe verbiegen lassen und versucht habe standhaft zu bleiben, in dem, was ich singe.

WDR.de: In einem Ihrer aktuellen Lieder singen Sie im Refrain: "Empört euch,/gehört euch/und liebt euch/und widersteht!" Welchen Dingen müssen Sie als erfolgreicher Musiker in unserer Gesellschaft widerstehen?

Wecker: Zum Beispiel der Verlockung, sich dem gesellschaftlichen, allgemeinen Trend anzubiedern. Mir wurde zum Beispiel in den letzten 20 Jahren immer wieder gesagt: Wenn du dich für den Frieden engagierst, das ist doch naiv. Wenn du weiter versuchst, gegen die ungerechte Geldverteilung auf der Welt anzugehen, dann ist das doch ein alter 68er-Traum, der schon längst ausgeträumt ist. Und dem sind ja auch einige erlegen. Man weiß es ja von so vielen, die aufgehört haben zu kämpfen. Das ist immer ein Kampf mit sich selbst, mit der eigenen Trägheit. Mir fällt dieser Kampf deshalb nicht so schwer, weil ich immer wieder eine so maßlose Wut bekomme, wenn ich bestimmte Dinge lese.

WDR.de: Diese Wut wird auch in der Prix-Pantheon-Laudatio angesprochen, da werden Sie unter anderem als "zorniger Liedermacher" beschrieben. Was macht Sie aktuell besonders zornig?


Konstantin Wecker
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Groll als Antrieb

Wecker: Wenn ich zurzeit lese, wie den Griechen empfohlen wird, was sie gefälligst zu wählen haben, damit unsere Idee vom Sparen weiter aufrechterhalten wird – dann packt mich ein unglaublicher Groll. Die können selbst entscheiden! Und es ist kein reiner Populismus, dass sie die Schnauze voll haben von einem Sparprogramm, das ihnen mittlerweile Medikamente verwehrt. Da kann man so wütend werden über diese unglaubliche Bevormundung. Und das nur, weil ein bestimmter neoliberaler Kurs durchgezogen werden soll, der doch eigentlich schon am Ende ist. Ich kann dann einfach nicht meinen Mund halten.

WDR.de: Gab es Zeiten in Ihrem Leben, in denen Sie politisch bequem geworden sind, in denen Sie nicht widerstanden haben und gegen die eigene Trägheit kämpfen mussten?

Wecker: Ja, das gab's natürlich. Wenn mir im Endeffekt das eigene Partymachen wichtiger war als alles andere.

WDR.de: Und wie sind Sie da wieder rausgekommen?

Wecker: Indem ich verhaftet wurde.(lacht) So kam ich da wieder raus, ganz einfach. Das ist jetzt natürlich etwas flapsig dahin gesagt.

WDR.de: Verhaftet wurden Sie 1995 wegen Ihrer Kokainsucht. Das ist jetzt fast 17 Jahre her. Die Sucht liegt hinter Ihnen. Sie haben geheiratet, sind Vater von zwei Söhnen. Wogegen kämpfen Sie heute an?

Wecker: Eine Suchterkrankung liegt nie hinter einem. Man muss mit ihr immer leben. Und ja, es gibt nach wie vor die Sehnsucht, dass ich gerne viel länger als nur ein paar Wochen im Jahr in die Toskana fahren würde. Und immer, wenn ich dort bin, überlege ich mir, es wäre schon schön, jetzt einfach zu bleiben. Aber das könnte ich, selbst wenn ich es wollte, nicht. Denn ich habe nichts auf der hohen Kante. Ich habe meinen Rentenantrag gestellt und würde vom Staat 190 Euro im Monat bekommen oder vielleicht 240 Euro und das reicht nun definitiv nicht. Insofern – ich muss arbeiten, um zu leben. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Dadurch bleibt man kreativ und dadurch muss man sich auch immer wieder was einfallen lassen.

WDR.de: Der Prix Pantheon ist traditionell ein Kabarett- und Satirepreis. Viele Ihrer Lieder und Texte sind aber gar nicht ironisch gebrochen, sondern geradeheraus und voller ehrlicher Emotionen. Welche Rolle spielen Satire und Humor in Ihrer Arbeit?

Wecker: Eigentlich immer eine große Rolle. Denn für mich war immer klar, dass zu einem dramaturgisch geglückten Konzert, bei aller Ungebrochenheit und auch bei allem Pathos, zu dem ich stehe, immer ein gehöriges Bündel Humor gehört. Das ist der alte Shakespeare-Trick, ohne Clown und ohne Lachen lässt sich das schönste Drama nicht wirklich an die Leute heranbringen. Ich habe auch immer wieder satirische Lieder geschrieben. Und meinem aktuellen Programm sagt man nach, es wäre das leichtfüßigste, trotz aller Empörung.

WDR.de: Woran liegt das?

Wecker: Ich nehme mich jetzt im Alter nicht mehr annähernd so ernst wie früher – ohne dabei meine Sache zu verraten. Das ist ja ein entscheidender Punkt. Meine Idee will ich nicht verkaufen und werde ich auch nicht. Aber mich als Urheber nehme ich nicht annähernd so ernst wie früher.

WDR.de: Braucht man für ehrliche Emotionen auf der Bühne mehr Mut als für scharfe Satiren?

Wecker: Ich denke manchmal ja. Man kann sich oft hinter der Satire verstecken und hinter der Gebrochenheit. Ich persönlich will eigentlich nur mit Menschen zusammen sein, die sich selbst auch zeigen. Und die sich nicht immer hinter irgendwas verstecken. Hinter Klugheit, hinter Belesenheit, hinter Bildung, hinter einer Ideologie - und man kann sich eben auch gut hinter Dauergeblödel verstecken. Ich mag darum Kabarettisten wie zum Beispiel Georg Schramm am liebsten – wo ich immer spüre, da ist eine Haltung dahinter. Dieter Hildebrandt ist ein ähnlicher Fall. Dieter Hildebrandt ist immer Dieter Hildebrandt. Bei ihm gibt es die Satire nie um der Satire willen, sondern sie ist ein Transportmittel für eine Botschaft.

WDR.de: Auf Ihrer Homepage findet man in der Rubrik "Hinter den Schlagzeilen" so etwas wie Ihr persönliches Indymedia, wo Sie politische Artikel verlinken und Kommentare schreiben, außerdem twittern Sie, sind auf Facebook. Ist das Internet für Sie ein wichtiges Medium, was politische Einmischung betrifft?


Konstantin Wecker bei einer Demonstration
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Konstantin Wecker auf einer Blockupy-Demonstration in Frankfurt.

Wecker: Ja, ich halte das für ein sehr wichtiges Medium. Ich habe viele Freunde, vor allem in meinem Alter, die absolute Verweigerer sind und sagen, das ist alles zu gefährlich und man wird durchleuchtet. Stimmt. Ist alles richtig, aber man muss eben lernen, sorgfältig damit umzugehen. Für mich ist Facebook ein sehr interessantes und wichtiges Forum, denn ich schreib’ da ja nicht rein, dass ich gestern eine Tasse Tee getrunken habe. Ich habe mich dort neulich über die Rede von Joachim Gauck vor der Bundeswehr echauffiert. Innerhalb von etwa zwei Stunden hatte ich über 3.000 "Like-Klicks" und auf der anderen Seite auch ganz bösartige Kommentare. Man muss sich da auch beschimpfen lassen. Und ich lese diese Einträge dann auch. Wo habe ich schon die Möglichkeit, dass ich mit meiner Meinung so schnell 100.000 Leute und mehr erreichen kann. Was ich auch sehr interessant finde: Je knapper und je persönlicher die Einträge sind, desto mehr werden sie geteilt. Manchmal schreibe ich dort auch längere, journalistische Texte, auf die ich so richtig stolz bin. Aber die werden auf Facebook nicht wirklich gelesen und nur selten geteilt.

WDR.de: Künstlerisch sind Sie überaus erfolgreich und vielseitig – Liedermacher, Komponist, Schauspieler, Poet, Sie waren als Dozent für Songwriting an der Uni Würzburg und München. Gibt es unerfüllte Wünsche oder Projekte, die Sie in der nächsten Zeit unbedingt umsetzen möchten?

Wecker: Ich hab mir das abgewöhnt. Es gibt ein paar Sachen, die ich gerne mache. Ich werde im nächsten Jahr zusammen mit Angelika Kirchschlager auf Tournee gehen, das ist die große österreichische Mezzosopranistin und wir werden da kein Crossover, sondern ein Programm zwischen Klassik und Chanson machen. Und dann will ich noch mal ein, zwei schöne Orchesterprojekte verwirklichen – rein musikalisch. Ansonsten will ich einfach weiter denen ein Dorn im Auge sein, die glauben, sie könnten als ein Prozent der Menschheit die anderen 99 Prozent finanziell ausbeuten.

Das Interview führte Conny Crumbach.


Stand: 20.06.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (3)

letzter Kommentar: 21.06.2012, 12:00 Uhr

hgs schrieb am 21.06.2012, 12:00 Uhr:
was hat bitte das eine mit dem anderen zu tun? müssen sich menschen, die die für den überwiegenden teil der bevölkerung extrem negativen auswüchse dieses abgehalfterten wirtschaftssystems kritisieren, in sack und asche kleiden - nur zu fuss gehen und in wohnbaracken einziehen? eine selten - oder eben nicht selten - verbohrte ansicht. konstantin wecker leistet an vorbildfunktion innerhalb unserer gesellschaft entscheidend mehr als z.b. ein herr ackermann!
Veritas schrieb am 21.06.2012, 10:58 Uhr:
Tja, würde ich auch nicht. Notorisch den Kapitalismus kritisieren, aber ein 17 ha großes Landgut in der Toskana besitzen. Aber das passt ins Deutschland des frühen 21.sten Jahrhundert, anderen ihr Leben mies reden, selbst aber wie die Made im Speck leben.
Anti-Sozialist schrieb am 20.06.2012, 16:57 Uhr:
So sind sie, die Linken. Sich vermeintlich hinter ihren (doppel)moralischen Grundsätzen verstecken - aber nicht einmal beim Amt "kleben" gehen. Was hat er gemacht mit all seinem Geld??


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