Zum Tod von Hans Werner Henze Der volle, wilde Wohlklang

Von Silke Wortel

In der Musikavantgarde galt er als Außenseiter. Trotzdem war Hans Werner Henze einer der meistgespielten zeitgenössischen Komponisten in Deutschland. Am Samstag (27.10.2012) starb er im Alter von 86 Jahren in Dresden.


Hans Werner Henze dirigiert das London Symphony Orchestra 1986
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Hans Werner Henze

Video und Audio

"Die Menschen sind doch ein anbetungswürdiges Geschlecht, voller Stimmungen und Gefühle, von großer Erfindungsgabe, schönheitsbedürftig", antwortet Hans Werner Henze vor einigen Jahren auf die Frage, woher er seinen Optimismus nehme. Den "schönheitsbedürftigen" Menschen schreibt Henze Musik, mehr als 70 Jahre lang. Schon mit zwölf Jahren komponiert er seine ersten Klavierstücke. Geboren 1926 in Gütersloh, studiert Hans Werner Henze ab 1942 Klavier, Schlagzeug und Musiktheorie an der Staatsmusikschule Braunschweig. Sein Vater ist Dorflehrer und überzeugter Nationalsozialist. Dass sein Sohn die Nazis ablehnt und vor allem dessen homosexuelle Neigungen führen früh zu erbitterten Konflikten zwischen Vater und Sohn.

Gegen den Strom der seriellen Musik


Der Kriegseinsatz bleibt Henze nicht erspart: Im Januar 1944 wird er zur Wehrmacht eingezogen, gerät später in britische Kriegsgefangenschaft, aus der er kurz nach Kriegsende entlassen wird. Nach dem Krieg – aus dem sein Vater nicht zurückkehrt – beginnt Hans Werner Henze ein Komponistenstudium bei Wolfgang Fortner in Heidelberg. Mit der Oper "Boulevard Solitude", die 1952 in Hannover uraufgeführt wird, beginnt sein Aufstieg zu einem der bedeutendsten Opernkomponisten seiner Zeit. Doch schnell wird klar: In der Musikavantgarde ist der junge Henze ein Außenseiter. Seine fast gleichaltrigen Komponisten-Kollegen Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen haben sich Ende der 40er Jahre der so genannten seriellen Musik verschrieben, einer Weiterentwicklung der Zwölftonmusik, die sehr strengen Zahlen- und Proportionsregeln folgt. Henze jedoch sperrt sich gegen die "Unterwerfung unter ein technisches Prinzip" und setzt dem eine stilistisch offene, politisch engagierte Musik entgegen. Seine bevorzugte Kompositionsweise ist zwar auch die Zwölftonmusik, allerdings betrachtet Henze sie als eine Ausdrucksform von vielen.

Tiefe Freundschaft zu Ingeborg Bachmann

Obwohl Henze der Musikavantgarde zu angepasst ist, dem Abonnentenpublikum ist seine Kunst noch immer zu schrill. Unglücklich über das gesellschaftliche Klima in der Adenauer-BRD und die mangelnde Aufarbeitung der Nazizeit einerseits und enttäuscht vom der dogmatischen Musikavantgarde andererseits verlässt Henze Deutschland. 1953 geht er nach Italien. 1964 lernt er in einem Antiquariat in Rom Fausto Moroni kennen. Die beiden werden ein Paar und leben in Marino bei Rom zusammen, bis Moroni 2007 stirbt.


Auf einen Empfang für Künstler und Wissenschaftler am 04.09.1965 in Bayreuth: Vordere Reihe (l-r) die Schauspielerin Agnes Fink, die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und Rut Brandt, dahinter (l-r) der Regisseur und Schauspieler Bernhard Wicki, der Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner, der Komponist Hans Werner Henze, der Schriftsteller Günter Grass, Willy Brandt und der Berliner Wirtschaftssenator Karl Schiller
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Im Kreise zeitgenössischer Künstler und Politiker 1965

Eine tiefe, künstlerisch produktive Freundschaft verbindet Hans Werner Henze mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. "Ich lehnte mich an sie an. Ihr Geist half meiner Schwachheit auf", sagt Henze später über seine Zeit mit der österreichischen Schriftstellerin. "Der junge Lord" und "Der Prinz von Homburg", beides Libretti von Bachmann, gehören zu seinen bekanntesten Bühnenwerken. Auch zu anderen Dichtern und Schriftstellern hat der Komponist Zeit seines Lebens enge Verbindungen. Im Dialog mit zeitgenössischen Autoren wie Grete Weil, Wystan Hugh Auden, Edward Bond, Hans-Ulrich Treichel und Hans Magnus Enzensberger erschließt er sich klassische Vorlagen.

Skandal um "Floß der Medusa"

Als in Westdeutschland Mitte der 60er Jahre die erstarrten Verhältnisse aufbrechen, beginnt Henze, seine gesellschaftlich privilegierte Lage als Künstler in Frage zu stellen. Seine Musik wird radikaler, avantgardistischer. 1968 muss in Hamburg die Uraufführung seines Oratoriums "Floß der Medusa" unter Tumulten abgebrochen werden, nachdem einige Mitwirkende sich weigern, unter einer roten Fahne aufzutreten. Henzes künstlerische Neuorientierung geht einher mit einem Bekenntnis zur politischen Verantwortung. Er unterstützt aktiv die SPD, arbeitet für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS, beherbergt den vom Attentat genesenden Rudi Dutschke und nimmt einen Lehrauftrag in Kuba an.


Hans Werner Henze während einer Probe 1982
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Kaum erfassbares Œuvre

In den folgenden Jahren macht der offizielle deutsche Musikbetrieb einen Bogen um den politischen Musiker, den "roten Henze". Erst seine Neu-Inszenierung von "Boulevard Solitude" 1976 in Stuttgart bringt die Wende. Seither ist Henze einer der meistgespielten lebenden Opernkomponisten. "Von Anfang an hatte ich Sehnsucht nach dem vollen, wilden Wohlklang" ist sein künstlerisches Credo, und das lebt er in vielfältiger Form aus. Zwar liegt der Schwerpunkt seines Schaffens beim Musiktheater – er schreibt weit über 20 Opern - , doch es gibt kaum eine Gattung, die er auslässt: Ballett, Solokonzerte, Sinfonien, Oratorien, Kammermusik, Filmmusik. Henzes Werkverzeichnis ist über 100 Seiten lang.

Ruhr2010: "I love Henze"

"Er ist eine Art musikalischer Heinrich Heine unserer Zeit, der seine Stimme aus dem Exil entfaltet", schreibt Johannes Hirschler im Branchenmagazin "Die deutsche Bühne" anlässlich Henzes 75. Geburtstag. Im gleichen Jahr, 2001, wird Henzes Medusa-Oratorium, das Ende der 60er Jahre noch durchgefallen war, von einem begeisterten Hamburger Publikum gefeiert. Im Kulturhauptstadtjahr ehrt ihn das Ruhrgebiet mit einer besonderen Hommage. Unter dem Titel "I love Henze" wird sein Werk in verschiedenen Konzerten und Retrospektiven gewürdigt, in Essen seine Oper "Elegie für junge Liebende" aufgeführt. Bei der Ruhrtriennale wendet sich Henze im selben Jahr mit der Uraufführung der Oper "Gisela" an ein junges Publikum.


Hans Werner Henze 18.12.09 im Aalto-Musiktheater in Essen während einer Pressekonferenz zur Werkschau "Das Henze-Projekt. Neue Musik für eine Metropole"
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"Ich wollte immer bei den Menschen sein"

Neben seinem politischen Engagement bemüht sich Henze immer darum, moderne Musik fassbar und verstehbar zu machen. Als Festival zur Verbreitung Neuer Musik gründet er 1976 das Cantiere Internazionale d’Arte in Montepulciano, 1988 ruft er die Münchener Biennale ins Leben, das Internationale Festival für neues Musiktheater. 1980 bis 1991 ist er Professor für Komposition an der Kölner Musikhochschule. Verstehen und verstanden werden, die Kommunikation mit Publikum und Nachwuchs prägt sein Werk. "Ich wollte immer bei den Menschen sein, im Leben der Menschen und nicht am Rande mit vornehmen Abwendungen", sagt er einmal. "Es war mir wichtig, mein Denken und mein Schreiben und mein Tun einzubringen in einen größeren Kontext, um mich nicht allein in dieser irrsinnigen Zeit bewegen zu müssen."


Stand: 27.10.2012, 16.31 Uhr


Kommentare zum Thema (1)

letzter Kommentar: 27.10.2012, 20:32 Uhr

Eddy schrieb am 27.10.2012, 20:32 Uhr:
Hans Werner Henze wird mir vor allem durch seine Filmmusik in Erinnerung bleiben. Unvergessen ist vor allem seine Musik zu dem Film von Volker Schlöndorf "Die verlorene Ehre der Katharina Bulm". Der Musik verdankt der Film seine Wirkung.


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