Was ist typisch Mädchen, typisch Junge? Von der Farbenlehre im Kinderzimmer

Von Annika Franck

Rosa ist für Mädchen, blau für Jungs. So kriegen viele Eltern das Leben von ihren kleinen Kindern erklärt. Waren die Rollen schon immer so klar verteilt? Oder gibt es einen Trend zu geschlechterspezifischem Spielzeug? Auch auf der Kölner Messe Kind und Jugend spielen Farben eine Rolle.


Mädchen in rosa Spielwarenabteilung
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Für die einen die rosa Hölle, für die anderen wie im Himmel

Für viele Eltern von Mädchen gleicht der Besuch in einer Spielwarenhandlung einem Gang in eine rosa Hölle. Es glitzert und blinkt in allen Schattierungen, von zartrosé über leuchtend rosa bis zum kräftigen Pink. Das, so suggeriert die Industrie, ist es, was Mädchen sich wünschen. Und genau diese Annahme ist es, die Feministinnen auf die Palme bringt - das hat nicht zuletzt die Diskussion über Überraschungs-Eier für Mädchen vor wenigen Wochen gezeigt.

Geschlechterspezifisches Spielzeug ist nicht neu


Junge spielt mit Lego-Steinen
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Legosteine: Nur was für Jungs?

Doch gibt es ihn wirklich, den Trend zu mehr geschlechterspezifischem Spielzeug? Ein Blick in die Neuigkeitenliste der Messe "Kind und Jugend", die am Donnerstag (13.09.2012) in Köln beginnt, ergibt kein klares Bild. Nach Einschätzung von Willy Fischel, dem Sprecher des Bundesverbandes des Spielwaren-Einzelhandels, haben "Farben zwar Bedeutung", sie seien aber "weniger geschlechtsspezifisch". Einen verstärkten Trend zu typischem Mädchen- oder Jungs-Spielzeug sieht Fischel nicht. "Sicherlich werden Puppen vor allem für Mädchen verkauft, aber spätestens bei den Spielsachen für draußen sind alle mit den gleichen Geräten unterwegs", sagt der Verbandsvertreter.

Etwas differenzierter betrachtet Axel Dammler, Trend- und Konsumforscher der Münchener Firma "Iconkids & Youth", die Situation. "Es hat schon immer geschlechterspezifisches Spielzeug gegeben", meint er, und das sei in den meisten Kulturen so. Trotzdem beobachtet Dammler so etwas wie einen Trend: "In den vergangenen Jahren ist das Spielzeug noch geschlechterspezifischer geworden." Wie bei den Lego-Steinen, die nun auch noch mit Star Wars-Figuren kombiniert werden. Dazu passen auch die rosa Ü-Eier, in denen Mädchen mit etwas Glück eine dünne Winx-Elfe finden.

Feministinnen wollen mehr als eine Farbe


Porträt Stevie Schmiedel
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Stevie Schmiedel wehrt sich gegen rosa

So etwas regt die Gender-Forscherin und Feministin Stevie Schmiedel auf. "Die Prägung der Geschlechterrollen beginnt schon sehr früh, und Mädchen geraten so in die Rolle, schön, extrem schlank und attraktiv sein zu müssen", kritisiert Schmiedel. Die Akzeptanz von mageren Models und sexistischen Videos komme schließlich nicht aus dem Nichts. Schmiedel ist die Initiatorin der deutschen Webseite "Pinkstinks", einer Initiative, die vor allem eines will: Mehr als eine Farbe. Als eine der ersten Amtshandlungen hat Pinkstinks eine Online-Petition gegen Ferrero, den Hersteller der rosa Ü-Eier, gestartet. Denn was für Jungs und was für Mädchen ist, verstehen die Kinder schon sehr früh.

Diese Erkenntnis unterstützt auch die Entwicklungspsychologin Ellen Aschermann von der Uni Köln. "Mit ein paar Jahren lernen Kinder, dass sie die Gesellschaft nach Geschlechtern unterscheiden können", erklärt Aschermann. Sie erkennen sich als Mädchen oder Jungen, "und überkonstruieren sich dann selbst" - so nennt es die Wissenschaftlerin. Früher habe die Tiefenpsychologie angenommen, dass diese frühen Erfahrungen besonders prägend seien. "Das sind sie aber nicht", gibt die Entwicklungspsychologin Entwarnung. Schadet zu viel rosa nun - aus wissenschaftlicher Sicht? "Wahrscheinlich nicht, ich wäre da relativ entspannt", sagt sie. Denn ungefähr mit der Einschulung würden die Kinder wieder flexibler.

Gefährlich werden falsche Rollenbilder in der Pubertät


Drei Mädchen in einer Modelshow
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In der Pubertät können solche Rollenbilder gefährlich werden

Problematisch könne allerdings die Zeit der Pubertät werden. "Da fragen sich beispielsweise die Mädchen: 'Wie definiere ich mich als Person?' Dann werden Vorbilder wie bei 'Germany's Next Topmodel' unter Umständen gefährlicher", meint Aschermann. Über Model- und Castingshows regt sich auch Stevie Schmiedel auf. Sie waren der Grund für Schmiedel in Deutschland Pinkstinks ins Leben zu rufen - die Initiative gab es bereits in Großbritannien: "Unser Ziel ist es, dass die Menschen die Zusammenhänge begreifen zwischen den Vorstellungen unserer Kinder und der Situation der Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft."

Bleibt die Frage, ob man da wirklich schon bei den ganz Kleinen anfangen muss - wo eine Barbie in rosa Tüll respektive ein Darth Vader mit Lichtschwert zu den größten Herzenswünschen zählen. "Das Kinderspiel hat mit dem erwachsenen Leben nichts zu tun", meint Trendforscher Dammler. Und er kann den spindeldürren Ü-Ei-Feen sogar noch etwas positives Abgewinnen. "In der Zeichentrickserie mit den Winx-Elfen geht es um eine Gruppe von Freundinnen, und jede hat ihre Stärken und eine eigene Persönlichkeit. Es geht um die Individualität in der Gruppe", so Dammler.

Jungs spielen auch mit Waldorf-Puppen Krieg

Zwar sehen Feministinnen das anders. Aber vielleicht hilft insgesamt ein bisschen Gelassenheit. Trendforscher Dammler sagt: "Mir ist es wichtig, dass Mädchen überhaupt bauen. Besser mit rosa Steinen als gar nicht." Entwicklungspsychologin Aschermann weiß, dass Kinder in der Regel nicht so mit Spielzeug spielen, wie es sich die Marketing-Spezialisten vorstellen: "Jungs spielen auch mit Waldorf-Puppen Krieg", betont Aschermann. "Wenn sie 14 sind, ist das meist wieder vorbei."


Stand: 13.09.2012, 09.00 Uhr


Kommentare zum Thema (11)

letzter Kommentar: 15.09.2012, 13:59 Uhr

jawoll pinkstinks schrieb am 15.09.2012, 13:59 Uhr:
Die Sozialisierung von Mädchen ist und bleibt ein Skandal. Früher hieß es, Du bist ein Mädchen, deshalb darfst Du Dich nicht schmutzig machen, spielst mit Puppen etc. Für Jungen dasselbe nur umgekehrt, Abenteuerspiele, auf Bäume klettern, etc. Heute geht das ganze subtiler, ist aber derselbe Mist. Und Eltern unterstützen das, weil das Kind wünscht sich das so. Die Eltern unterstützen so kritiklos doch nicht all die anderen Wünsche der Kinder (ich will einen Hund, ich will zum Mond, ich will ...). Woher kommen diese Wünsche, ein Blick ins Fernsehen gibt Aufschluss. Dazu kommt der soziale Anpassungsdruck schon im Kindergarten. Ein Mädchen, daß rosa und die Prinzessinnenscheiße ablehnt ist suspekt, um Stress zu vermeiden wird sich angepasst. Gilt für Jungen genauso umgekehrt. Kinder sollen sich FREI entwickeln und nicht lernen sich an Klischees anzupassen. Sonst erhält man kranke Erwachsene, die mit Ihrem Leben nicht klar kommen. Kindliche Falschprägung ist eine Lebensbelastung.
@Jo schrieb am 14.09.2012, 10:30 Uhr:
Glaub ich nicht. Ein Außenstehnender wird ihnen genau sagen, weshalb ihr Kind so reagiert. Es orientiert sich an Sachen und Situationen in ihrer Familie und deren Umgebung, die ihnen und ihrer Frau schon gar nicht mehr auffallen. Und was die Sachen angeht, die gekauft werden: die werden heutzutage gekauft, weil man es kann. Und nicht, weil man es will oder braucht. Wer braucht den wirklich ein Handy? Oder Tupperware? Oder den Wackeldackel für die Hutablage? Sie hängen schon so im Konsumstreß durch Gruppenzwang mit drin, daß sie gar nicht merken, wie sie ihre Kinder mitreißen. Ich jedenfalls habe noch nie darüber gelesen, das Kinder im Mittelalter eine schlechte Kindheit hatten, weil ihnen die rosa Überraschungseier fehlten.
jo schrieb am 14.09.2012, 02:00 Uhr:
Wer Erfahrung mit der Erziehung von Kindern hat, weiss, dass ein hoher Prozentsatz der Jungen und Mädchen auch völlig ohne Beeinflussung zu den unsäglichen rosa Barbies bzw. Darth Vaders greifen. Ferrero würde die rosa Ü-Eier wieder vom Markt nehmen, wenn sie sich nicht verkauften, aber das wird wohl leider nicht passieren.
RechtsDaumenLinks schrieb am 14.09.2012, 00:52 Uhr:
Ach war das noch schön als man einfach nur Kind sein durfte und nicht als Politikum herhalten musste*seufz* Ganz offensichtlich war früher doch vieles besser als heute.
Mann mit Damenrad schrieb am 13.09.2012, 17:36 Uhr:
Alkohol und Zigaretten sind dagegen ja schon fast unisex. Also, wer sich vom Rosa-Trend abwenden will: Nimm's light!

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