WDR-Thriller über Identitätsdiebstahl "Ein absolutes Ohnmachtsgefühl"

Zurzeit wird in Köln der WDR-Fernsehfilm "Im Netz" gedreht. In dem Thriller wird eine Geschäftsfrau im Internet Opfer eines Identitätsdiebstahls und gerät in Verdacht, einen Terroranschlag mit vorbereitet zu haben. Kein Science-Fiction-Thema - meint Drehbuchautorin Ulli Stephan.

WDR.de: Frau Stephan, wie sind Sie auf das Thema Identitätsdiebstahl im Internet gestoßen?


Ulli Stephan
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Drehbuchautorin Ulli Stephan

Ulli Stephan: Das Thema Identität beschäftigt mich schon seit langem – es ist eines der spannendsten Themen überhaupt, finde ich. Über Identitätsdiebstahl im Netz habe ich zuerst in amerikanischen Zeitungen gelesen. Dort war es schon früh ein ziemliches Thema, dass Daten im Internet gestohlen werden und plötzlich das Phänomen von doppelten Identitäten auftritt. In einem Fall las ich, dass eine Frau angeblich nachweisbar zur selben Zeit an zwei Orten gewesen sein soll. Da habe ich darüber nachgedacht, was so etwas in jemandem auslöst - wenn man plötzlich damit konfrontiert wird, Dinge gemacht und in Sachen verstrickt zu sein, mit denen man im Grunde nichts zu tun hatte. Da wird einem etwas extrem Intimes weggenommen – die Identität. Ein bisschen ist das auch bei Wohnungseinbrüchen so. Danach hat man auch das Gefühl, ein Stück seiner Intimsphäre verloren zu haben. Wenn aber nicht nur Materielles, sondern Teile der eigenen Identität gestohlen werden, ist das wesentlich beunruhigender.

WDR.de: Oftmals liest man von Identitätsdiebstahl im Zusammenhang mit Kreditkartenmissbrauch. Sie stellen in Ihrem Film einen Verbindung mit terroristischen Aktivitäten her - ein realistisches Szenario?

Stephan: Es ist kein Science-Fiction-Thema, überhaupt nicht. Die Geschichte ist natürlich fiktiv, ich weiß aber, dass es Betroffene gibt, deren Daten durch Terroristen genutzt wurden. Ich habe das Drehbuch auch von Internet-Experten des Fraunhofer-Instituts überprüfen lassen. Jemand von der Polizei hat auch einen Blick darauf geworfen und das Buch für realistisch befunden. Fiktiv wurde das Thema schon länger behandelt. Es gibt einen niederländischen Roman, "Die Zelle", der sich damit beschäftigt, und von dem amerikanischen Autor T.C. Boyle gibt es ein Buch mit dem Titel "Talk Talk" dazu. Auf das bin ich vor Jahren gestoßen bin. Dadurch wurde ich auch animiert, über das Thema nachzudenken.

WDR.de: Haben Sie im Zuge Ihrer Recherchen zu dem Drehbuch Aussagen von Internet-Experten vernommen, über die Sie selbst erschrocken waren?

Stephan: Ja, natürlich, aber man verdrängt dann auch wieder. Mir haben IT-Leute erzählt, was sie für Schutzmaßnahmen ergreifen, auch im privaten Bereich – einfach weil sie um die Gefahren wissen. Die lassen nie einen Computer irgendwo im öffentlichen Bereich stehen, ohne ihn durch Passwörter zu schützen. Die nutzen auch längst kein Online-Banking mehr und würden nie im Internet einkaufen. Die wissen, was alles passieren kann.

WDR.de: Sind Sie nun hinsichtlich Ihrer Internet-Aktivitäten ein wenig vorsichtiger geworden?

Stephan: Ich habe einiges eingeschränkt. Ich bin sehr vorsichtig, was soziale Netzwerke angeht, und ich tätige auch sehr selten Einkäufe im Netz. Aber ich bin keine Verweigerin der ganzen Internet-Angebote geworden. Man lebt einfach mit dem Risiko – so wie man auch mit dem Risiko lebt, dass einem die Handtasche geklaut wird. Wobei die Auswirkungen beim Handtaschenklau weniger umfassend sind als bei einem Datendiebstahl.

WDR.de: Sie thematisieren in Ihrem Film vor allem, was ein Identitätsdiebstahl für das Opfer bedeuten kann. Welche Ausmaße kann so etwas denn annehmen?


Szenenbild "Im Netz"
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Caroline Peters als Protagonistin Juliane Schubert

Stephan: Das Leben meiner Protagonistin gerät nach und nach aus den Fugen. Am Anfang denkt sie noch: Na ja, das ist ärgerlich. Die Ausmaße, die das haben kann, bekommt sie erst mit der Zeit mit. Sie kann im Grunde ihren Alltag nicht mehr normal führen: Sie kann ihre E-Mail-Adressen nicht mehr nutzen und keine Kreditkarten einsetzen. Sie kann auch nicht mehr reisen, weil ihre Identität keinen Wert mehr hat. Sie ist insofern auch ein gutes Opfer, weil sie jemand ist, der sehr viel in der Welt herum reiste. Ihr ganzes Leben wird auf den Kopf gestellt, technisch und privat. Sie fängt dann an, zu überlegen, wer ihr das angetan hat. Sie fragt sich, ob es jemand war, den sie kennt. Ihr Misstrauen wird immer größer – insgesamt ein absolutes Ohnmachtsgefühl, und das ist schwer zu verkraften.

Das Gespräch führte Nina Giaramita.


Stand: 26.07.2012, 00.01 Uhr


Kommentare zum Thema (5)

letzter Kommentar: 27.07.2012, 08:03 Uhr

@Thomweb schrieb am 27.07.2012, 08:03 Uhr:
"Wer dann noch die gleichen Passwörter wie bei Facebook nutzt, braucht sich nicht zu wundern, wenn plötzlich eine Amazon-Bestellung im Wert von 2 Millionen auf der Kreditkarte auftaucht." A:Deuten deine Aussagen auf einen Amateur hin ;) Kundendatenbank auf dem webserver und nichts ist verschluesselt... B:Selbst deutsche Banken sollten mittlerweile automatische Programme laufen haben die bei derartigen Abweichungen vom Kaufverhalten den Kauf\die Ueberweisung blockieren. Selbst kleine US Banken blockieren abweichendes online Kaufverhalten und dies schon bei sehr geringen Betraegen.@andrea-Einbrecher arbeiten anders.Auf facebook ist keiner angewiesen. @Rest-egal ob so etwas "schon von Hollywood verfilmt"wurde.In der Wahrnehmung eines Deutschen Zuschauers ist dies dann"so weit weg"das er dies nur als Unterhaltung sieht.Ein(hoffentlich)guter Deutscher Film,vor allen Dingen im Tv koennte daran etwas aendern.Leider ist dies Thema aber doch wohl ein wenig reisserisch angegangen worden ...
Horst schrieb am 26.07.2012, 15:15 Uhr:
Gabs son Film nicht schonmal im ZDF, auch die Darstellerin kommt mir in dem Zusammenhang bekannt vor...
Thomweb schrieb am 26.07.2012, 12:11 Uhr:
Ich kann jetzt auf mittlerweile 12 Jahre Arbeitserfahrung in der IT und mit dem Betrieb von Webseiten zurückgreifen. Für mich ist es ein alltägliches Thema, dass man seine Geräte vor Zugriffen von außen schützen muss. Zu Hause haben wir extra einen eigenen Laptop für Skype und Facebook, das derzeit größte Einfallstor für Trojaner und infizierte Dateien. Auf meinen Webseiten hatte ich in den letzten Jahren einen Fall von Hacking, Passwortklau und haufenweise Versuche von SQL-Injections. In meiner A*******-Tabelle in der Datenbank kann ich nachsehen, woher diese kommen. Wer dann noch die gleichen Passwörter wie bei Facebook nutzt, braucht sich nicht zu wundern, wenn plötzlich eine Amazon-Bestellung im Wert von 2 Millionen auf der Kreditkarte auftaucht. Ich finde es auch beachtenswert, dass viele IT-Beschäftigte um Seiten wie Facebook einen großen Bogen machen. Und ihr iPhone niemals offen liegen lassen. Und ihren Rechner sichern, wenn sie ihren Schreibtisch verlassen.
Frank schrieb am 26.07.2012, 12:09 Uhr:
Das gab's doch alles schon im amerikanischen Kino. Auf Anhieb fällt mir ein: Identity Theft - The Michelle Brown story. Aber auch The Net mit Sandra Bullock. Ist also auch nur wieder ein deutscher Abklatsch eines amerikanischen Films.
andrea schrieb am 26.07.2012, 09:38 Uhr:
Wenn man die modernen, angeblich so segensreichen modernen und total vernetzten Medien nutzt, muß man sich auch der Gefahren bewußt sein. Ich habe z. B. mit keinem 0pfer Mitleid, bei dem eingebrochen wird, weil er die halbe Welt per Internet darüber informiert, daß es in Urlaub ist. Nichts gegen fortschreitende Technik - nur dann muß man auch die fortschreitenden Gefahren in Kauf nehmen und deren Nachteile.


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