Deutsch-israelisches Schulprojekt Bücher voller Geschichte

Von Jenna Günnewig

Geliebt, gerettet, verschenkt - jüdische Holocaust-Flüchtlinge vermachen ihre deutschen Bücher an Schulklassen. Die Schüler können anhand der weit gereisten Bücher das Schicksal der Juden nachvollziehen. WDR.de war beim Auspacken in Düsseldorf dabei.


Maria Pickmann in der Klasse
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"Irgendwie mystisch, so was in der Hand zu halten", Maria blättert durch Adas Buch

Zerknülltes Papier, aufgeregtes Gemurmel, glänzende Gesichter - der Deutsch-Leistungskurs des Düsseldorfer Friedrich-Rückert-Gymnasiums packt das Paket aus Israel aus. Nach und nach werden fünf alte Bücher aus dem bunten Geschenkpapier geschält, bestaunt und vorsichtig durch die Sitzreihen gereicht. Fast schon andächtig blättert Denise in einer vergilbten Rilke-Ausgabe, sie sei gerade "ein bisschen überwältig". Maria riecht an einem Heftchen, das nur noch durch zwei große Büroklammern zusammengehalten wird: "Es ist dieser alte Papiergeruch, da steckt Geschichte drin." Es sei irgendwie mystisch, so ein altes Buch in der Hand zu halten, "das einer Person so wichtig war, dass sie es bis nach Jerusalem mitgenommen hat."

1938 floh Ada Brodsky aus Deutschland

Diese Person ist Ada Brodsky, sie hat den Düsseldorfer Schülern ihre Bücher vermacht. 1938 konnte die Jüdin aus Nazi-Deutschland fliehen. 14 Jahre war Ada alt, als sie von Frankfurt an der Oder über Triest in das damalige Palästina floh - einige wenige Erinnerungsstücke und ein paar ihrer Lieblingsbücher im Gepäck. In diesem April ist Ada Brodsky in Jerusalem gestorben. Weil keiner ihrer hebräisch-sprechenden Verwandten mit den deutschen Klassikern so richtig etwas anfangen konnte, vermachte sie Teile ihrer Bibliothek dem Jerusalemer Goethe Institut.


Hier stapeln sich schon die Thomas Manns, die Rilke Ausgaben und Goethewerke, alles Erbstücke ehemaliger NS-Flüchtlinge. Ada Brodsky war und ist nicht die einzige Emigrantin und Literaturliebhaberin, mehr und mehr Israelis bringen alte deutsche Klassiker zum Goethe-Institut. "Jedes Mal ein sehr emotionaler Moment", bescheibt Simone Lenz. Für die Institutsleiterin ist es eine Geste des Großmuts und des Vergebens, dass die Nachkommen, die Bücher dem deutschen Goethe-Institut schenken wollen.

Auf den Spuren der Holocaust-Flüchtlinge

Eigentlich dürfe das Goethe-Institut keine Schenkungen entgegennehmen, erklärt Lenz. Deswegen kam sie auf die Idee, die Bücher wieder zurück nach Deutschland zu fliegen und Schulklassen zu vermachen. In Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Yad Vashem entstand das Schulprojekt "Keine leichten Pakete". Biografien der Spenderfamilien wurden erstellt, Bücher und Schulen ausgewählt. An sechs Schulen in ganz Deutschland gingen die kleinen Büchersendungen nun schon, zwanzig sollen es noch werden. "Die Schüler vollziehen anhand der antiquarischen Bücher den Lebenslauf nach und machen sich mit dem Schicksal dieses Menschen vertraut", beschreibt Lenz das Projekt.


Dorothea Kusch schaut mit ihrer Schülerin ein Buch an
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Deutschlehrerin Kusch: "Der personalisierte Zugang ist super."

"Durch die Bücher habe ich einen personalisierten Ansatz", erklärt Dorothea Kusch. Sie ist Lehrerin am Rückert-Gymnasium und betreut das deutsch-israelische Schulprojekt. Ihre Schüler haben sich für einige Schulstunden auf die Spuren von Ada Brodsky begeben, haben Plakate gemalt, Referate gehalten, Adas Biografie zusammengefasst und sich so mit dem Holocaust auseinandergesetzt. Anders als bei Sachbuchtexten oder historischen Darstellungen sei der Zugang über das Buch super, findet die Lehrerin. Auch das haptische käme bei den an Handys gewöhnten Jugendlichen gut an.

"Ein Buch bedeutet Rettung aus dem Alltag"

Maria kann verstehen, warum die junge Ada Brodsky ausgerechnet Bücher mit auf ihre Flucht nahm: "Ein Buch bedeutet Rettung aus dem Alltag, man kann sich ablenken und mit dem Protagonisten mitleiden." Freimütig gibt die Abiturientin zu, dass sie Adas Entscheidung deutschen Schülern ihre Bücher zu schenken, bewundert. "Ich könnte das nicht", überlegt sie und schüttelt den Kopf. "Diese Bücher sind das, was ihr in Jerusalem geholfen hat und die dann wieder in das Land zu schicken, was sie verbannt hat."


Jan Felix Walther in der Klasse
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Jan Felix: Das Projekt macht den Holocaust präsent

Ein paar Plätze weiter blättert Jan Felix vorsichtig in den zusammen geklammerten Heftchen von Ada. Er sieht in den geerbten Büchern einen Neuanfang, einen Schritt zur Versöhnung. Das Projekt "Keine leichten Pakete" sei gut gegen das Vergessen: "Gerade weil es jetzt schon ziemlich lange her ist, über 70 Jahre, finde ich es wichtig, dass wir immer daran erinnert werden." Der Holocaust müsse immer präsent bleiben, "nicht als Schuld, sondern als Warnung." Den Düsseldorfer Schülern wird Ada Brodsky auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben. Alleine schon wegen ihrer geliebten Bücher, denn die sollen in der Schulbibliothek ihr neues Zuhause bekommen.


Stand: 05.12.2011, 00.01 Uhr


Kommentare zum Thema (6)

letzter Kommentar: 06.12.2011, 22:09 Uhr

anonym schrieb am 06.12.2011, 22:09 Uhr:
Solche und/oder ähnliche Projekte müssen - nicht nur in Schulen -durchgeführt werden, weil leider das Thema - auch nach so vielen Jahrzehnten - immer wieder in der ein oder anderen Form aktuell wird. Wie soll sich etwas ändern, wenn man nicht darüber spricht.
heinzb aus nrw schrieb am 05.12.2011, 22:25 Uhr:
Ein gutes Projekt, das der Jugend die Geschichte der Vergangenheit nahebringt, aber nur ein Teil der Vergangenheitsbewältigung, meine ich. Aber nach meiner Meinung ist es vielen Deutschen der jetzigen Generation "schon zuviel", was auch immer das heißen mag, mit dem Holocaust konfrontiert zu werden. Sogar in Behörden vernahm ich schon die Meinung, " ach, hören Sie mit der Vergangenheit auf, was haben wir damit zu schaffen ". Und Dieses in Deutschen Ämtern von Deutschen Beamten und Angestellten zu hören, da macht wütend, das macht mich betroffen.
Hans schrieb am 05.12.2011, 18:37 Uhr:
So richtig und wichtig die Erinnerung an das dritte Reich und den damit verbundenen Holocaust ist......nach über 50 Jahren eigener Existenz und Erleben der politischen Realität bin ich ziemlich illusionslos über den wirklichen Nutzen geworden. Jüdische Trittbrettfahrer versuchen, aus der Geschichte politisches Kapital zu schlagen. Mahnende Stimmen, die ähnliche Entwicklungen wie 1933 zu erkennen vermeinen, werden mit dem "Unvergleichlichkeitsdogma" mundtot gemacht und die Menschenjagd ist nun auch wieder opportun geworden. Man nennt diese Menschen heute "Islamisten" oder gleich "Terroristen" und die Menschenjagd erhält die schöne Redewendung "Kampf für die Demokratie". Ich kann nicht erkennen, welche grundlegende Änderung im Intellekt durch fast 70 Jahre Vergangenheitsbewältigung geschafft worden wäre. Die, die es interessiert, wissen es eh; die anderen erreicht man auch nicht mit Argumenten oder Anschaulichkeit. Und deswegen wird auch dieser Versuch im nationalen Elend enden.
Thomas schrieb am 05.12.2011, 12:09 Uhr:
Interessanter Bericht und eine wichtige Idee. Allerdings, lieber WDR: wofür hierzu ein Forum ? Was soll man hierzu schreiben ? Andere Themen sind wesentlich diskussionswürdiger, ohne das hierfür ein Forum eingerichtet wird.
Mango-Mann schrieb am 05.12.2011, 11:40 Uhr:
Lieber WDR: Müsste die Bildunterschrift für das zweite Bild (Deutschlehrerin Kusch: "Der personalisierter Zugang ist super.") nicht lauten "...Der personalisierte Zugang ist super."?

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