Rehabilitation für Katharina Henot? Als Hexe verbrannt

Von Marion Menne

Sie war schön, reich und erfolgreich - und wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Katharina Henot gilt als bekannteste Hexe von Köln. Ihre Nachfahren fordern jetzt von Kirche und Politik die Rehabilitierung der berühmten Postmeisterin aus dem 17. Jahrhundert. Ein Besuch bei der "Hexenfamilie".


Dr. Hanns Joachim Hirtz mit seiner Enkelin
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Der Großvater und die Enkelin: Die 15-Jährige ist die Jüngste der Henot-Sippe

Über die Anklage können sie allesamt nur schmunzeln, der Großvater, die Großmutter, Tochter und Enkeltochter: Dass die Patrizierin und Postmeisterin Katharina Henot keine Hexe war, das sei ja bekannt. Auch wenn sie für eine Raupenplage in einem Kloster verantwortlich gemacht wird, einer Nonne unkeusche Gedanken eingeflößt haben soll und einem Geistlichen angeblich Geschwüre an den Hintern gehext hat. Jetzt geht es der Familie um etwas anderes. Der 79-jährige Patriarch der Familie, der Unternehmer Hanns Joachim Hirtz, will mit anderen Nachfahren eine offizielle Entschuldigung und Rehabilitierung seitens des Kölner Erzbischofs Kardinal Meisner und des Stadtrates.

Abstammung in 16. Generation

Seit Jahrzehnten beschäftigt Hirtz sich mit der tragischen Henot-Geschichte. Der Unternehmer ist zum Hobby-Hexen-Forscher geworden. Ein Hausmädchen hatte die Nachforschungen ins Rollen gebracht, als es einen Hinweis fand, dass es sich bei den Hirtz' um eine uralte Kölner Familie handelt. Daraufhin machte ein Genealoge die Hexe im Stammbaum aus. Die Ahnentafel beweist dem Senior die direkte Abstammung in 16. Generation.

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Witwe, Mutter, Postmeisterin


Katharina Henot, Figur am Kölner Rathausturm
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Statue Katharina Henot

Nachfahr Hanns Joachim Hirtz erzählt die Geschichte der Katharina Henot so: Katharina war Witwe, hatte eine Tochter, die im Kloster lebte, und betrieb mit ihrem Bruder Hartger die Postmeisterei des verstorbenen Vaters. Die wohlhabende Familie lebte in der Nähe des Neumarkts. Um die Lizenz für die Postmeisterei behalten zu können, hatten die Geschwister den Tod des Vaters verheimlicht und die Leiche bei Brühl in einer Hütte versteckt. "Heilige waren es also auch nicht", sagt Hirtz lachend. Nach dieser Episode hatte Katharina bei den Oberen ganz verspielt, glaubt er.

Briefe aus dem Gefängnis: "Alles erlogen"


Tafel am Generalvikariat, der Verwaltung  des Erzbistums Köln
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Gegner des "Hexenwahns" Friedrich Spee

Katharina Henot wurde zum Stadtgespräch. Die Hexen-Gerüchte kursierten. Aber die selbstbewusste Frau blieb auch trotz Folter bei ihrer Wahrheit: "Ist alles erlogen", schrieb sie ihrem Bruder aus dem Gefängnis. Mit der linken Hand, weil die rechte durch die Gewalt verletzt war, schrieb sie auch, wie sie ihre Peiniger gebeten hat, sich verteidigen zu können: "Ich bin dreymal vor sey auff die Knie gefalle ..." Aber sie bekam weder Verteidiger noch Gnade. Auch die Intervention des Jesuiten Friedrich Spee, der damals mutig gegen "Folter und Hexenwahn" sprach, konnte nichts ausrichten. Das Generalvikariat des Kölner Erzbistums schmückt sich heute übrigens mit einer Plakette des "Hexen-Verteidigers".

Am 19. Mai 1627 wurde Katharina Henot auf einem Karren vom Kölner Stadtkern zum Melaten-Friedhof hinter die Stadttore gebracht. Dort wurde sie erdrosselt und anschließend in einer Hütte verbrannt.

Studieren mit dem Geld der Hexen-Tante?


Hanns Joachim Hirtz betrachtet sein Hartger-Henot-Gemälde
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Aug' in Aug' mit dem Vorfahr Hartger Henot

Nach Katharinas Tod richtete deren Bruder Hartger Henot von dem Erbe eine Studien-Stiftung ein. Er legte fest, wer aus der Familie Medizin, Theologie oder Recht studieren wollte, sollte unterstützt werden. Aber nur wenn Fleiß, Eifer und gute Sitten vorhanden waren. Das Geld wird heute von dem Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds verwaltet und vergeben. Weil die Abstammung auch für den jüngsten Spross der Familie, für die 15-jährige Enkelin, belegt ist, könnte sie bald sogar von dem früheren Reichtum ihrer 17-maligen Ur-Tante profitieren. Mit ihrem geplanten Medizin-Studium hat sie gute Chancen.

Der Ur-Onkel ist ziemlich präsent im Hause Hirtz im Kölner Stadtteil Lindenthal. In der Diele hängt eine Gemälde-Kopie, auf der ein Engel Hartger den Weg ins Licht zeigt. Hartger war Domherr zu Köln und mit etlichen anderen kirchlichen Würden ausgestattet. Dennoch hatte er seiner Schwester nicht helfen können. Aus Protest gegen das Todesurteil legte er alle Ämter nieder. Hanns Joachim Hirtz interpretiert das Gemälde so: "Lass die Insignien der Macht hinter Dir und folge dem Licht und der Wahrheit".

Kölner verehren sie fast wie eine Heilige

Die Wahrheit, warum Katharina Henot sterben musste, wird wohl nicht mehr ans Licht kommen. Historiker, Hobby- und Ahnenforscher haben sich schon daran abgearbeitet. Auch ein Roman und ein Theaterstück wurden geschrieben. Eine Straße und eine Schule tragen ihren Namen. Die Kölner Musiker Bläck Fööss haben ihr ein Lied gewidmet - Du lebst in unserem Herzen 'drin, singen sie. "Wahnsinn, was man findet, wenn man bei Google ihren Namen eingibt", sagt die junge Enkelin.

"Neid und Geldgeilheit" brachten sie um

Fragt man ihre Oma Hannelore Hirtz, so haben die hohen geistlichen Herren es nicht gelitten, dass eine schöne Frau auch noch reich und erfolgreich war. Für Opa Hanns Joachim Hirtz waren die Neider geldgeil: "Stadtrat und katholische Kirche sind beide schuldig." Aber wer lancierte die Gerüchte? Die Kirche jedenfalls überließ den Fall der Politik. Ein weltliches Gericht hatte schließlich das Todesurteil gesprochen.

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Verewigt als Statue am Rathausturm


Rathausturm Köln
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Kölner Rathausturm

Hanns Joachim Hirtz hat sie alle besichtigt, die Stätten, an denen seine Vorfahrin gelebt und gelitten hat. Am Rathausturm, zweiter Stock Mitte, erinnert eine Statue an sie. Geschaffen wurde sie von der Bildhauerin Marianne Lüdicke, selbst auch Nachfahrin der Henot. Links neben der Figur hängt Friedrich Spee. Hat der Hobby-Forscher Hirtz auch die Stelle gesehen, wo der Leichnam verbrannt wurde? Da schüttelt er den Kopf - die habe er nicht gefunden. Wahrscheinlich werde die bewusst geheim gehalten, damit keine Pilgerstätte entstehe.

"Gerechtigkeit muss siegen"

Fragt man die Hirtz', ob sie stolz sind auf die Hexe in ihrer Familie, sind sie sich nicht ganz einig. Der 47-jährigen Tochter Martina tut die Frau vor allem "unendlich leid, wie jede andere Frau auch, die leiden muss". Die Enkelin meint, wenn sie nicht verbrannt worden wäre, würde man heute gar nicht von ihr sprechen. Deswegen seien sie ihr schuldig, für eine Rehabilitierung zu sorgen. Das wäre eine große Sensation, meint der Großvater, geht aber davon aus, dass sie tatsächlich bevorsteht: "Katharinas Geschichte hat überlebt - sie soll als Mahnmal dafür stehen, dass Gerechtigkeit siegen muss."

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Immer mehr Städte rehabilitieren ihre Hexen

Den Bürgerantrag auf "sozialethische Rehabilitation" der Katharina Henot und der anderen Opfer der Hexenprozesse in Köln hat der pensionierte evangelische Pfarrer Hartmut Hegeler (65) aus Unna gestellt. Er treibt seit einigen Jahren in mehreren Städten Rehabilitationen voran. Im Kölner Fall machte er Henot-Nachfahren ausfindig und suchte sich auch Unterstützung beim Kölner Frauengeschichtsverein und den Bläck Fööss. Acht Städte in Deutschland, davon fünf in NRW, hätten bereits aus moralisch-ethischen Gründen Opfer der Hexenprozesse rehabilitiert - beispielsweise Rüthen, Menden und Düsseldorf. Neben Köln seien in weiteren fünf Städten Anträge an die Stadträte gestellt worden.

Stichworte

Drei populäre Irrtümer zum Thema Hexen

Weltliche, nicht kirchliche Gerichte urteilten über den "Schaden durch Zauberei". Grundlage für die Hexenprozesse in Deutschland war die kaiserliche Gesetzgebung.

In evangelischen Gebieten kamen Hexenverbrennungen ebenso vor wie in katholischen. In der evangelischen Stadt Minden und im Stiftsgebiet Minden zum Beispiel habe es mindestens 260 Hinrichtungen gegeben, fast ein Rekord in Westfalen, berichtet der Hexenforscher und evangelische Theologe Hartmut Hegeler. Vom Reformator Martin Luther gebe es mehrere überlieferte Predigten gegen Hexen.

Nicht nur Frauen, auch Männer wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Nach Hegelers Recherchen waren 25 bis 30 Prozent der Opfer männlich. Insgesamt seien im deutschen Gebiet zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert schätzungsweise 25.000 Menschen als Hexen und Zauberer angeklagt und getötet worden.


Stand: 29.12.2011, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (17)

letzter Kommentar: 31.12.2011, 13:55 Uhr

Ursel schrieb am 31.12.2011, 13:55 Uhr:
Wer keine anderen Aufgaben oder Probleme hat!
DetlefausDuisburg schrieb am 29.12.2011, 17:38 Uhr:
@Kölner: Ich empfehle zum Einstieg das Stichwort Hexenverfolgung bei Wiki. Dort werden Luther und Calvin zitiert.Auch finden sich dort Hinweise auf Standardwerke zum Thema. Die zahlenmäßig meisten Verfolgungen fanden in ev. Territorien statt.Gruß aus Duisburg.@Anonym 17.03: Sie hätten wirklich besser geschwiegen, denn die Inquisition hatte mit Hexenverfolgung so gut wie nichts zu tun.Sie verfolgte Häretiker und nicht Hexen. Keine Ahnung, aber unter anonym immer für `nen flotten Spruch gut.
Kölner schrieb am 29.12.2011, 17:11 Uhr:
@DetlefausDuisburg : Die Sache mit der Nachhilfe ist gar keine schlechte Idee von ihnen! Aus ihren Aussagen wird man nicht ganz schlau: Haben nun die Evangelischen die Hexenprozesse gefördert (gefordert?) oder haben sie diese bekämpft? Aber ist ja nicht so wichtig, viel wichtiger sind die aktuellen Geschehnisse um die beiden Kirchen. Verbrannt wird heutzutage hoffentlich niemand mehr - in diesem Sinne auch von mit einen guten Rutsch!
Anonym schrieb am 29.12.2011, 17:04 Uhr:
Das Beste ist, mit der Kirche gar nicht mehr reden. Wenn "Vereinsmitglieder" ungestraft getötet, verbrannt werden dürfen, stimmt was nicht mit dem Religions-Verein (kath. Kirche) und der Gesellschaft. Mein Tipp: Austreten und den rechten Weg ohne Hilfe finden. Das prähistorische "Navi-System", die Bibel funktioniert ohnehin nicht. Selbst die Städte (Größe und Lage) wurden dort falsch beschrieben. Ich bin ganz sicher, Gott weiß, was an den Kölnern für Freude hat: Baustelle Dom, U-Bahn, Hochwasser, etc.
Anonym schrieb am 29.12.2011, 17:03 Uhr:
@Detlef aus Duisburg: Klar, das mit der Inquisition waren Protestanten, der Teufel trinkt am liebsten Weihwasser und der Papst ist schwanger.

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