Ausstellung - Briefe von Schriftstellerinnen Stirbt die Handschrift aus?

Früher schrieb man alles mit der Hand. Briefe, Notizen und Manuskripte berühmter Schriftstellerinnen werden seit Sonntag (29.07.2012) in einer Ausstellung in Düsseldorf gezeigt. Doch wie sieht es mit dem Schreiben im Computer-Zeitalter aus? Wir sprachen mit einer Graphologin.


Schrift von Anna Seghers

Ärger mit Freunden oder im Beruf, schlimme Kriegserlebnisse, traurige Gedichte – einen Blick in den Alltag 22 berühmter Schriftstellerinnen aus drei Jahrhunderten bietet die Ausstellung "gepfeffert – salzig – bittersüß" im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut (bis 07.10.2012). Darunter sind handgeschriebene Briefe, Manuskripte und Postkarten von Erika Mann, Bettina von Arnim und Else Lasker-Schüler. Was für diese Frauen normal war, wird heute immer seltener praktiziert: Schreiben mit Hand. Stattdessen wird auf dem Laptop getippt und mit dem Handy gesimst. Gertraud Hoffmann, Vorsitzende des Fachverbands Deutscher Graphologen, glaubt jedoch, dass die Handschrift noch lange ein Teil unserer Kultur bleiben wird. Graphologen analysieren Handschriften, um daraus zum Beispiel Schlüsse auf die Persönlichkeit des Schreibers zu ziehen. 


Schrift von George Sand
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George Sand (1804 -1876) hat sich in Paris eine männliche Identität zugelegt. Sie zog Männerkleidung an, weil sie als Frau ohne Begleitung nicht in Theater oder Kabaretts hereingekommen wären. Ihre Schrift sei flexibel und vernunftbezogen, sagt Gertraud Hoffmann. Sie signalisiere: "Ich weiß, was ich will."

WDR.de: Frau Hoffmann, bei der Arbeit, im Büro und zu Hause – kaum ein Ort, wo nicht mit Computern gearbeitet wird. Wenn man an jemanden eine Nachricht schreibt, dann wird getippt statt einen Stift in die Hand zu nehmen. Stirbt die Handschrift aus?

Gertraud Hoffman: Es wird zwar weniger mit der Hand geschrieben, aber das an sich ist ja noch nicht dramatisch. Wenn es soweit käme, dass Schreiben nicht mehr unterrichtet würde, dann hätten wir ein Problem. Ein jahrtausendealtes Kulturgut würde verschwinden.

WDR.de: Kürzlich kam eine englische Studie heraus, derzufolge jeder dritte Erwachsene nur noch kritzeln kann, weil er nur noch selten schreibt. Kann man das Schreiben verlernen?

Hoffmann: Wenn eine Schrift ausgereift ist, ist das wie mit der erlernten Gangart, die ganz individuell ist, oder wie mit dem Radfahren: Das verlernt man nicht. Nach einer langen Pause ist man anfangs zwar etwas ungeschickt, aber dann ist alles wieder da. Etwas anderes ist es, wenn jemand keine ausgereifte Schrift hat. Der kann zurückfallen. Bei ihm ist die Bewegung der Hand dann nicht mehr so ausdifferenziert und die Schrift womöglich vergröbert, holprig und er muss häufiger ansetzen. Er wird länger brauchen, um auf seinen alten Stand zu kommen.   

WDR.de: Was verstehen sie unter einer ausgereiften und einer nicht ausgereiften Handschrift?


Handschrift von Annette von Droste-Hülshoff
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Die schöne und ordentliche Gliederung bei Annette von Droste-Hülshoff (1797 - 1884) deute darauf hin, dass sie alles da haben musste, wo sie es für richtig befand, so die Einschätzung der Graphologin. Die Buchstaben wie etwa das "W" seien sich ähnlich. Hoffmann nennt es "formtreu". Das sei ein Zeichen dafür, dass sie sich selbst treu gewesen sei. Die vom Katholizismus geprägte von Droste-Hülshoff schrieb schon früh religiöse Gedichte.

Hoffmann: Wenn man erwachsen ist, kann man eine gereifte Schrift entwickelt haben. Die ist dann störunanfällig, eine echte Schrift also: Man denkt während des Schreibens nicht darüber nach, sondern es läuft automatisch ab. Wenn aber jemand nicht die Gelegenheit hatte und zu wenig geübt hat, Gedanken in Sätze zu fassen, wird sich die Vernunft einschalten und Kontrolle ausüben: 'Der Buchstabe könnte aber größer sein', denkt man dann. Wer schon als Jugendlicher wenig schreibt und stattdessen viel tippt, läuft Gefahr, die Entwicklung nicht bis zum Ende zu durchlaufen. Dann hat man vielleicht die Schrift und Grammatik gelernt, aber nicht tief genug verinnerlicht.

WDR.de: Lässt sich das ändern?

Hoffmann: Ja, durchs Üben. Das geht in jedem Alter. Dann entwickelt sich die Handschrift mit der Persönlichkeit. Die verändert sich im Laufe des Lebens, je nachdem was man erlebt, und das spiegelt sich im Geschrieben wieder.

WDR.de: Warum ist es eigentlich so wichtig, mit der Hand schreiben zu können, wenn es doch Alternativen gibt, die schneller sind, wie etwa das Tippen im Zehn-Fingersystem?

Hoffmann: Mag sein, dass es schneller geht bei manchen. Aber Handgeschriebenes kann man sich besser merken. Und es ist wichtig für das Gehirn, weil der für Sprache zuständige Gehirnteil mit der Motorik zusammenarbeitet. Es ist quasi auch ein Gehirnjogging. Und Handgeschriebenes ist viel persönlicher. Solange digitales Schreiben und das mit der Hand parallel existieren, ist alles in Ordnung. Und dass Schreiben im Unterricht so bald abgeschafft wird, davon gehe ich nicht aus.

Das Gespräch führte Lisa von Prondzinski.


Stand: 29.07.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (10)

letzter Kommentar: 31.07.2012, 13:38 Uhr

Roland schrieb am 31.07.2012, 13:38 Uhr:
Ich schreibe überhaupt nichts mehr mit der Hand, selbst Einkaufs"zettel" kann ich heute ins Smartphone eingegeben. Zu Hause experimentiere ich mit einer Sprachsteuerung für meinen Rechner um Texte einfach nur sprechen zu müssen um sie dann vom Rechner automatisch in Schriftform zu konvertieren. Eine spannende Zukunft finde ich.
No Na Me schrieb am 31.07.2012, 00:23 Uhr:
Ich möchte echt mal wissen, wieviele Leute noch Dinge in Stein hauen können und ob sie das vermissen. Aber schreiben, zeichnen, skizzieren muß man lernen und wer das dann so wenig benutzt, dass er es wieder verlernt, dann braucht er es offenbar nicht wirklich dringend. Ich schreibe viel weniger mit der Hand als früher, aber wenn ich es tue, dann tue ich es gerne. Menschen, denen das keinen Spaß macht, vermeiden es so oder so, die haben auch früher nicht geschrieben. Mich würde mal interessieren, ob heute mehr geschrieben wird als früher, wenn auch weniger mit der Hand. Ich vermute mal, ja. Wäre ja auch nicht schlecht, oder? Kurz: Das ist größtenteils pure Nostalgie.
Dieter schrieb am 30.07.2012, 11:40 Uhr:
Mit verblöden hat das nix zu tun es beginnt einfach nen neues Zeitalter, alte Techniken werden obsulete und durch neue ersetzt, als die Römer von Stein/Schiefertafeln auf Papier gewechselt haben hat bestimmt auch keiner gesagt sie verblöden...
Taxifahrer schrieb am 30.07.2012, 10:48 Uhr:
Paßt ins Konzept: Deutschland verblödet.
Horst schrieb am 30.07.2012, 10:00 Uhr:
Ich bin vorallem für die Abschaffung von groß und kleinschreibung, die meisten Leute mich inbegriffen bekommen das sowiso nicht richtig hin und im Englischen kommt man ja auch ohne aus...

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